Große Empörung über ein Vergewaltigungsurteil: Vor dem Balser Berufungsgericht haben am Sonntag rund tausend Menschen demonstriert. (Foto: SWR)

Frauenrechtlerinnen über Justiz empört

Basel: Demonstration gegen Vergewaltigungs-Urteil

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H. Winter/S. Bargon/V. Maury
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Gabi Krings

Ist eine Vergewaltigung weniger schlimm, wenn sie nicht lange dauert? Und wenn das Opfer zuvor mit anderen geflirtet hat? In Basel wurde am Sonntag gegen ein umstrittenes Urteil demonstriert.

Demonstrierende wollen Vergewaltigungs-Urteil nicht hinnehmen

Rund 1.000 Menschen haben sich am Sonntag vor dem Basler Berufungsgericht in Basel versammelt. Sie protestieren gegen eine Entscheidung des Gerichts. Es hatte jüngst das erstinstanzliche Strafmaß für einen 33-jährigen Mann reduziert, der im Winter 2020 eine Frau vergewaltigt hatte. Begründung: Das Strafmaß sei zu hoch, weil die Übergriffe "relativ kurz" gewesen seien. Elf Minuten soll die Vergewaltigung "nur" gedauert haben.

Rücktritt der Richterin gefordert

Seit Tagen wird im Netz und in den Medien heftig über dieses Urteil diskutiert. Für die Demonstrierenden ist das revidierte Urteil, dass dem Opfer eine Mitschuld gibt, schockierend, skandalös und einfach nicht mehr zeitgemäß. Sie forderten den Rücktritt der Richterin. Und eine Aufarbeitung. Es gebe keine akzeptable Dauer für dieses Verbrechen, so eine Rednerin auf der Kundgebung.

Berufungsgericht sieht Mitschuld des Opfers

Über anderthalb Jahre ist die Tat nun her. In der Elsässerstraße in Basel wurde damals eine Frau von zwei Männern, 33 und 17 Jahre alt,  nach Hause begleitet. Im Hauseingang vergewaltigte der Ältere die Frau. Das Berufungsgericht hat die Strafe für ihn nun herabgesetzt. Begründung: die Frau habe dem Täter falsche Signale ausgesendet, da sie vorher in einem Club mit einem anderen Mann geflirtet habe. Außerdem sei der Übergriff mit elf Minuten relativ kurz gewesen, die Frau habe keine psychischen Verletzungen davongetragen.

Frauenrechtlerinnen empört

Es sind diese Sätze, die Frauenrechtlerinnen über die Grenze hinweg zutiefst empören. Auch Franziska Weisser von der Frauenberatungsstelle in Lörrach ärgert sich: "Das sendet falsche Signale aus. Frauen werden nicht ermutigt, eine Anzeige zu erstatten, wenn ihnen Straftaten dieser Art passiert sind. Und das sendet auch falsche Signale an Gewaltausübende aus.“ Denn diese würden in einem völlig falschen Frauenbild bestätigt.

Justiz verharmlost sexualisierte Gewalt

Agota Lavoyer von der Beratungsstelle Opferhilfe Kanton Solothurn zeigt sich ebenfalls entsetzt über das Urteil. Sie sagt, dass nur ein Bruchteil der Opfer Anzeige erstattet, eben weil die Frauen der Justiz nicht vertrauen. Das Urteil zeige, wie wenig Kenntnis Justizbehörden von den psycho-sozialen Hintergründen bei Vergewaltigungen hätten. Schulungen in diesem Bereich seien dringend notwendig, so die Expertin für sexualisierte Gewalt.

"Wir gehen immer noch davon aus, dass ein typisches Sexualdelikt jenes ist, bei dem der Täter aus dem Busch springt, gewalttätig und aggressiv eine Frau anfällt. Wenn das aber nicht der Fall ist, wenn die Frau beim Täter übernachtet, wenn sie niemandem über die Tat erzählt, wenn sie nicht in Therapie geht, wenn sie vielleicht weiterhin mit dem Täter in Kontakt ist, dann gibt es manchmal Verfahren, die eingestellt werden, weil man sagt, es ist nicht glaubwürdig, weil sie sich nicht opfertypisch verhalten hat.“

Vergewaltigung ist immer eine Straftat

Auch die Demonstrierenden in Basel forderten am Sonntag von der Justiz mehr Verständnis für die Opfer von Vergewaltigungen. Ein „Nein“ sei ein „Nein“. Und eine Vergewaltigung sei eine Vergewaltigung, egal wie lange sie andauere.

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