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Sollen Computer oder Tablets schon in der Grundschule eingesetzt werden? Der Offenburger Medienprofessor Ralf Lankau lehnt das eindeutig ab. Er ist Mitinitiator einer Petition für bildschirmfreie Kindergärten und Grundschulen. Ein Interview.

Ralf Lankau, bevor wir ins Detail gehen, welches sind denn die wichtigsten Gründe, die Sie ins Feld führen, also zum Beispiel aus gesundheitlicher Sicht?

Da ist ganz klar, dass zum Beispiel die Augen der Kinder geschädigt werden, wenn sie zu viel am Bildschirm sind. Und gerade in den Lebensabschnitten von sechs bis acht Jahren, ist der Einsatz von Bildschirmen ganz besonders schlimm, weil sich die Augen der Kinder dort stark entwickeln. Da gibt es eine Studie aus China dazu, dass Kinder gerade von sechs bis acht Jahren im Rahmen dieser Pandemie kurzsichtig geworden sind. Das heißt, es lässt sich innerhalb schon von einem Jahr nachweisen. Die statistische Basis liegt bei etwa 100.000 Kindern und in China ist der Einsatz von Tablets und PCs in der Grundschule aus genau diesem Grund, nämlich aus gesundheitlichen Gründen und der Kurzsichtigkeit, schon verboten.

Das klingt ja schon mal alarmierend. Wie ist es denn mit der Motorik? Gibt es hier auch Einschränkungen, wenn man zu lange oder zu oft oder zu früh an solchen Geräten sitzt?

Ja, Kinder müssen sich bewegen. Das heißt, Lernen gerade bei Kleinkindern und in der Grundschule hat sehr viel mit Sinnlichkeit, mit Körperlichkeit, mit Haptik zu tun. Und wenn sie mit Kindern in diesem Alter arbeiten, dann wissen wir, dass sie quirlig sind, dass sie sich bewegen müssen, dass sie laufen müssen, dass sie Dinge begreifen müssen und alles anfassen müssen und tatsächlich auch so die Feinmotorik trainieren müssen.
Wir erleben ja, dass Kinder sehr schnell mit digitalen Geräten arbeiten können. Das heißt, die Logik dieser Systeme verstehen schon zwei der Zweieinhalbjährigen, es verkürzt aber die Aktivität der Kinder auf tippen und wischen. Das heißt, dafür brauchen sie im Prinzip nur einen Zeigefinger. Der Bildschirm ist flach, ihre ganze Bewegung wird reduziert auf Tippen und Wischen. Das kann zwar schnell gelernt werden, aber dabei entwickeln sich keine sinnlichen Erfahrungen. Da entwickelt sich kein räumliches Verständnis, das, was Kinder machen, wenn sie durch den Raum laufen, wenn sie Ball spielen oder Fangen, wenn sie auf den Baum klettern, wenn sie Roller fahren. All das sind körperliche Erfahrungen, die sie am Bildschirm nicht lernen.

Können Sie sagen, ab welcher Klassenstufe oder vielleicht auch in welcher Schulform und bei was genau sie den Einsatz von Tablets oder Computern befürworten?

Ich befürworte den Einsatz von Tablets überhaupt nicht. Das ist Unterhaltungselektronik. Das muss man ganz klar formulieren. Grundsätzlich bin ich dafür, dass wir mit Computern in den Schulen arbeiten, aber als konstruktives Werkzeug. Das heißt, ich plädiere dafür, dass wir entweder mit PCs arbeiten oder mit Laptops, das heißt mit anständiger Tastatur, mit einem ausreichend großen Bildschirm, übrigens auch mit ergonomischen Arbeitsplätzen, also Tisch und Stuhl, Beleuchtung und Belüftung, diese ganzen Dinge.
Wir sollten uns darauf einigen, dass Kinder sehr, sehr spät, also in der sechsten oder siebten Klasse, an den Bildschirmen arbeiten. Dort übrigens auch immer nur zeitlich begrenzt, aus gesundheitlichen Gründen und aus ergonomischen Gründen.

Ralf Lankau, wie ist das mit der Petition? Wann wird darüber entschieden?

Der Termin sollte eigentlich im Februar sein. Er ist jetzt auf Ende März verschoben worden. Wir wissen noch nicht ganz genau, wann darüber entschieden wird. Wir sind jetzt insgesamt bei mehr als 100.000 Unterschriften und haben auch von vielen Kolleginnen und Kollegen haben auch Eingaben gemacht beim Europäischen Parlament. Stand heute ist der 28. März, wobei ich mir nicht sicher bin, wann tatsächlich darüber entschieden wird.

Vielen Dank, Professor Ralf Lankau, Medienexperte an der Hochschule Offenburg. Marion Eiche sprach mit ihm über die Petition für bildschirmfreie Kindergärten und Grundschulen, die er mitinitiiert hat.

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