Katholische Kirche in Frankreich am Scheideweg

Elsass: 82 Priester haben tausende Kinder missbraucht

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Zigtausend Minderjährige wurden in Frankreich Opfer von sexualisierter Gewalt durch Mitglieder der Katholischen Kirche. Auch im Elsass. Der Straßburger Erzbischof fordert Konsequenzen.

Sexueller Missbrauch von sieben kleinen Jungen, Vergewaltigung zweier Jugendlicher, Verbreitung kinderpornographischer Bilder: Allein im Elsass sollen in den letzten Jahrzehnten mehr als 6.500 Minderjährige von Kirchenvertretern missbraucht worden sein. 82 Priester sind beschuldigt. Der amtierende Bischof von Straßburg Luc Ravel verurteilt die Verbrechen aufs Schärfste und fordert ein entschiedenes Vorgehen.

Ravel reagiert damit auf den Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission, der zufolge seit den 1950er Jahren rund 330.000 Minderjährige Opfer von sexueller Gewalt in der Kirche wurden. Die katholische Kirche in Frankreich stehe an einem Scheideweg, so der Erzbischof der Diözese Straßburg. Ravel setzt sich seit langem dafür ein, sexuellen Missbrauch in der Kirche aufzuklären.

"Seit 1950 gibt es ein System, das konsequent die Stimmen der Opfer zum Schweigen bringt. In einigen Dossiers findet sich nicht einmal die Zahl der Opfer, geschweige denn deren Namen."

Immense Macht der Priester

Sexualisierte Gewalt sei Teil des Systems gewesen, so das Fazit der Untersuchungskommission. Auch die gesellschaftliche Stellung des Priesters habe die Unterdrückung der Opfer gefördert.


"Für uns hatten die Opfer kein Gewicht, im Endeffekt keine Existenz. Deshalb wurden ihre Stimmen, wenn sie sich erhoben, komplett beiseite geschoben. Insbesondere auch wegen der sakralen Stellung des Priesters: Kind sei still, du stehst vor einem Pfarrer!"

Nötig ist Aufarbeitung mit Betroffenen

Es müsse jetzt gehandelt werden, so Ravel. Wenn der Bericht der Kommission ohne Konsequenzen bliebe, habe die Kirche keine Zukunft mehr. In der Vergangenheit sei die katholische Kirche den Fällen von Kindesmissbrauch mit Behäbigkeit und Desinteresse begegnet, dafür schäme er sich. Nun ginge es auch darum, verstärkt mit Betroffenen und Betroffenenverbänden zusammenzuarbeiten. Der Weg sei noch sehr lang. Derweil lassen grundlegende Reformen in der Katholischen Kirche allerdings immer noch auf sich warten.

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SWR