Bei der Kommunalwahl in Freiburg traten insgesamt 20 Listen an. Die Wahlberechtigten sollten die entsprechenden Listen zuhause heraustrennen, wodurch Stimmzettel beschädigt wurden.

Kumulieren, Kritzeln und Kopfrechnen

Kommentar: Demokratie, die überfordert - die Kommunalwahl in Freiburg

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Maya Rollberg
Maya Rollberg

Papierschlacht in Freiburg: 20 Listen, 854 Kandidierende, am Wahlsonntag Schlangen und ausgegangene Stimmzettel. Die Kommunalwahl war eine demokratische Herausforderung. Ein Kommentar.

20 Listen, 854 Kandidierende und 48 Stimmen, die verteilt werden müssen: Selbst ich, als junger und halbwegs informierter Mensch wurde bei den Freiburger Kommunalwahlen ganz schön herausgefordert. Aber auch andere Menschen brauchten länger in den Wahlkabinen, es bildeten sich Schlangen in einigen Wahllokalen, andernorts gingen die Stimmzettel aus. Wählen muss man also wirklich wollen bei dieser Kommunalwahl in Freiburg – und bei der Wahlbeteiligung von über 70 Prozent (bei der Europawahl) scheinen Menschen das zu tun. Außerdem ist es großartig, dass es über 800 Kandidierende gibt, die sich für die Stadt engagieren wollen.

Bitte nur vorbereitet wählen!  

Bedeutet das denn, dass wir deshalb zwingend zuhause wählen müssen? Klar gibt es auch Briefwahl, aber geheime und freie Wahlen sind durch Anwesenheit von Partnern oder Eltern nicht unbedingt überall gewährleistet, dafür gibt es Wahllokale. Es kann doch nicht sein, dass man das Gefühl bekommt, "schlecht vorbereitet" zu sein, wenn wir unsere demokratischen Pflichten im Wahllokal erfüllen? Und muss es 2024 noch sein, dass wir unsere Kandidierenden mit schwer zu entziffernden Kritzeleien am Rand, Strichlisten und höchst komplexen Kopfrechenleistungen unter Zeitdruck und schweißgebadet wählen müssen? 

Genaue Prüfung der Stimmzettel führt zu Schlangen

Denn: Ein Wahlvorgang kann bei guter Überlegung und Prüfung von 48 Stimmen durchaus auch mal mehr als eine halbe Stunde dauern. Kopfrechnen ist nicht meine Stärke und ich komme unter Druck, wenn ich weiß, dass durch mich andere Menschen auf ihren Urnengang warten. Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen, die zum Beispiel weniger gut lesen können, älter sind oder sonstige Einschränkungen haben, diese Wahlen überfordern. 

Abreißen oder Zerreißen der Stimmzettel? 

Kurz vor der Stimmabgabe heißt es dann plötzlich: ausgefüllte Stimmzettel ausreißen und nur diese abgeben. Beim Versuch diese Seiten abzutrennen, reiße ich fast meine Stimmzettel kaputt. Gelten die eingerissenen noch oder ist meine Wahl jetzt ungültig? Was, wenn ich einen vergessen habe? Was, wenn eine leere Liste dabei ist? So ganz genau wusste das selbst bei uns in der Redaktion niemand; auch das gut gemeinte, 17-minütige Erklärvideo der Stadt half hier nicht.

Bei meinem panisch-gestressten Ausreißen der Wahlzettel schaute mir außerdem jemand genau über die Schulter, weil ich da schon meine Wahlkabine verlassen hatte. Die ist jetzt wieder belegt. Geheime Wahl? Nicht wirklich. 

Wunsch nach Demokratie-Digitalisierung

Demokratie kann und soll fordern, aber in diesem Chaos aus gelben Seiten frage ich mich, warum es dabei noch immer so analog zugehen muss. Vor allem, wenn das Freiburger Rathaus laut Landesinnenministerium doch als landesweiter Spitzenreiter beim Angebot digitaler Dienstleistungen gilt. Nicht so bei den Kommunalwahlen: Zumindest ein automatischer Rechner und eine automatisierte Kontrolle meiner Stimmen hätten mir durchaus geholfen.  

Hohe Wahlbeteiligung hin oder her: Ich bin gespannt, wie viele Wählerinnen und Wähler diese demokratische Höchstleistung gemeistert haben – und wie viele sie am Ende doch überfordert und ausgeschlossen hat.

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