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Der 32-jährige Yves R. hat zu Prozessbeginn vor dem Offenburger Landgericht ein Geständnis abgelegt. Er soll im Juli 2020 bei Oppenau (Ortenaukreis) vier Polizisten entwaffnet und sich im Wald verschanzt haben.

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Zurückhaltend, fast schüchtern, und vor allem still: Der Angeklagte Yves R. hat sich nicht selbst zu den Vorfällen im Juli 2020 geäußert, die die Polizei und Öffentlichkeit in Atem gehalten haben. Am ersten Prozesstag ging es zwar um das Geständnis, aber das hat die Verteidigung verlesen. Außerdem wurden Zeugen gehört, Beamte, die etwas zur spektakulären Festnahme des damals 31-Jährigen sagten. Weiter geht es am voraussichtlich am Freitag, 22. Januar.

Der erste Prozesstag zum Nachlesen in chronologischer Reihenfolge:

Yves R. legt Geständnis ab

Der Angeklagte Yves R. hat sich am ersten Prozesstag vor dem Landgericht Offenburg ausführlich geäußert und ein Geständnis abgelegt. Er, der zurückhaltend wirkt, hat aber nicht selbst gesprochen. Die Verteidigung hat eine Stellungnahme von ihm verlesen. Darin bestätigt Yves R., dass er sich in der Gartenhütte aufgehalten hatte. Yves R. habe sich in einer Lebenskrise befunden und beschlossen, eine Wanderung durch Deutschland zu machen. Eine Art Probelauf habe er im Oppenauer Wald gemacht: Zunächst habe er sein Lager unter freiem Himmel aufgeschlagen, anschließend in der Gartenhütte, wo er einige Male übernachtet habe, bevor er von der Polizei kontrolliert worden sei. Pfeil und Bogen habe er bei sich gehabt, sie lagen laut der Aussage auf dem Boden der Hütte.

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Polizeibeamter zurückgewichen

Es sei zu einer Diskussion mit einem der Polizisten gekommen, so Yves R. Daraufhin habe er eine Schreckschusswaffe gezogen, die nicht als solche erkennbar gewesen sei. Der Polizeibeamte sei zurückgewichen und habe die Hütte verlassen. An das anschließende Gespräch erinnert sich der Angeklagte nach eigenen Angaben nicht mehr. Aber er habe die Beamten gebeten, ihre Waffen abzulegen.

Waffen behalten und im Wald versteckt

Er habe nur gewusst, dass er nun verschwinden müsse. Er gab an, die Waffen behalten zu haben, damit sie nicht in falsche Hände gerieten, aber sie nicht benutzt zu haben. Er sagte aus, sich im Wald versteckt zu haben, weil er nicht ins Gefängnis wollte. Die Polizei, so sagte er, sei manchmal nur ein paar 100 Meter entfernt von ihm gewesen, aber er habe nicht gewusst, in welchem Maße nach ihm gesucht worden sei. Irgendwann seien ihm die Vorräte ausgegangen. Yves R. hat nach eigenen Angaben den Wald verlassen, weil er zu seiner Mutter wollte.

Nach eigenen Angaben im Affekt zum Beil gegriffen

Als er erkannt habe, dass die Polizei mit vielen Bussen vor Ort gewesen sei, seien ihm folgende Gedanken gekommen: "Man hat versucht, mich zum Aufgeben zu bewegen. Ich wollte einfach, dass ich nicht aufgeben muss, sondern überwältigt werde." Er habe niemanden verletzen wollen. Aber als der Tazer (Elektroschockpistole, Anmerkung der Redaktion) ihn getroffen habe, habe er im Affekt nach dem Beil gegriffen. Er gab an, sich bei dem Beamten entschuldigt zu haben.

Der Angeklagte Yves R. (blauer Pullover) sitzt im Verhandlungssaal zwischen seinen Verteidigern während Medienvertreter die Szene filmen und fotografieren. Nach seiner tagelangen Flucht im Juli 2020 im Schwarzwald muss sich ein 31 Jahre alter Mann wegen Geiselnahme verantworten. Der Angeklagte soll vier Polizisten entwaffnet und bei seiner Festnahme einen Beamten verletzt haben. Aufgrund von Corona-Schutzmaßnahmen findet die Verhandlung in einer Mehrzweckhalle statt.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Philipp von Ditfurth)
Blick in die Reithalle Offenburg, die coronabedingt zum Gerichtssaal umfunktioniert worden ist picture alliance/dpa | Philipp von Ditfurth

Zeugen-Befragung am ersten Prozesstag

Nach dem Geständnis des Angeklagten, dass die Verteidigung verlesen hatte, befragte der Richter einen Kriminalkommissar als Zeugen in dem Fall. Er gab an, dass der Angeklagte nach der Festnahme offen über die knappe Woche auf der Flucht geredet habe. Im Blut von Yves R. seien keine Drogen oder Medikamente nachweisbar gewesen. Der SEK-Beamte, der bei der Festnahme verletzt wurde, sei noch nicht wieder arbeitsfähig. Es sei unklar, ob er seinen Beruf weiterhin ausführen könne. "Es ist dann Innendienst an der Tagesordnung", so der Kriminalkommissar.

Es habe wie ein Versteckspiel gewirkt

Außerdem gab der Zeuge an, dass das Ganze wie ein Versteckspiel gewirkt habe und dass Yves R. erleichtert gewesen sei, gefunden worden zu sein. Die Polizisten in und vor der Gartenhütte hatten laut Aussage des Zeugen ihre Waffen zur Eigensicherung abgelegt. Der Angeklagte sei bei der Festnahme psychisch auffällig gewesen und hatte wohl mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen. Er habe einen Brief an seine Mutter geschrieben und darum gebeten, diesen zu übergeben. Was in dem Brief stünde, wisse er nicht, so der Kriminalkommissar auf Nachfrage des Richters. In der Gesellschaft werde der Angeklagte als Exot wahrgenommen. "Er war mal Punk und ist immer aufgefallen", so der Zeuge.

Am schwersten wiegt der Vorwurf der Geiselnahme

In einer Pause am ersten Prozesstag vor dem Landgericht Offenburg hat sich der Sprecher der Staatsanwaltschaft Kai Stoffregen in einem SWR Interview geäußert. "Der schwerste Vorwurf ist der der Geiselnahme. Bei fünfjähriger Mindeststrafe sind wir schon bei einer sehr hohen Freiheitsstrafe", so Stoffregen. Er ergänzt zum möglichen Motiv des Angeklagten Yves R.: "Inwieweit das Spontanhandlungen waren, was er damit bezweckt hat, ist sicherlich für die Strafzumessung aus Sicht des Gerichts ein sehr wichtiger Punkt."

SEK-Beamte kamen zur Verstärkung

Zur Festnahme des Angeklagten sagten mehrere Polizeibeamte aus. Einer sagte aus, dass er Yves R., der in einem Gebüsch kauerte, zunächst beruhigen wollen. Der habe mehrmals wiederholt, dass es vorbei sei, dass es für ihn nicht weiterginge. Zu dem Zeitpunkt habe der Angeklagte vier Schusswaffen bei sich gehabt. Den eigentlichen Zugriff habe dann ein Spezialeinsatzkommando übernommen. Der Zeuge sagte im Dialog mit den Verteidigern außerdem, dass niemand seitens der Polizei die Lage habe einschätzen können.

"Die Menschen aus dem Dorf haben ihn als ,eigentlich harmlos' eingestuft. Wir wussten aber, dass wir einen schwer bewaffneten Mann im Wald suchen."

Polizeibeamter über die Suche nach Yves R.

Beamter schildert Festnahme

Am Nachmittag des ersten Prozesstages hat ein weiterer Polizeibeamter ausgesagt. Er war an der Festnahme des Angeklagten Yves R. beteiligt. "Ich habe ihn erst erkannt, als er direkt vor mir stand", sagte der Beamte. Er habe den Angeklagten angeschrien und aufgefordert, die Arme von sich zu strecken. Darauf habe Yves R. nicht reagiert. "Das Einmaleins der Festnahme war damit erschöpft", sagte der Beamte vor Gericht aus.

Angeklagter wollte Waffe bei Festnahme wohl nicht weglegen

Die Dienstwaffen lagen laut dem Polizisten in der Reichweite von ihm und Yves R. Auf die zweite Ansprache habe der Angeklagte dann reagiert. "Ich habe ihn angewiesen, dass er keine falsche Regung machen darf, sonst würde ich ihn erschießen", schilderte der Zeuge die Situation. Yves R. habe die Waffe nicht weglegen wollen und gesagt: "Weil ich ein Germane bin so wie sie. Ein Germane stirbt mit der Waffe in der Hand."

Ende unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Der erste Prozesstag vor dem Landgericht Offenburg endet unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es soll noch der Brief verlesen werden, den Yves R. während seiner Flucht seiner Mutter geschrieben und den Polizisten gegeben hatte. Bekannt ist, dass sich der Angeklagte darin entschuldigt und seiner Mutter seine Absichten erklären wollte. Der nächste Verhandlungstermin ist für Freitag, 22. Januar, angesetzt.

Anklagepunkte gegen Yves R.

Geiselnahme und Verstöße gegen das Waffengesetz, gefährliche Körperverletzung mit tätlichem Angriff gegen Vollstreckungsbeamte - das wird dem Mann vorgeworfen, der im vergangenen Juli die Kleinstadt Oppenau im Schwarzwald in Atem gehalten hat. Seit Freitag, 15. Januar, muss sich der 32-jährige Angeklagte Yves R. vor dem Landgericht Offenburg verantworten. Coronabedingt findet das Verfahren in der Reithalle in Offenburg statt.

Sechs Monate danach: Ein Besuch in Oppenau

Sechs Verhandlungstage geplant

Für das Verfahren hat das Landgericht Offenburg sechs Verhandlungstage angesetzt. Neben dem Angeklagten sollen am ersten Prozesstag Zeugen aussagen, die etwas zur Festnahme sagen können. Das geht aus der Mitteilung der Staatsanwaltschaft vor Prozessbeginn hervor. Das Urteil soll am 19. Februar fallen.

Was ist im Juli 2020 passiert? Ein Rückblick in Kürze

In der Kleinstadt Oppenau im Ortenaukreis herrschte eine knappe Woche lang Ausnahmezustand. Der Angeklagte Yves R. soll am Sonntag, 12. Juli 2020, bei einer Kontrolle an seiner Gartenhütte eine echt aussehende Schreckschusswaffe gezogen und einen Polizisten als Geisel genommen haben. Anschließend soll er vier Polizisten entwaffnet und sich im Wald versteckt haben. Mit einem Großaufgebot von insgesamt 2.500 Beamten und mehreren Hubschraubern hat die Polizei in den Wäldern rund um Oppenau nach dem Mann gesucht. Am sechsten Tag wurde er festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft. Bei seiner Festnahme soll er einen Polizisten mit einem Beil am Bein verletzt haben.

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Die ausführliche Berichterstattung im Liveblog aus dem Juli 2020:

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