Der Bericht der Historiker-Kommission (Foto: SWR)

Untersuchungsbericht vorgestellt

Auf den Spuren von Nazi-Ärzten der "Reichsuniversität Straßburg"

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Was hat sich in den Jahren 1941 bis 1944 in der Medizinischen Fakultät Straßburg zugetragen als Nazi-Ärzte wie August Hirt dort forschten und lehrten? Eine Historiker-Kommission hat das erstmals systematisch untersucht.

Es ist inzwischen mehr als sechs Jahre her, dass ein junger Mediziner namens Raphael Toledano in Straßburg einen großen Stein ins Rollen brachte: Nach langer Recherche hatte er in der Rechtsmedizin der Medizinischen Fakultät eine Gewebeprobe aufgespürt, die einem getöteten Häftling aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zuzuordnen war. Die Probe war nach Kriegsende einer Leiche entnommen worden - als Beweismittel im Prozess um den Nazi-Arzt August Hirt.

Der Mediziner Hirt war vor allem wegen seiner grausamen Menschenversuche im KZ Natzweiler-Struthof berüchtigt. Er war während der NS-Zeit aber auch Direktor des Straßburger Instiuts für Anatomie und verfolgte in seinem Rassenwahn einen perversen Plan: Er wollte in Straßburg eine sogenannte "Jüdische Skelettsammlung" aufbauen.

Aservate warfen Fragen auf

86 Menschen wurden dafür aus Auschwitz ins Elsass gebracht und im KZ Natzweiler-Struthof getötet. Gleich nach der Befreiung Straßburgs durch die Alliierten fand man in Hirts Institut ihre sterblichen Überreste. Das ist lange bekannt. Doch als 70 Jahre später in der Rechtsmedizin die Aservate mit Gewebe eines Opfers entdeckt wurden, da kamen an der Straßburger Universität drängende Fragen auf.

„Wir wollten klar haben, ob wir heute noch mit menschlichen Resten der Nazizeit umgehen oder nicht. Und wir sind froh, dass der Beweis da ist, dass wir nicht mir solchen Mustern arbeiten.“

Eine international besetzte Historiker-Kommission hat die Vergangenheit der Medizinischen Fakultät Straßburg sechs Jahre lang untersucht. Mitglieder waren unter anderen Florian Schmaltz, Experte für Wissenschaftsgeschichte am Max-Planck-Institut Berlin, und Paul Weindling, Medizinhistoriker an der britischen Oxford Brookes University.

In den Sammlungen sogenannter Humanpräparate, die zwischen 1941 und 1944 entstanden sind, haben sie keine Präparate gefunden, für die sterbliche Überresten von KZ-Opfern verwendet wurden. Aber sie erfuhren von anderen Präparaten, deren Herkunft ethisch und völkerrechtlich verwerflich ist. So gaben alte Autopsie-Bücher aus der Straßburger Pathologie Auskunft darüber, dass an der Medizinischen Fakultät Leichen von Kriegsgefangenen untersucht wurden.

Viele unfreiwillige Versuchspersonen

"Das ist ein Bruch des Völkerrechts, weil Kriegsgefangene nicht für medizinische Lehrzwecke oder Forschung benutzt werden dürfen", erklärt Wissenschaftshistoriker Florian Schmaltz.

Auch alte Doktorarbeiten zogen die Wissenschaftler als Quellen heran. Und aus einigen Dissertationen konnten sie wichtige Erkenntnisse zu medizinischen Versuchen an Menschen ziehen: An 130 Personen, so die Überzeugung der Historiker, wurden Versuche ohne deren Einwilligung durchgeführt.

Auch Versuchsreihen in Natzweiler untersucht

Für den Bereich der medizinischen Versuchsreihen nahmen die Wissenschaftler dabei nicht nur Straßburg in den Blick, sondern auch die Verbindung zum KZ Natzweiler-Struthof. Denn mehrere Professoren der medizinischen Fakultät fanden hier unfreiwillige Probanden für ihre Versuchsreihen. Ihr Opfer wurden dafür in einer eigenen Baracke untergebracht.

Ehemaliges Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Patrick Seeger)
Ehemaliges Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass picture alliance/Patrick Seeger

August Hirt und sein Assisten Karl Wimmer führten hier Senfgas-Versuche durch. Otto Bickenbach, ebenfalls Professor in Straßburg, richtete mit seinen Assistenten Helmut Rühl und Fritz Letz eine Gaskammer als Versuchsanlage ein. Und Professor Eugen Haagen experimentierte mit Viren und Erregern von Gelbfieber, Fleckfieber, Grippe und Heppatitis.

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Diese Versuchsreihen hätten die Historiker-Kommission durch die systematische Aufarbeitung nun besser verstanden, sagt Wissenschaftshistoriker Florian Schmaltz.

Ihre Erkenntnisse hat die Historiker-Kommission in einem 500-seitigen Bericht zusammengefasst. Und die Aufarbeitung der Geschichte der Reichsuniversität Straßburg ist damit noch nicht vorbei.

"Es ist nur ein Beginn", sagt Michel Deneken, Präsident der Universität Straßburg.

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