Corona verschärft Mangel an Therapieplätzen

Kinder- und Jugendpsychiatrie Freiburg braucht Neubau

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Magersucht und Depressionen: Schon vor Corona war die Kinder- und Jugendpsychiatrie Freiburg voll belegt. Die Pandemie hat die Situation noch verschärft. Ein Neubau ist dringend nötig.

In der Pandemie haben noch mehr Kinder und Jugendliche Depressionen, Angst- oder Essstörungen entwickelt. Ärzte und Therapeuten arbeiten am Limit, die Klinik improvisiert, schafft weitere Therapieräume in angemieteten Gebäuden oder in Tiny Houses draußen im eigenen Garten. Denn die jungen Patienten brauchen schnell Hilfe.

Psychisch kranke junge Menschen werden vertröstet

Kinder und Jugendliche, die den Schritt in die Psychiatrie wagen, müssen in Freiburg aktuell sechs bis neun Monate warten - außer, es besteht Lebensgefahr. Eine Zumutung, denn die lange Wartezeit vergrößert ihre Probleme und verschlechtert die Heilungschancen.

"Das ist für jemanden, dem es nicht gut geht, keine Hilfe, zu erfahren: Du musst jetzt noch länger dadurch, weil man dann keine Perspektive hat, und sich natürlich auch das Umfeld enorme Sorgen macht."

"Das ist, wie wenn ich jetzt Zahnweh habe, dann brauche ich nicht erst in acht Monaten einen Termin. Ich brauche jetzt einen."

Nur die ganz schwer Kranken werden sofort versorgt

Jugendpsychiater Christian Fleischhaker weiß, wie schlimm es für die Hilfesuchenden ist, monatelang auf der Warteliste zu stehen. Aber die Klinik kann nur noch die schlimmsten Fälle sofort stationär aufnehmen: Jugendliche, die gar nichts mehr essen, oder die versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Die anderen müssen warten, auch wenn sie es wegen ihrer psychischen Erkrankung schon nicht mehr in die Schule schaffen.

"Die Pandemie geht jetzt ins dritte Jahr. Wenn Sie jetzt Kindergartenkinder haben, ist das fast die ganze erlebte Biografie. Und wenn Sie jemand haben, der jetzt zehn ist, der hat fast die gesamte Grundschulzeit unter Pandemiebedingungen erlebt."

Corona hat noch mehr Kinder und Jugendliche krank gemacht

Dass sich mehr als 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen von der Pandemie belastet fühlen, belegt die repräsentative Copsy-Studie. Sie entstand nach dem ersten Corona-Lockdown. Inzwischen werden die Ergebnisse der dritten Befragungsrunde erwartet. Die Belastungen für Kinder und Jugendliche sollen im Verlauf der Pandemie noch zugenommen haben.

"In der Pandemie ist die Welt der Kinder, in der sie normalerweise leben, zerbrochen. Es gab keine Schule mehr, es gab keine Sportvereine mehr, nichts mehr, was die Resilienz grfördert hat, dass man nicht psychisch krank wird. Auf der anderen Seite gab es aber mehr Belastungsfaktoren, so dass die psychischen Erkrankungen auf der Symptomebene sich in vielen Bereichen - Angst und Depressionen - bis zu verdoppelt haben."

Schnelle Hilfe: Zwölf Therapieplätze in Interims-Tagesklinik

Um Kinder und Jugendliche schneller in ihrer Krise auffangen zu können, richtet das Uniklinikum Freiburg als Sofortmaßnahme zwölf weitere stationäre Plätze ein, in angemieteten Räumen beim Hotel Stadt Freiburg. Dort soll im April eine Tagesklinik in Betrieb gehen. Die Jugendlichen verbringen den Abend und die Nacht zuhause. Ab morgens gibt es für sie verschiedene Therapieangebote in der Tagesklinik, unter anderem Ergotherapie, Motopädie oder auch Musiktherapie. Herzenssache, die Kinderhilfsaktion von SWR, SR und Sparda-Bank, unterstützt das mit Materialkosten für die Erstausstattung der Therapieräume.

Wann kommt ein Jugendpsychiatrie-Neubau?

Längerfristig wünscht sich der kommissarische Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie Freiburg, Christian Fleischhaker, einen drei- bis vierstöckingen Neubau im Garten, wo jetzt die provisorischen Tiny Houses stehen. In den Neubau könnten eine weitere Station, eine Intensivambulanz und zwei Tageskliniken untergracht werden, nämlich die für Jugendliche, die jetzt übergangsweise eröffnet wird, und eine weitere für psychisch kranke Kinder mit geistiger Behinderung. Deren Betrieb ist schon seit fünf Jahren bewilligt, allein es fehlt der Bau. Die Baukosten für den so dringend erhofften Neubau müsste das Land tragen.

Tiny Houses im Garten der Kinder- und Jugendpsychiatrie Freiburg (Foto: SWR, Ulrike Liszkowski)
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Freiburg behilft sich mit Tiny Houses, bis endlich der Neubau kommt. Ulrike Liszkowski

Kranke Kinder und Jugendliche brauchen eine Lobby

Für den Neubau setzt sich auch Charlotte Niemeyer ein. Die Ärztliche Direktorin der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie hat schon erfolgreich für den Neubau der Kinderklinik gekämpft. Sie will als Vorsitzende der "Initiative für unsere Kinder- und Jugendkliniken" die Jüngsten in den Mittelpunkt stellen.

"Kinder und Jugendliche sind zwar in vielen Glanzbroschüren, aber wenn’s ums Geld geht, kommen sie als Allerletzte dran. Wir als Ärzte haben erkannt, dass Eltern richtig chronisch kranker Kinder gar nicht die Kraft haben, für das, was ihnen eigentlich zusteht, einzustehen. Und das müssen wir machen."

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