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Gerade auf deutscher Rheinseite gilt das Akw Fessenheim als Risiko. Auf französischer Seite halten es viele für sicher und sauber. Sie beklagen eine "Hexenjagd" auf die Atomkraft.

Anne Lazlo von der französischen Gewerkschaft CFE-CGC vertritt die Akw-Mitarbeiter, darunter Ingenieure und Manager. Sie hat ihr Büro auf dem Akw-Gelände und fühlt sich dort "so sicher wie sonst nirgendwo". Im Interview mit SWR-Reporterin Ulrike Liszkowski erklärt sie, warum sie vehement gegen die Schließung gekämpft hat, sie noch heute für einen Fehler hält, und was sie sich für die Zukunft wünscht.

Laszlo: Die Schließung unseres Kernkraftwerkes ist ein völliger Unsinn aus wirtschaftlicher Sicht natürlich, aber auch aus ökologischer Sicht, weil wir die Erderwärmung alle bekämpfen wollen.

Liszkowski: Die Akw-Schließung verzögere den Kohleausstieg, heißt es auf französischer Seite. Insbesondere von deutscher Seite ist immer kritisiert worden, das Akw in einem ausgewiesenen Erdbebengebiet sei eben nicht sicher, quasi wie eine tickende Zeitbombe. Jetzt wird es geschlossen, wie kommt das auf französischer Seite an?

Sauer auf die deutschen Nachbarn

Laszlo: Ein Teil der Bevölkerung, vor allem hier in der Nachbarschaft, ist zeitweise sicher sauer auf die deutschen Nachbarn gewesen, und sie wird es wohl auch noch eine Weile sein. Ich hoffe, dass die wirtschaftliche Entwicklung der Region mit den kommenden Jahren dann das Ganze doch etwas verbessert. Ich will nicht, dass wir uns da als Feinde gegenüberstehen, auch wenn wir von der Mehrheit der Bevölkerung auf französischer Seite und von der Mehrheit auf der deutschen Seite in puncto Energieversorgung sehr weit auseinander sind, das ist klar. Aber wir sollten anders, besser miteinander reden. Wir sollten mit dieser Hexenjagd gegen Kernenergie endlich Schluss machen. 

Deutschland und Frankreich gehören zusammen

Liszkowski: Jetzt soll es ja eine gemeinsame Zukunft geben. Ein deutsch-französischer Industrie- und Innovationspark ist geplant – EcoRhena. Geht das denn, einfach diesen jahrelangen Streit ad acta legen? Ist das der richtige Weg, oder gibt es schon wieder ganz unterschiedliche Vorstellungen?

Laszlo: Das könnte natürlich ein Weg sein, um wieder stärker zusammen zu kommen. Ich glaube, wir gehören schlicht und einfach zusammen. Wir sind auch sehr komplementär. Ich wünsche mir vor allem Industrie. Industrie ist ganz wichtig für unsere Zukunft, und die Unabhängigkeit unserer Wirtschaft ist mir auch ganz wichtig. Das haben wir im Frühjahr jetzt auch gesehen. Einfach ein paar Solarpanels oder ein paar andere interessante Formen der Energieerzeugung, das wird hier nicht reichen. 

Was, wenn die Wünsche weit auseinander liegen?

Liszkowski: Welche Art von Industrie schwebt Ihnen vor? Es ist auch von einem sogenannten Technocentre die Rede, um alte Akw-Bauteile zu recyclen. In Deutschland stößt das auf wenig Begeisterung.

Laszlo: Auf jeden Fall dieses Technocentre, wo Abbauelemente aus verschiedenen Kraftwerken auseinandergenommen werden, professionell auseinandergenommen werden, wiederverwertet werden. Das soll hier gebaut werden, dazu gibt es Pläne. Wir wollen bei der nächsten Betriebsratssitzung uns erste Vorschläge anschauen. Das wäre natürlich wichtig. Allerdings muss man wissen, dass solch eine Anlage erst in ein paar Jahren gebaut wird. Bis dann sind die meisten unserer gut ausgebildeten, kompetenten Leute weg. Aber für die Wirtschaftsregion wäre das schon sehr schön. Moderne Industrie, die wichtige Kompetenzen wieder anzieht, Leute mit guter Kaufkraft, das wäre schon ein Herzenswunsch.

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