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In Freiburg wurde über die Berufung einer Medizintechnik-Firma gegen ein Landgerichtsurteil verhandelt. Ein Kläger hatte wegen einer schadhaften Hüftprothese Recht bekommen. Nun ist das Urteil gefallen.

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Das Oberlandesgericht (OLG) gibt im Berufungsverfahren dem Kläger Recht und entscheidet damit gegen das US-amerikanische Unternehmen Zimmer-Biomet. Die Freiburger Außenstelle des Oberlandesgerichts Karlsruhe hatte seit Anfang Januar über die Berufung des Medizintechnik-Herstellers verhandelt. Dabei ging es um ein Urteil des Freiburger Landgerichts von 2018. Darin hatte das Gericht festgestellt, dass der Hersteller schadhafte Durom-Großkopf-Hüftprothesen in Umlauf gebracht hatte. Dies sah jetzt nach erneuter Prüfung durch Sachverständige auch das OLG so: "Die dem Kläger implantierte Hüftprothese ist fehlerhaft", heißt es in der Urteilsbegründung. Die durch Metallabrieb entstandenen Partikel hätten im Körper des klagenden Patienten "gesundheitsschädliche Auswirkungen".

Die betreffenden Prothesen waren von 2004 bis 2009 etwa 800 Patienten im Freiburger Loretto-Krankenhaus eingesetzt worden. Laut Hanspeter Hauke, dem Vorsitzenden der Durom-Selbsthilfegruppe, sind aber in Freiburg insgesamt rund 1.000 Patienten betroffen. Viele von ihnen klagten über Beschwerden und mussten erneut operiert werden.

Entscheidung im Hüftprothesen-Prozess in Freiburg zugunsten von (v.l.) Hanspeter Hauke, Vorsitzender der Selbsthilfegruppe, Rechtsanwalt Sascha Berst-Frediani und Kläger Jürgen Thoma (Foto: SWR, Sebastian Bargon)
Entscheidung im Hüftprothesen-Prozess in Freiburg zugunsten von (v.l.) Hanspeter Hauke, Vorsitzender der Selbsthilfegruppe, Rechtsanwalt Sascha Berst-Frediani und Kläger Jürgen Thoma Sebastian Bargon

Prozesswelle erwartet, weil Berufung abgelehnt wurde

Der Prothesen-Hersteller argumentierte, dass die Prothese nicht fehlerhaft und der Metallabrieb tolerierbar sei. Eine gütliche Einigung lehnten die Anwälte der US-Firma ab. Das Landgericht hatte dem Kläger 25.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen. Diesen Anspruch hat das OLG jetzt bestätigt. Eine ganze Reihe von weiteren Geschädigten hatte mit Spannung auf das Urteil gewartet. Nun wird eine Prozesswelle erwartet. Beim Oberlandesgericht sind 15 weitere Berufungsverfahren anhängig.

Etwa 100 Geschädigte könnten vor Gericht ziehen

Nicht alle Personen, die eine entsprechende Durom-Prothese bekommen haben, ziehen wohl auch vor Gericht, glaubt Hanspeter Hauke. Er rechnet aber damit, dass etwa 100 ehemalige Patienten tatsächlich versuchen werden, eine Schadensersatzzahlung zu erstreiten. Viele hätten nicht die finanziellen Mittel zu klagen, so Hauke. Andere haben die Frist gegen eine Verjährung der Ansprüche offenbar verstreichen lassen.

Juristischer Streit könnte länger dauern

Wenn es ungünstig für die Betroffenen läuft, kann sich der Streit noch zwei bis drei Jahre hinziehen. So lange könnte es dauern, wenn der Rechtsstreit bis zur letzten Instanz - dem Bundesgerichtshof - durchgefochten wird. Da in Deutschland keine Sammelklagen für solche Fälle möglich sind, warten viele Betroffene zunächst ein Musterurteil ab. Danach könnten sie mit geringerem Risiko selbst klagen.

Spielt der Prothesen-Hersteller auf Zeit?

Spricht man mit Juristen, die mit dem Fall Zimmer vertraut sind, heißt es hinter vorgehaltener Hand, dass das US-amerikanische Unternehmen möglicherweise auf Zeit spiele, sprich den gesamten Vorgang so lange hinauszögere, bis ein Großteil der möglichen Anspruchssteller verstorben sei. Der Haken dabei ist allerdings, auch das sagen die Juristen, dass Zimmer dann noch immer nicht aus dem Schneider sei. Denn auch die Hinterbliebenen könnten bei dem US-amerikanischen Unternehmen vor Gericht Schadensersatz einfordern.

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