Könnte das Impfen bald wieder ganz normalen Unterricht ermöglichen? (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Matthias Balk)

Gewerkschaftsvorsitzende im SWR-Interview

GEW beklagt die schleppenden Corona-Pläne fürs neue Schuljahr

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Wie geht's in Schulen nach den Ferien weiter? Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist beunruhigt, ihre Landesvorsitzende Monika Stein wütend.

Es ist ein Dauerdilemma: Die Situation der Schülerinnen und Schüler, der Lehrerinnen und Lehrer im Land. Der Unterricht in Pandemie-Zeiten war für die meisten bisher ein Drama. Wie es nach den Ferien aussieht? Man könnte meinen, es wird nicht viel besser - das ist zumindest der Eindruck, wenn man die Berichte aus den Schulen hört. Es ist gefühlt zwar nicht alles schlecht, aber es könnte vieles wohl besser laufen. Ein großes Thema für die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Monika Stein.

Hier das komplette Interview im Audio zum Nachhören:

SWR: Frau Stein, wie ist die Situation der Schulen in Südbaden? Wir haben jetzt gerade Ferien, aber fünf Wochen sind schnell voerbei. Wieviel ist denn inzwischen verloren gegangen im vergangenen Schuljahr? 

Monika Stein: Im vergangenen Schuljahr haben die Kinder und die Jugendlichen sehr darunter gelitten, dass die Schulschließungen relativ lang waren, als der Fernunterricht und auch der Wechselunterricht viel Zeit in Anspruch genommen haben. Am meisten durften die Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe nicht in die Schulen gehen. Sie waren zum Teil vier, fünf Monate zu Hause und durften nicht in die Schule und mit Gleichaltrigen lernen, leben und was auch immer sonst in der Schule passiert. Das heißt, es ist wirklich ein sehr, sehr großer Bedarf im sozial emotionalen Bereich bei allen Kindern und Jugendlichen entstanden. Und bei einigen gibt es wirklich auch deutliche Lernlücken durch die Situation im vergangenen Schuljahr. Und man muss sagen, es sind sogar die zwei vergangenen Schuljahre, die unter Pandemiebedingungen anders gelaufen sind. Es waren die Schulen, die geschlossen werden mussten oder sollten, um irgendwie die Inzidenzen wieder in den Griff zu bekommen.

SWR: Es ist jetzt ein gutes Jahr her, da hatten wir auch sechs Wochen Ferien, danach ging die Schule wieder los. Keiner wusste genau wie. Man hat den Eindruck, jetzt ist es nicht so viel anders.

Monika Stein: Den Eindruck teilen wir als GEW und ich muss sagen, es macht mich unruhig. Und es macht mich, ehrlich gesagt, auch sehr wütend, dass der Eindruck immer noch entsteht, weil klar ist, dass viele Verantwortliche sich wegducken und das Gefühl haben, jetzt warten wir erstmal ganz in Ruhe ab, wie die Inzidenzen sich entwickeln. Wir sehen blöderweise, dass die Inzidenzen jetzt schon wieder steigen, obwohl gerade die Sommerferien erst anfangen. Das war letztes Jahr anders. Die Kinder und die Jugendlichen haben nicht die Zeit, jetzt in Ruhe mal abzuwarten, ob die Zahlen wieder hochgehen werden. Wir wissen einfach, dass es passieren wird. Im Herbst wird dann aber erstaunt festgestellt, dass die Zahlen hochgegangen sind und dann kommt blöderweise "Ach, wir haben eigentlich geschworen, dass wir es nicht mehr machen. Aber die Schulen müssen doch wieder in den Fernunterricht umsteigen".

SWR: Frau Stein, Sie hatten mit der Freiburger Schulbürgermeisterin Christine Buchheit ein Streitgespräch. Da ging es in erster Linie auch um die Frage, ob die Schulen im Herbst öffnen können und was jetzt mit den Lüftern wird.

Monika Stein: Ich bin der Landesregierung sehr dankbar, dass die sich endlich, endlich bewegt haben. Und dass die endlich verstanden haben, dass die Schulen mehr brauchen - übrigens auch die Kitas, sie haben sich auch für die Kitas bewegt. Dass die mehr brauchen als nur Fenster aufmachen und Hände waschen, wie es im letzten Jahr propagiert wurde. Sondern dass wir wirklich auch auf andere Weise noch dafür sorgen können, dass die Situation in den geschlossenen Räumen sicherer wird. Da sind Luftreinigungssysteme eine sehr gute Idee. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass eine Stadt wie Freiburg oder auch andere kommunale Schulträger abwarten und jetzt die Hände in den Schoß legen und sagen, aber wir haben doch ganz tolle Systeme und ganz tolle Ideen entwickelt, wie Lüften, Händewaschen und auch Masken tragen - das wird schon reichen.

SWR: Warum geht das so schleppend mit den Lüftern? 

Monika Stein: Es kostet Geld! Und das regt mich unfassbar auf, weil ich sage, die Kinder und die Jugendlichen, die müssen es uns wert sein. Die haben jetzt eineinhalb Jahre zurückgesteckt. Sie haben eineinhalb Jahre Rücksicht genommen auf die Situation von Älteren, von Vorerkrankten, vulnerablen Menschen. Immer hieß es, ihr müsst jetzt noch Mal kurz die Füße stillhalten, bei euch wird es nicht so schlimm, wenn ihr euch ansteckt. Aber ihr könnt dazu beitragen, dass die Pandemie in Deutschland nicht so ausbricht. Und nach eineinhalb Jahren sind die meisten Erwachsenen durchgeimpft, die sich impfen lassen wollen. Die Kinder können sich noch nicht impfen lassen, wenn sie unter zwölf sind. Und zwischen zwölf und sechzehn gibt es keine Impfempfehlung. An der Stelle ducken sich die Erwachsenen weg, die in den Positionen sind, dass sie Entscheidungen treffen könnten und müssten. Sie sagen, jetzt warten wir aber ganz in Ruhe ab, ob unsere Konzepte vom letzten Jahr vielleicht dieses Jahr tragen. Aber sie werden nicht tragen.

SWR: Die Stadt Bad Krozingen hat jetzt zum Beispiel selbst gehandelt und mobile Lüftungsgeräte bestellt, die dann nach den Ferien im Unterricht auch laufen sollen. Wäre das vielleicht auch ein Weg für Freiburg?

Monika Stein: Das wäre genau der richtige Weg.

SWR: Warum läuft das nicht?

Monika Stein: Weil die Stadt Freiburg und die Verantwortlichen in der Stadt Freiburg sich ihrer Verantwortung nicht stellen. Weil sie sagen, es ist zu teuer und anscheinend sind ihnen die Kinder und Jugendlichen dieses Geld nicht wert, was in die Hand genommen werden müsste, damit ein möglichst sicherer Schul- und Kitabetrieb im Herbst auch stattfinden kann. 

SWR: Thema Masken - wie soll das jetzt im Winter werden? Die Rede ist jetzt schon von einer vierten Welle. Sie haben gesagt, die Inzidenzen steigen. Sollten dann auch alle Lehrer wieder Masken tragen?

Monika Stein: Wenn die Kinder und Jugendlichen Masken tragen müssen, müssen die Erwachsenen auch Masken tragen.

SWR: Was fordern Sie, was fordert die GEW von der Stadt Freiburg in dem Fall? Und vielleicht auch von der Landesregierung?

Monika Stein: Ich erwarte von der Stadt Freiburg, ich erwarte aber auch von allen kommunalen Verantwortungsträgern, dass sie die Schulen und die Kitas ausstatten mit mobilen Luftreinigungsgeräten, um die Sicherheit wirklich deutlich in die Höhe zu treiben und um dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche möglichst lange und hoffentlich auch komplett im Herbst und im Winter in Präsenz in den Kitas und in den Schulen sein können. Und dass sie nicht ein weiteres Mal hinten runterfallen.

SWR: Monika Stein, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, zur Situation der Schulen - wo es hakt und was dringend zu tun ist, bevor die Schule im Herbst wieder losgeht.

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