Indische Nonnen im Kloster St. Trudpert in Münstertal (Foto: SWR, David Kölsch)

Kloster St. Trudpert in Münstertal

Die indischen Nonnen aus dem Schwarzwald

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AUTOR/IN
Jan Lehmann

September 1960: Zwei junge Inderinnen kommen nach Münstertal, ins Kloster St. Trudpert. Eine fremde Welt mit dunklen Wäldern, Schnee und Essen ohne Gewürze. Dennoch sind sie geblieben, bis heute.

Dass in den 1960-er Jahren zahllose Gastarbeiter kamen, um das deutsche Wirtschaftswunder anzukurbeln, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass damals auch einige Tausend junge Frauen aus dem indischen Kerala kamen - als Krankenschwestern halfen sie in den deutschen Kliniken aus, denen es an Pflegekräften mangelte, schon damals. Zu den allerersten Inderinnen gehörten Schwester Lellis (79) und Schwester Clementa (78). Sie kamen im September 1960 in den Schwarzwald - ins Kloster St. Trudpert in Münstertal (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald).

"Ich habe gesagt, ich werde doch nie nach Deutschland gehen - da ist Unruhe und Krieg, das haben wir in der Schule gelernt. Ich habe nicht im Geringsten gedacht, dass man uns nach Deutschland schickt."

Und doch fand sie sich plötzlich mitten im Schwarzwald wieder, im Münstertal. Und mit ihr Schwester Clementa, damals gerade mal 17 Jahre alt. Sie kamen in eine Welt, in der so ziemlich alles anders war, als in ihrer Heimat. Allem voran das Essen: "Das war für uns schon schwer, immer dieses Brot und dann dieses Essen ohne Gewürze. Das war schon eine Umstellung", erzählt die Ordensschwester.

Nudeln kannten sie nicht - und hielten sie anfangs für Würmer

Nudeln hielten sie damals zuerst für Würmer, Kloschüsseln für Waschbecken. Und zum ersten Mal im Leben mussten sie feste Schuhe anziehen. Bisher hatten sie allenfalls Sandalen getragen oder waren barfuß unterwegs gewesen. In Münstertal waren die indischen Frauen 1960 noch eine echte Sensation. "Die waren sehr neugierig", sagt Schwester Lellis. Die barocke Klosterkirche sei plötzlich voller gewesen als sonst.

Indische Nonnen im Kloster St. Trudpert in Münstertal (Foto: SWR, David Kölsch)
Inzwischen haben sich Schwester Clementa (links) und Schwester Lellis an deutsches Essen gewöhnt - ab und zu kochen sie aber auch gerne noch Indisch. David Kölsch

Im Schwarzwald erlebten sie das erste Mal Schnee

Und dann kam der Winter und sie erlebten zum ersten Mal Schnee. "Wir standen alle draußen und haben den Mund aufgemacht, damit der Schnee reinfällt", erinnert sich Clementa lachend. Ein Foto, das genau diese Szene zeigt, ist in einer kleinen Ausstellung im Kloster zu sehen. Die Schwestern vom Heiligen Josef - so nennt sich die Ordensgemeinschaft - haben 2020 ihr 100-Jahr-Jubiläum in Sankt Trudpert gefeiert. 60 Jahre davon haben Schwester Lellis und Clementa miterlebt - allerdings nicht immer im Münstertal. Viele Jahre haben sie als Krankenschwestern in Freiburg, Heidelberg und Pforzheim gearbeitet. In den Kliniken wurden sie dringend gebraucht.

"Ich wollte eigentlich als junge Schwester schon wieder zurück nach Indien. Aber ich sehe es als Gottes Vorsehung, dass ich hier bin. Gott hat mich hier gewollt. Es ist irgendwie meine Heimat geworden."

Indische Nonnen im Kloster St. Trudpert in Münstertal (Foto: SWR, David Kölsch)
Die indischen Nonnen im Kloster St. Trudpert kochen, essen und singen regelmäßig gemeinsam. David Kölsch

Nicht nur für Schwester Clementa und Schwester Lellis ist das Münstertal zur Heimat geworden. Insgesamt stammen 15 der über 70 Ordensschwestern aus Indien. Sie treffen sich regelmäßig und essen und singen gemeinsam. Wenn sie kochen, dann mit viel Curry und Koriander und natürlich schön scharf. Das essen übrigens auch die deutschen Schwestern gerne. "Die verlangen sogar, dass wir indisch kochen sollen", sagt Clementa.

Indien ist ihnen heute fremder als Deutschland

Dass die indischen Schwestern den Kulturschock damals gut überstanden, lag auch an der Fürsorge der anderen Nonnen im Kloster. Schwester Lellis packte nach ein paar Jahren dennoch das Heimweh und sie ging zurück. Allerdings war ihr Nordindien, wo der Orden neue Klöster gegründet hatte, inzwischen noch fremder als Deutschland. Und so kam sie wieder zurück. Bereut hat sie es nicht, auch wenn jetzt, im hohen Alter, das Heimweh schon manchmal wiederkommt. "Für mich ist nach 60 Jahren in Indien alles fremd. Ich kann nicht einmal alleine Busfahren", witzelt sie, "hier habe ich eigentlich alles. Ich habe mich immer wohl gefühlt."

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Jan Lehmann