Kinder in der Pandemie (Foto: imago images, imago images/photothek)

Kinder und Jugendliche in der Pandemie

Großer Leistungsdruck: Manche trauen sich nicht mehr in die Schule

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Kinder und Jugendliche leiden besonders unter der Pandemie. Nicht wenige entwickeln psychische Störungen. Eine große Herausforderung, sagt die Freiburger Schulsozialarbeiterin Nele Dürr.

Was macht Corona eigentlich mit den Jugendlichen? Erst monatelange Lockdowns mit Fernunterricht, jetzt die Diskussion ums Impfen, 2G-Regeln seit Neuestem. An den Schulen geht es darum, wie Unterricht möglich ist, wie das funktioniert mit den Masken, mit dem Lüften, oder damit, dass Lehrerinnen und Lehrer wegen Quarantäne ausfallen oder auch Klassenkameradinnen und – kameraden positiv getestet wurden. Corona ist für Heranwachsende eine besondere Belastung, neben all den anderen Problemen, mit denen die Altersgruppe sowieso schon zu kämpfen hat.

Fachtagung Schulsozialarbeit in Freiburg

Am Dienstag war die Pandemie-Belastung von Jugendlichen auch Thema bei einer Fachtagung der Schulsozialarbeit in Freiburg. Dort gibt es 54 Allgemeinbildende Schulen, in denen etwa 80 Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter jungen Menschen in Krisensituationen helfen. SWR4-Moderatorin Suse Kessel hat mit Nele Dürr, Schulsozialarbeiterin an der Staudinger-Gesamtschule, über die aktuelle Situation gesprochen.

SWR: Frau Dürr, wie erleben Sie denn gerade den Schulalltag?

Nele Dürr: Zum einen ist es erstaunlich, wie schnell die Jugendlichen sich an den neuen Alltag angepasst haben. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie sie das alles mitmachen und trotzdem noch irgendwie fröhlich sind. Anderseits ist es so, dass sich die Probleme, die es vorher schon gab wie Depressionen oder Schulangst, verstärkt haben, gerade durch den Lockdown. Viele sind es nicht mehr gewohnt, jeden Tag zu kommen. Die neue Situation mit den vielen Regeln belastet viele sehr. Die Familien sind belasteter als früher, weil Eltern eben auch von Arbeitslosigkeit bedroht sind, finanzielle Schwierigkeiten haben. Konflikte kochen schneller hoch, die Nerven liegen einfach blank.

Gibt es deshalb jetzt mehr zu tun für Sie als Schulsozialarbeiterin?

Ja, das ist definitiv so. Früher hatten wir viele kleinere Konflikte, die oft schnell durch Gespräche zu klären waren. Jetzt haben wir viele Probleme, die teilweise unsere Kompetenzen übersteigen, weil eine psychologische Behandlung angezeigt wäre. Da haben wir oft Schwierigkeiten zu vermitteln und müssen dann die Wartezeiten überbrücken. 

Haben Sie ein Beispiel, was Ihnen in letzter Zeit begegnet ist, wo Sie sagen, das hatten wir vor Corona nicht?

Wir haben viele Schülerinnen, vor allem in der Unterstufe und auch ältere in der Mittelstufe, die einfach nicht mehr in die Schule kommen, weil sie über die Corona-Zeit massive Ängste entwickelt haben. Sie haben einen großen Leistungsdruck und das Gefühl, sie holen das nie wieder auf, was sie da verpasst haben, weil sie einfach völlig rausgefallen sind. Sie haben dann von Kinder- und Jugendpsychiatern diagnostizierte Sozialphobien oder Angststörungen. Sie warten aber auf eine Behandlung und wir versuchen, das irgendwie zu überbrücken und den Familien den Druck zu nehmen, weil da natürlich auch oft Eltern dahinter sind, die sich große Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen. Wir versuchen, so zu unterstützen, dass die Kinder es wieder schaffen, in die Schule zu gehen.

Wie schaffen Sie das?

Also in manchen Fällen funktioniert es ganz gut, indem wir Stundenpläne reduzieren. Dann versuchen wir, je nachdem wie es läuft, die Stundenanzahl stufenweise wieder zu erhöhen.

Wo sehen Sie denn die größten Defizite und Probleme bei der Schulsozialarbeit? Was müsste sich verändern?

Es ist einfach so, dass schon vor Corona die kinder- und jugendpsychiatrischen Angebote in Freiburg mangelhaft waren. Es gibt einfach zu wenig Therapieplätze, zu wenig Klinikplätze. Das fällt uns jetzt noch viel mehr auf die Füße, weil die Wartezeiten sehr lang sind. Und gerade bei Angststörungen und Depressionen ist es natürlich wichtig, dass da möglichst zeitnah eine Behandlung stattfindet. Das ist im Moment leider so nicht umsetzbar. Wir arbeiten eng mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie und auch mit niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern zusammen, aber es gibt nicht genug Kapazitäten. 

Wie geht es Ihnen persönlich damit?

Für mich ist es natürlich belastend. Ich habe das Gefühl, dass das, was ich anbieten kann, oft nicht ausreicht. Man "verwaltet" den Zustand und kann oft nicht viel daran ändern. Das ist eine große Belastung! 

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