Joadchim Grössel und Klaus Freudenberger (Foto: SWR)

Interessengemeinschaft gegründet

Mutmaßliche Geothermieschäden bei Kehl: Betroffene schließen sich zusammen

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Im Grenzgebiet zum Elsass kämpfen hunderte deutsche Betroffene um einen Ausgleich für Geothermie-Schäden. Doch die verantwortliche Firma Geoven macht bisher nur fragwürdige Angebote.

Lange Risse durchziehen die Mauern der Friedenskirche in Kehl. Mit ernster Miene steht Diakon Joachim Grössel zwischen den Kirchenbänken und lässt den Blick zum Turm hoch schweifen. "Hier haben wir die nächste Schadensstelle", erklärt er und zeigt auf einen Riss, der sich quer über den Turm zieht.

Entwicklung der Schäden mit Fotos dokumentiert

Risse habe es in der Kirche immer schon gegeben. Aber früher seien sie kaum sichtbar gewesen. Grössel ist sicher, dass sich das durch die Erdbeben verändert hat. Durch Geothermiebohrungen hatte es im Raum Straßburg immer wieder Erdbeben gegeben.

"Das lässt sich klar erkennen, wenn man Fotos von vor und nach dem Beben vergleicht. An manchen Stellen ist es auch deswegen klar, weil nachher auf dem Boden Putz lag. Da sieht man, dass es einen direkten kausalen Zusammenhang gibt."

Diakon Joachim Grössel (Foto: SWR)
Diakon Joachim Grössel

Firma: Untergrund soll Risse verursacht haben

Die Pfarrgemeinde hat die Schäden längst an die französische Geothermiefirma Geoven gemeldet. Doch im Fall der Friedenskirche bestreitet Geoven, Verursacherin zu sein. Das Unternehmen habe erklärt, das Gotteshaus sei auf Rheinschwemmland gebaut, der Boden sei somit schuld an den Rissen, berichtet der Diakon. "Das ärgert uns kolossal. Wenn man die Sachen angehen würde, die Schäden zu beheben, müsste man ein Gerüst stellen, was von den Kosten für uns nicht unerheblich wäre", sagt Grössel. Das Geld würde die Gemeinde lieber in soziale Projekte stecken, als hier Schäden zu beheben, die jemand anderes verursacht habe.

Firma will Schäden nicht komplett bezahlen

Auch da, wo Geoven die eigene Haftung anerkennt, werden Schäden nicht ohne Weiteres ausgeglichen. Zum Beispiel bei Wolfgang Ernst aus dem Rheinauer Ortsteil Rheinbischofsheim.

Wolfgang Ernst, Geschädigter (Foto: SWR)
Wolfgang Ernst ist einer der Geschädigten im nördlichen Ortenaukreis.

Fast alle Wände seines Hauses hätten durch die Erdbeben Risse, sagt er. Von den geschätzten Reparaturkosten soll er aber nur ein Zehntel erstattet bekommen: 1.700 Euro. Ein entsprechendes Angebot hat Geoven dem Hausbesitzer schon mehrmals geschickt - jeweils mit dem Hinweis, dass Wolfgang Ernst 90 Tage Zeit habe, es anzunehmen.

"Eigentlich schicken sie das Angebot immer mit einer Verzichtserklärung, in Zukunft keine Regressansprüche mehr zu stellen. Sie schicken wöchentlich Mails und erinnern einen daran, dass die Zeit abläuft, die 90 Tage, die sie uns zugestehen."

Schnelles Geld gegen Verzichtserklärung

Der Freiburger Rechtsanwalt Volker Haaf rät unbedingt davon ab, so ein Angebot zu unterzeichnen. Er vertritt die Interessengemeinschaft, zu der sich inzwischen Dutzende Betroffene zusammengeschlossen haben. Haaf sagt: "Die Versicherungen, die hinter Geoven stehen, versuchen natürlich den Deckel drauf zu machen, damit sie da glimpflich rauskommen. Sie haben den Geschädigten ein Vergleichsangebot gemacht und um Zustimmung binnen 90 Tagen gebeten." Man versuche, den Leuten schnelles Geld anzubieten, damit sie dann keine weiteren Schadensersatzansprüche mehr geltend machen könnten. Man wisse aber nie, ob es noch zu weiteren seismischen Schadensereignissen komme.

Hoffen auf Schlichtung

Die Mitglieder der Interessengemeinschaft hoffen, dass Haaf bald Transparenz schaffen kann, dass nachvollziehbar wird, wie Geoven die Schadensummen ermittelt, und dass sie Einsicht in die Gutachten bekommen. Und dann? Laut Klaus Freudenberger, dem Sprecher der Interessengemeinschaft, ist eine Schlichtung das langfristige Ziel. Im Zusammenschluss mit möglichst vielen Menschen will man dafür nun professionell in die Verhandlungen gehen. "Dann hoffen wir, dass das zumindest schadensmindernd wirkt, denn keiner will auf den Schäden sitzen bleiben, die jemand anderes verursacht hat."

Die ganze Sendung finden Sie hier: SWR Aktuell Baden-Württemberg mit Dreiland-Aktuell, Anfangszeit 5:00

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