MDPA - "Mine de potasse d'Alsace" - betreibt die Sondermüll-Deponie im elsässischen Wittelsheim. Die einstige Tochter Stocamine existiert nicht mehr. (Foto: SWR)

Streit um Versiegelung

Neue Ermittlungen zu Giftmüll-Deponie Stocamine in Wittelsheim

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Christine Veenstra

Im Streit um die Giftmüll-Deponie in Wittelsheim (Elsass) ermittelt die Gendarmerie. Umweltschützer erhoffen einen Versiegelungs-Stopp für die Mine.

Es hat sich etwas getan an der früheren Kalimine im elsässischen Wittelsheim. Die Firma MDPA, früher Stocamine, hat neue Zäune und Betonwände aufstellen lassen. Arbeiter sind auf dem Gelände unterwegs, der Parkplatz am Schacht Else ist voller Autos.

Gegner der Giftmüll-Deponie sind in Sorge

Gegner der Sondermüll-Deponie beobachten seit einigen Tagen sehr genau, was hier passiert. Es seien Vorbereitungen für die Versiegelung der Mine, erklärt Yann Flory von der Initiative De-Stocamine: "All diese Installationen, die man dort gemacht hat, sind dazu da, die Mine zu betonieren, den Untergrund zu verfüllen. Das macht uns große Sorgen. Denn wir fragen uns, warum die Versiegelung jetzt so schnell gehen soll."

Man habe den Eindruck, dass die Betreiberfirma MDPA etwas verstecken möchte, so Flory. Illegale Abfälle - da könne man sich alles vorstellen - bis hin zu radioaktivem Müll.

Yann Flory, Sprecher der Initiative De-Stocamine (links) und Stephan Chamik, Gewerkschafter und ehemaliger Bergmann. (Foto: SWR)
Yann Flory, Sprecher der Initiative De-Stocamine (links) und Stephan Chamik, Gewerkschafter und ehemaliger Bergmann.

Stollen der früheren Kali-Mine sind marode

Seit einem verheerenden Brand in der Mine im Jahr 2002 kämpfen Flory und viele Menschen in der Region für die Bergung des Giftmülls aus der Mine. Die früheren Kali-Stollen sind marode. Wasser dringt ein und wird die eingelagerten Giftstoffe wohl irgendwann ins Grundwasser spülen - darunter sind Arsen-, Chrom-, Zyanid und Quecksilber-haltige Substanzen.

Was noch dort unten lagert, weiß vielleicht niemand ganz genau. Dass aber noch andere als die deklarierten und zugelassenen Stoffe in die Stollen gebracht worden sind - zum Beispiel Polychlorierte Biphenyle (PCB) - steht seit vielen Jahren fest.

Naturschutzorganisation Alsace Nature will Müll-Inventur

Kurz vor der endgültigen Versiegelung hat die Naturschutzorganisation Alsace Nature nun noch einmal Ermittlungen angestoßen. Anwalt Francois Zind will eine Inventur des Sondermülls durchsetzen. Seine Anzeige fußt dabei auf Aussagen früherer Minenarbeiter: "Ziel ist es, dass polizeiliche Ermittler von der Gendarmerie die Personen vernehmen, die sich gegenüber der Presse schon geäußert haben. Damit man sieht, was sie wissen, wie detailreich das Ganze ist und wie präzise. Und dann unten in der Mine Proben zu entnehmen."

Ehemalige Stocamine-Bergleute erheben schwere Vorwürfe

Einer der Minenarbeiter, die sich inzwischen zu Wort melden, ist Gewerkschafter Jean-Pierre Hecht. Er hatte den Plan der Firma Stocamine, in der früheren Kalimine Sondermüll einzulagern, Ende der 1990er Jahre zunächst unterstützt. Er glaubte an die Versprechen, dass der Müll dort sicher und rückholbar liegen würde. Dass das Projekt Arbeitsplätze bringen würde. Heute macht er seinem früheren Arbeitgeber schwere Vorwürfe. Er fühlt sich verraten.

"Alles was Asbest-haltiger Müll war musste luftdicht verschlossen sein. Aber unser Labor hatte gar nicht die Mittel, um zu überprüfen, ob wirklich nur Asbest-haltige Stoffe enthalten waren, oder ob noch anderes darin war. Das war eine Schwachstelle," sagt Hecht. Und er hat den Verdacht, dass diese Lücke systematisch ausgenutzt worden sein könnte.

Auch Stephan Chamik hat in Wittelsheim unter Tage gearbeitet. Mit 89 Jahren kämpft er jetzt in der Bürgerinitiative De-Stocamine gegen die Versiegelung der Sondermüll-Deponie: "Wenn große Säcke oder Fässer als Asbest-haltig deklariert waren, hat man sie gar nicht geöffnet und kontrolliert, weil dazu Spezialanzüge nötig gewesen wären. Man weiß also gar nicht, was eigentlich dort liegt."

Strafrechtliche Ermittlungen ein Wettlauf gegen die Zeit

Dass strafrechtliche Ermittlungen angelaufen sind, ist für die Gegner der Sondermüll-Deponie ein Erfolg. Allerdings sind die Untersuchungen ein Wettlauf gegen die Zeit, wie Anwalt Francois Zind erklärt.

Francois Zind, Rechtsanwalt. (Foto: SWR)
Francois Zind, Rechtsanwalt der Naturschutzorganisation Alsace Nature

"Wir wissen jetzt, dass in Block 15, wo vor 20 Jahren das Feuer war, im Juni die Verfüllung beginnen soll. Deshalb muss ich die Beteiligten in diesem Rechtsstreit dazu bringen, dass es vor diesem Zeitpunkt eine Entscheidung des Gerichts gibt. Denn danach ist es für Untersuchungen zu spät", so der Anwalt der Naturschutzorganisation Alsace Nature.

Kein Entgegenkommen von Frankreichs Umweltministerin

Einen Eilantrag von Alsace Nature, der die Versiegelung der Mine zumindest bis zum Abschluss der Ermittlungen stoppen sollte, hat das Verwaltungsgericht Straßburg diese Woche abgelehnt. Und dass Frankreichs Umweltministerin Barbara Pompilli von ihrer Entscheidung abrücken könnte, den Giftmüll für immer in der Mine zu verschließen, scheint ausgeschlossen. Auf einen Kompromissvorschlag, den der Präsident der Gebietskörperschaft Elsass, Frédéric Bierry, Anfang des Jahres übermittelt hatte, habe die Ministerin nicht einmal reagiert, heißt es.

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