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Der Prozess um eine Gruppenvergewaltigung in Freiburg ist nun zu Ende gegangen. Vor dem Landgericht Freiburg sind am Donnerstagvormittag die Urteile gefallen.

In dem monatelangen Prozess um eine Gruppenvergewaltigung in Freiburg sind am Donnerstagvormittag vor dem Landgericht Freiburg die Urteile gefallen. Die meisten Angeklagten wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Hauptangeklagte muss wegen Vergewaltigung für fünf Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Das ist genau das Strafmaß, das die Staatsanwaltschaft für ihn gefordert hatte. Weitere sechs Angeklagte wurden wegen Vergewaltigung zu Freiheitsstrafen zwischen vier Jahren und drei Monaten und drei Jahren verurteilt. Drei Angeklagte wurden wegen unterlassener Hilfeleistung zu geringen Haftstrafen verurteilt.

Reaktionen der Staatsanwaltschaft und Verteidigung

Staatsanwalt Rainer Schmid zeigte sich nach der Urteilsverkündung zufrieden mit den "intensiven und guten Ermittlungen der Polizei und Staatsanwaltschaft und der akribischen Beweisaufnahme des Gerichts." Das sagte er auf SWR-Nachfrage. Der wesentliche Teil der Beweisaufnahme sei gegen Ende des Prozesses gekommen mit den Gutachten und objektiven Befunden wie DNA-Spuren. "Diese DNA-Treffer waren der Anhaltspunkt für die Anklageerhebung." Einer der Verteidiger, Rechtsanwalt Jörg Ritzel, geht davon aus, dass sein Mandant, der Hauptangeklagte, Revision einlegen wird. Denn das Verfahren, so Ritzel, sei nicht so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Das Gutachten sei fragwürdig und die Geschädigte habe sich in erhebliche Widersprüche verstrickt. Sein Mandant bestreite nach wie vor die Tat.

Junge Frau wurde wohl mehrere Stunden lang vergewaltigt

Nacheinander haben die Männer nach Überzeugung des Gerichts die Frau vergewaltigt. Eine gleichzeitige Vergewaltigung durch mehr als einen Täter sei nicht sicher nachzuweisen, sagte der Vorsitzende Richter. Zweieinhalb Stunden soll es gedauert haben, bis die die Täter von ihrem Opfer abließen. Als die 18-Jährige vor der Disco zu sich kam, soll ihr einer der Mittäter geholfen haben. Von mehreren Angeklagten sind später DNA-Spuren an der jungen Frau gefunden worden.

Eine Einordnung der SWR-Rechtsredaktion

Christoph Kehlbach aus der SWR-Rechtsredaktion hat das Urteil nach der Verkündung eingeordnet (Audio):

Urteile noch nicht rechtskräftig

Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Die Prozessbeteiligten können Rechtsmittel einlegen. Der Hauptangeklagte nahm das Urteil mit Tränen in den Augen auf. Der einzige Deutsche auf der Anklagebank schüttelte bei der Urteilsverkündung den Kopf.

Sicherheitsgefühl in Freiburg erschüttert

Bundesweit in den Schlagzeilen

Der Fall, der deutschlandweit Schlagzeilen gemacht hat, beginnt im Jahr 2018. In einer Nacht Mitte Oktober sollen acht Männer eine damals 18-jährige Studentin im Gebüsch in der Nähe einer Diskothek mehrere Stunden lang vergewaltigt haben. Vorher soll die junge Frau durch eine hoch dosierte Ecstasy-Pille und Alkohol in einen hilflosen Zustand gebracht worden sein. Die Männer waren damals zwischen 18 und 30 Jahre alt. Damit trotz des erwarteten Andrangs die coronabedingten Sicherheitsabstände eingehalten werden konnten, fand der Prozess seit Beginn der Pandemie nicht mehr im Landgericht statt, sondern im wesentlich größeren Paulussaal, einem Veranstaltungsraum.

Einschätzung der Folgen für das Opfer

Was bedeutet der Ausgang des Verfahrens für das Opfer – für die damals 18-Jährige, die im Prozess als Nebenklägerin auftrat? Dazu hat Claudia Winker dem SWR ein Interview gegeben. Sie ist psychosoziale Prozess-Begleiterin für Sexual-Delikte bei der Akut- und Fachberatung für sexualisierte Gewalt in Freiburg (Audio).

Forderungen von Staatsanwaltschaft und Verteidung

Die Anklage plädierte bei acht Beschuldigten, die in Untersuchungshaft sitzen, auf Freiheitsstrafen zwischen drei und fünfeinhalb Jahren sowie auf Jugendstrafen zwischen zwei Jahren und zehn Monaten und viereinhalb Jahren. Zwei Angeklagte, die sich auf freiem Fuß befinden, sollen wegen unterlassener Hilfeleistung zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten beziehungsweise zu sieben Monaten Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt werden. Bei einem weiteren Angeklagten, der ebenfalls nicht mehr in Haft ist, plädierte die Staatsanwaltschaft auf Freispruch. Die Verteidiger haben überwiegend Freisprüche für ihre Mandanten gefordert. Die Strategie der Verteidiger war darauf ausgelegt, dass es sich um einvernehmlichen Sex gehandelt habe.

Freiburger Oberbürgermeister äußert sich

Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) hat die besonnene Haltung der Freiburgerinnen und Freiburger betont. Er hofft auf ein klares und eindeutges Urteil. Im SWR Tagesgespräch am Donnerstag sagte Horn, "Freiburg hat sich nicht politisch instrumentalisieren lassen". Dafür sei er dankbar. Da die meisten Angeklagten Geflüchtete seien, habe es viel "Hass und Hetze" gegeben und den Versuch, etwa von Seiten der AfD, den Fall politisch zu nutzen.

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Die Stadt Freiburg habe auf die Tat ihrerseits mit einer Intensivierung der Sicherheitspartnerschaft mit dem Land Baden- Württemberg reagiert. Dies habe die Kriminalität in Freiburg spürbar zurückgedrängt, sagte Horn im SWR: "Wir brauchen einen handlungsfähigen Rechtsstaat“. Das bedeutet unter anderem mehr Polizisten. Die Polizeireviere seien strukturell unterbesetzt, hier habe man etwas aufstocken können, dafür sei er dem Land bis heute "dankbar". Darüber hinaus werde mehr für Prävention getan mit Straßensozialarbeitern, Sicherheitskonferenzen in den Stadtteilen oder einem Frauennachttaxi.

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