Freiburg wappnet sich gegen Jahrhundert-Hochwasser und investiert Millionen in den Rückhalteraum Bohrer-Damm (Foto: SWR)

Wenn Bäche zu reißenden Fluten werden

Jahrhundert-Hochwasser: Freiburg wappnet sich und investiert Millionen

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Am Schauinsland bei Freiburg wird ein riesiger Staudamm gebaut. Er soll den Bohrerbach notfalls ausbremsen. Der fließt einmal quer durch die Stadt.

Freiburg wappnet sich gegen Jahrhundert-Hochwasser und investiert Millionen in den Rückhalteraum Bohrer-Damm (Foto: SWR)
Der Bohrerbach fließt mitten durch dicht bebaute Freiburger Wohngebiete

Kleine, unscheinbare Bäche, die plötzlich zu reißenden, tödlichen Fluten werden - das kann theoretisch fast überall passieren. Die allermeisten Siedlungen liegen nun mal am Wasser - und sei es eben auch nur ein kleines Flüsschen. Doch man kann etwas tun, um solche Flut-Katastrophen wie in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen nach Möglichkeit zu verhindern, oder wenigstens abzumildern. Die Stadt Freiburg und das Land Baden-Würtemberg investieren gemeinsam knapp 20 Millionen Euro in das Projekt Rückhalteräume Bohrer-Damm oberhalb und Wonnhalde unterhalb von Freiburg-Günterstal.

Bohrerbach ist unscheinbar - fließt aber mitten durch Freiburg

Die Hänge des Schauinsland bei Freiburg: Von hier aus macht sich der idyllische Bohrerbach auf den Weg Richtung Stadt. Er fließt einmal quer durch Freiburg, mitten durch dicht bebaute Viertel. Und dort kann auch ein scheinbar harmloser Gebirgsbach zur Gefahr werden, sagt Markus Weiler, Hydrologe an der Universität Freiburg: "Natürlicherweise braucht ein Bach auch einen gewissen Bereich, wo er sich ausdehnen kann. Und wenn diese Auen oder Bereiche anderweitig genutzt sind durch Gebäude, durch Siedlungen, durch Industrie, dann kann es natürlich in solchen Fällen immer wieder zu Konflikten kommen. Ja, der Bach braucht mehr Platz, als wir Menschen ihm geben."

Freiburg wappnet sich gegen Jahrhundert-Hochwasser und investiert Millionen in den Rückhalteraum Bohrer-Damm (Foto: SWR)
Markus Weiler, Hydrologe an der Uni Freiburg: Ein scheinbar harmloser Bach kann zur Gefahr werden

Bohrer-Damm soll 200.000 Kubikmeter Wasser aufstauen

Bisher kam Freiburg bei Hochwasser-Ereignissen meist glimpflich davon. Doch die Stadt geht lieber auf Nummer sicher. Im Bohrertal entsteht gerade ein gewaltiger Staudamm. Ein Rückhaltebecken, dass bei einem hundertjährigen Hochwasser bis zu 200.000 Kubikmeter Wasser aufstauen soll. Das Millionen-Projekt hat bei den Anwohnern anfangs nicht gerade für Begeisterung gesorgt, erzählt Rolf Ehreiser aus Horben: "In geschätzt 60 Jahren habe ich einmal erlebt, dass der Bohrerbach einmal kurzzeitig über die Straße gelaufen ist. Aber echt nur ein einziges Mal." Ebenfalls in Horben lebt Albert Schultis. Er ist der Meinung: "Die aktuellen Ereignisse zeigen einfach, dass man gegen Starkregen und Klimawandel schon bestimmte Vorkehrungen treffen muss, denke ich mal. Dazu gehört zwangsläufig ein Rückhaltebecken."

Hydrologe: Gewässern an vielen kleinen Stellen Platz geben

Braucht künftig also jedes kleine Flüsschen einen großen Rückhalteraum, ein millionenschweres Rückhaltebecken? Der Hydrologe Markus Weiler fordert Bürger in betroffenen Gebieten viel stärker zu sensibilisieren und Gewässern an vielen kleinen Stellen Platz zurückzugeben durch "dezentrale Maßnahmen, kleinräumige Retentionsflächen, kleinräumige Landnutzung, so dass einfach ein größeres Schwamm im Einzugsgebiet vorhanden ist um das Wasser zurückzuhalten."

Freiburg wappnet sich gegen Jahrhundert-Hochwasser und investiert Millionen in den Rückhalteraum Bohrer-Damm (Foto: SWR)
Freiburger Hydrologe fordert Gewässern durch dezentrale Maßnahmen Platz zurückzugeben

Freiburg baut neuen Stadtteil - im Überschwemmungsgebiet

Am anderen Ende der Stadt, wo der Bohrerbach inzwischen Dietenbach heißt, will die Stadt Freiburg ein komplett neues Wohnviertel für 16.000 Menschen bauen. Ausgerechnet mitten in einem Überschwemmungsgebiet. Dank des Bohrerdamms kein Problem, sagt die Stadt. Dennoch, die jüngste Flutkatastrophe macht nachdenklich, so Freiburgs Baubürgermeister Martin Haag, "weil wir einfach sehen: Das ist ein Effekt der letzten Jahre, dass diese Starkregen-Ereignisse zunehmen und dass auch komplett unkritische Bäche, die wir eigentlich als harmlos eingestuft haben, auch bei solchen Ereignissen richtig kritisch werden können. Ich glaube, das haben wir jetzt mal wirklich eindrucksvoll gesehen und das müsste uns eigentlich jetzt nochmal zum Nachdenken bringen."

Freiburg wappnet sich gegen Jahrhundert-Hochwasser und investiert Millionen in den Rückhalteraum Bohrer-Damm (Foto: SWR)
Plan des Überschwemmungsgebietes Dietenbach - hier soll ein Stadtviertel für 16.000 Menschen entstehen

Bei aller Prävention: Natur bleibt am Ende unbeherrschbar

2022 sollen die neuen Hochwasser-Rückhaltebecken bei Freiburg-Günterstal in Betrieb genommen werden. Doch bei allem Nachdenken und Handeln bleibt bei Verantwortlichen, Experten und Planern aber auch die Erkenntnis, dass die Natur am Ende nicht beherrschbar sein wird. Auch nicht ein idyllisches Flüsschen wie der Bohrerbach in Freiburg.

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