Interview mit Kommissionsmitglied Magnus Striet

Kommission zu sexuellem Missbrauch nach Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz

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AUTOR/IN
Marion Eiche
ONLINEFASSUNG
Katrin Sommer

Der Freiburger Fundamentaltheologe Professor Magnus Striet ist Mitglied der neuen Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kirche. Ein Interview:

Die Erzdiözese Freiburg hat eine neue Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch eingerichtet. Bislang gab es schon die Kommission "Macht und Missbrauch" und jetzt wird mit dieser neuen Kommission ein Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz umgesetzt. Was ist denn nun anders und geht es jetzt schneller vorwärts mit der Aufarbeitung? Darüber haben wir mit dem Freiburger Fundamentaltheologen Professor Magnus Striet gesprochen, einem Mitglied der neuen Kommission.

Herr Striet, was unterscheidet die Neue von der alten Kommission und was macht sie denn in ihren Augen vielleicht auch schlagkräftiger? 

"Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass nicht mehr der Erzbischof von Freiburg, Stephan Burger, den Vorsitz übernimmt, sondern jetzt ein Vorsitz aus der Kommission herausgewählt wird. 2018 ist die Kommission "Macht und Missbrauch" sehr schnell eingerichtet worden und jetzt folgt die Kommission den Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz, damals abgesprochen mit dem unabhängigen Beauftragten Röhrich. Der entscheidende Unterschied: Der Vorsitz geht jetzt an ein externes Mitglied und insgesamt sind die Mehrheitsverhältnisse auch anders geregelt. Es sind viel, viel mehr Externe als Interne in der neuen Kommission drin."

Aus welchen Disziplinen kommen diese Mitglieder?

"Sehr unterschiedlich: Ein Jurist, der Kollege Jestett hier aus Freiburg ist Mitglied der Kommission, Herr Kölch, ein Kinder- und Jugendpsychiater aus Rostock, dann die Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Frau Dr. Lammert aus Baden-Baden, und es sind jetzt - das ist sehr wichtig - Betroffene oder Opfer von sexualisierter Gewalt Mitglieder dieser Kommission, die allerdings auf eigenen Wunsch anonym bleiben." 

Die Kommission soll ja auf drei Säulen - Unabhängigkeit, Transparenz und Betroffenen-Beteiligung - stehen, heißt es jetzt in dieser neuen Vorlage. Gerade aus der Ecke der Betroffenen gab es zuletzt viel Kritik. Was ändert sich denn nun vielleicht?

"Die Kritik aus der Erzdiözese Freiburg wurde vor allem auf die Bundesebene hin geäußert. Da ging es um die Anerkennung des Leids, um Entschädigungszahlen. Dieser Begriff ist aber immer vermieden worden, wird auch bis heute vermieden. Das lief sehr schleppend. An dieser Stelle kann Freiburg nur begrenzt aktiv agieren. Was sich aber jetzt sicherlich ändert, ist, dass die Betroffenen selbst ihre Perspektive stärker in die Kommission einbringen. Es sind jetzt zwei Personen an der Kommissionsarbeit beteiligt, früher war es eine Person. Diese Perspektive wird jetzt grundlegend implementiert werden."

Das ist eigentlich auch höchste Zeit. Man kann diese Kritik schon verstehen, auch zuletzt in dieser ganzen Diskussion, auch bundesweit. So richtig kommt man nicht vorwärts, oder?

"Ja, einerseits kann man die Kritik verstehen, anderseits muss ich sagen, die Aufklärungsarbeit selber ist hochkompliziert, weil die Aktenlage sich kompliziert darstellt. Es ist ja schon nicht ganz klar, wieviel Aktenbestände überhaupt noch vorhanden sind. In Freiburg - darauf kann ich mich nur beziehen - ist ja auch ein anderer Weg gewählt worden als in anderen Diözesen und Bistümern. Es geht hier nicht ausschließlich um die Frage, wie viele Personen sind betroffen, also wieviel Täter gab es und wie viele Personen sind Missbrauchstätern zum Opfer gefallen, sondern in Freiburg ist der Schwerpunkt mehr auf die Frage gelegt worden, was waren eigentlich die systemischen Ursachen. Also die Ursachen im Sozialsystem Kirche, die missbrauchsbegünstigend gewirkt haben. Und die Arbeit ist natürlich viel, viel komplizierter, weil die Personen, die hier tätig sind in die Tiefe hinein fragen."

Das heißt, Sie schauen sich diese Fälle auch ganz genau an. Vielleicht nochmal und nochmal, und legen noch mal was vor und drehen noch einmal links auf rechts. Also da muss man ganz genau prüfen und das ist sehr schwierig?

"Ja, da wird wirklich links auf rechts gedreht, wie Sie formulieren. Die Personen, die diese Untersuchung machen, haben unzählige Interviews inzwischen geführt, und zwar sowohl mit Opfern von sexualisierter Gewalt, mit Tätern, soweit sie zur Verfügung stehen und mit Ordinariatsmitarbeitenden. Sie basteln aus diesen Informationen heraus ein Bild, das dann tatsächlich den Missbrauch in der Erzdiözese Freiburg zeigen soll. Es macht meines Erachtens tatsächlich auch keinen Sinn, immer und immer nur auf diese Zahlen zu drücken, wir bewegen uns im Moment im Hellfeld. Das Dunkelfeld ist ja ohnehin bisher nicht erforscht. Dazu werden noch ganz andere Studien notwendig werden."

Wie gehen sie jetzt weiter vor? Im November gibt es eine Sitzung, und wann ist denn mit einem Abschlussbericht zu rechnen? Von der bisherigen Kommission "Macht und Missbrauch" gibt es ja noch keinen. Wann gibt es denn mal ein Ergebnis?

"Der Abschlussbericht ist nach derzeitigem Stand für Ende März 2022 vorgesehen. Dieser Bericht der sogenannten "Arbeitsgemeinschaft Aktenanalyse" wird der Kommission und dann dem Erzbischof von Freiburg übergeben werden. Die Arbeit selbst wird noch über Jahre weitergehen. Wir sind sicher, dass wir mit März 2022 noch nicht zum Abschluss gekommen sein werden, sondern die neue Kommission wird sich weiteren Projekten stellen, um so immer tiefer in die Materie hineinzukommen. Wir rechnen im Moment mit einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren."

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Marion Eiche
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Katrin Sommer