Laufzeitverlängerung von schweizer AKW Leibstadt laut Gutachten gefährlich (Foto: SWR, Petra Jehle)

Nukleare Zukunft im Dreiländereck kritisch betrachtet

Laufzeitverlängerung von Schweizer AKW laut Gutachten gefährlich

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Petra Jehle

Die Schweiz befürchtet einen Stromengpass und will AKW-Laufzeiten von 40 auf 60 Jahre verlängern. Ein Gutachten belegt zahlreiche Sicherheitsdefizite.

"Atomstrom - nein Danke". Die gelben Aufkleber mit der orangenen Sonne stehen zumindest in Deutschland für den Atomausstieg. Doch in immer mehr Nachbarländern steht hinter diesem Slogan ein großes Fragezeichen. So auch in der Schweiz. Die hat einen der ältesten Atomparks der Welt. Doch ein Ende der Laufzeiten ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Laufzeiten sollen ein weiteres Mal verlängert werden. Denn die Schweiz befürchtet eine Versorgungslücke bei ihrer Stromversorgung. Keine gute Idee besagt ein neues Gutachten, das von der atomkritischen Schweizerischen Energiestiftung in Auftrag gegeben wurde.

Versammlung des Trinationalen Umweltschutzverbandes TRAS in Basel: Atomkritiker aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz diskutieren über die nukleare Zukunft im Dreiländereck. Im Zentrum der Debatte: das Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt, dass unmittelbar an der Grenze bei Waldshut steht. Es ist mit 37 Jahren mit Abstand das jüngste AKW der Schweiz. Damals gebaut für eine Laufzeit von 40 Jahren. Nun ist von einer Laufzeit 60 Jahren die Rede.

AKW Leibstadt entspricht nicht internationalen Empfehlungen

Nuklearsicherheitsexperte Manfred Mertin von der Technischen Hochschule Brandenburg hat sich das AKW Leibstadt vor diesem Hintergrund genau angesehen und kommt in seinem Gutachten zum Schluss, "dass das Kernkraftwerk Leibstadt doch in einigen Punkten abweicht von internationalen Empfehlungen auf dem Gebiet. Wenn ich heute eine Genehmigung erteilen müsste, könnte man das nicht mit den jetzt im Betrieb befindlichen Anlagen machen. Die müssten - wenn es überhaupt geht - deutlich nachgerüstet werden."

Standardanforderungen in AKW Leibstadt schwer nachrüstbar

Doch ein solche Nachrüstung dürfte schwierig werden, so der Experte in seinem Gutachten. Nicht nur, weil die Technik veraltet und Material eventuell spröde geworden sei. Auch die Sicherheitssysteme würden nicht mehr dem gerecht, was nach Tschernobyl und Fukushima als Standardanforderung gelte, so Mertin weiter: "Wir sehen, dass wir Defizite haben bei der Anzahl der Sicherheitssysteme beispielsweise, bei der Entkopplung verschiedener Sicherheitssysteme untereinander und wir haben Defizite im Bereich des Flugzeugabsturzes, also der Einwirkung von außen." Mertin bezweifelt, dass eine Nachrüstung der AKWs für eine Laufzeit von 60 Jahren überhaupt möglich ist: "Mein Rat wäre aus wissenschaftlicher Sicht so nicht weiter zu machen, sondern - wenn überhaupt - die Möglichkeit eines Neubaus zu untersuchen."

Neubau des AKW Leibstadt wirtschaftlich nicht darstellbar

Grundsätzlich dürfen die AKWs in der Schweiz so lange laufen, solange sie sicher sind. Ein Datum für die Stilllegung gibt es also nicht. Die AKW Betreiber in der Schweiz halten 60 Jahre für durchaus möglich. Einen Neubau lehnen sie ab. Der Chef des größten Schweizer Energiekonzerns Axpo, Christoph Brand, sagt: "Die Kosten aus Photovoltaik und Wind sind in den letzten 20 Jahren derart gesunken, dass sich mindestens heute und mindestens in Europa der Neubau eines AKW wirtschaftlich nicht darstellen lässt."

Atomkraftgegner wollen erneuerbare Energien vorantreiben

Auch in der Schweiz wollen die Atomkraftgegner jetzt beim Ausbau der erneuerbaren Energien auf die Tube drücken. Das Gutachten, dass sie in Auftrag gegeben haben, soll ihnen die nötigen Argumente liefern. Die Zeit drängt, denn die Experten sprechen von möglichen Engpässen, die 2025 bereits beginnen könnten. "Die Schweiz ist abhängig von der Einbindung in das Stromnetz in Europa. Das liegt aber ein bisschen brach, weil wir derzeit kein Stromabkommen mit Deutschland und den Nachbarländern abschließen können", sagt Nils Epprecht, Leiter der Schweizerischen Energiestiftung.

EU mitverantwortlich für schweizerische AKW-Laufzeiten?

Der Streit zwischen der Schweiz und der EU über die bilateralen Verträge hat weitreichende Folgen. Und so klingt es fast wie eine Drohung, wenn der Chef der Atomkritischen Energiestiftung mit Blick auf die Verhandlungen zwischen der EU und der Schweiz sagt: "Deutschland wird mitverantwortlich sein, wenn die Schweizer AKW länger laufen müssen."

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