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Kaum direkter Kontakt zu den Kollegen, die meisten Veranstaltungen finden online statt: Kerstin Krieglsteins erste 100 Tage im Amt sind von Corona geprägt. Trotzdem ist sie "begeistert" von ihrem neuen Arbeitsplatz.

Kerstin Krieglstein leitet seit dem 1. Oktober 2020 als erste Frau die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Damit ist sie nun 100 Tage im Amt. Es sind sehr ungewöhnliche Tage, mitten in einer Pandemie, kein normaler Betrieb an der Uni, die Hörsäle verwaist. Darüber hat sie im Interview mit SWR Moderatorin Suse Kessel gesprochen.

Suse Kessel: "Wie fühlen sich die ersten 100 Tage für Sie als Rektoratsvorsitzende an?"

Kerstin Krieglstein: "Die ersten 100 Tage fühlen sich sehr gut an. Die Universitäten haben ja sehr schnell und sehr resilient auf diese Situation reagiert. Die Kontakte haben mit all den Personen, mit denen ich mir vorgenommen hatte, zu interagieren, tatsächlich stattgefunden - wenn auch als Videokonferenzen. Das hat sich jetzt so gut etabliert und eingespielt, dass ich das fast wie ein persönliches Gespräch, ein persönliches Miteinander empfunden habe. Es hat uns also nicht blockiert, sondern hat uns trotzdem sehr gute Diskussionen, ein sehr gutes Kennenlernen gebracht. Und ich bin begeistert von der Universität Freiburg."

Das ganze Interview zum Nachhören

Suse Kessel: "Aber es fehlt schon irgendwie etwas, oder?"

Kerstin Krieglstein: "Ja, natürlich würde man sich das immer in Präsenz eher wünschen, weil man glaubt, dann ein bisschen mehr Persönlichkeit mitzubekommen. Aber ich denke, das kann man für den Moment so akzeptieren. Und ich freue mich auf die Tage und die Zeiten, wenn wir das nachholen und die persönliche Beziehung weiter aufbauen können."

Suse Kessel: "Haben Sie das Gefühl, dass Sie Ihre Arbeit, so wie Sie sich das vorgestellt haben, auch tatsächlich unter den Umständen machen konnten?"

Kerstin Krieglstein: "Ja, eigentlich uneingeschränkt. Und ich bin nur auf positive Menschen gestoßen, die eine klare, konstruktive Haltung haben und eine Zukunftsorientierung zeigen, die mich begeistert."

Suse Kessel: "Und wie nehmen Sie es wahr, wie es für die Studierenden momentan ist, die nach Freiburg kommen, hierher ziehen und weder von der Uni noch von der Stadt irgendetwas sehen? Was hat das noch mit dem Studium zu tun, was Sie und ich kennen?"

Kerstin Krieglstein: "Im Moment ist das eine große Herausforderung. Für die, die neu kommen, die am 1. Oktober oder faktisch am 2. November 2020 ihren ersten Tag hatten, ist das, glaube ich, die größte Herausforderung. Der Shutdown, den wir Anfang November hatten, hat im Prinzip den Studienstart zerschossen. Wir hatten eigentlich ein ganz gutes Programm vorbereitet, ein Kennenlernpaket auch auf Online-Basis erarbeitet, um auch unter schwierigen Bedingungen den Studierenden möglichst viel zu präsentieren, ihnen Kontakte untereinander zu ermöglichen. Das ist natürlich durch diesen Lockdown stark eingeschränkt worden. Das tut uns sehr leid. Wir bemühen uns aber, die Studierenden anzusprechen und in Kontakt zu kommen.

"Es ist schwierig, Unterricht zu starten, ohne eine Beziehung zu einem Lehrenden aufbauen zu können, ohne Beziehungen zu Mitstudierenden aufbauen zu können."

Kerstin Krieglstein, Rektorin der Uni Freiburg

Die technische Herausforderung ist sicherlich noch das kleinste Problem. Anders ist das mit der Selbstorganisation, die dahinter steht, wenn ich an meinem heimischen Schreibtisch sitze. Wie verfolge ich Vorlesungen und Seminare, wie bereite ich mich darauf vor? Wie habe ich ein Zeitmanagement, dass ich das in angemessenen Paketen mache, nicht zu viel, nicht zu wenig? Das heißt, ich muss Erfahrung sammeln - und das geht eigentlich in Kontakt mit den anderen Studierenden hervorragend. Es ist aber eine enorme Herausforderung, wenn ich alleine bin."

Suse Kessel: "Was können Sie da tun, um das für die jungen Frauen und Männer einfacher zu gestalten? Wo sehen Sie da ihre dringendste Aufgabe? Was kann das Jahr bringen?"

Kerstin Krieglstein: "Wir haben auf unseren Internetseiten eine große Zahl von Anleitungen und Anregungen für Studierende, wie sie mit solchen Situationen umgehen können und wo sie Hilfe holen können. Aber wir sind natürlich darauf angewiesen, dass sie auch diese Hilfe oder diese Beratungs- und Unterstützungsangebote wahrnehmen."

Suse Kessel: "Ihre ersten hundert Tage, sagen Sie, haben sie in dem Stil absolviert, den sie gerne wollten - und das online. Was bringen die nächsten hundert Tage?"

Kerstin Krieglstein: "Die nächsten 100 Tage müssen dazu dienen, das neue Rektorat aufzustellen. Das sind ja zwei hauptamtliche und zwei nebenamtliche Prorektorate. Für die hauptamtlichen Prorektorate ist eine Findungskommission dabei, deswegen geht es nicht ganz so schnell, wie man sich das wünscht. Aber da sind wir auf der Zielgeraden. Im Dezember haben wir den Prorektor für Forschung und Innovation schon gewählt. Ich habe schon Ideen. Und wenn sich das jetzt alles, und das ist sehr wahrscheinlich, so realisiert, wie ich mir das vorstelle, werden wir ein sehr, sehr gutes, sehr leistungsstarkes Rektorat haben, das hoffentlich ein großes Ohr an der Universität hat und damit in enger Wechselwirkung zur Universität die Universitätsentwicklung beschreiten kann."

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