STAND

Welche Gefahr geht von Kitas und Grundschulen aus? Das wird seit gut zehn Monaten nicht nur heiß diskutiert, auch die Forschung beschäftigt sich damit. Die Freiburger und drei weitere Unikliniken im Land arbeiten weiter an einer gemeinsamen Studie.

Die Eltern-Kind-Studie der vier baden-württembergischen Unikliniken war im Juni die Basis für eine weitere Öffnung von Schulen und Kitas gewesen. Sie kam zu dem vorläufigen Ergebnis: Kinder sind offenbar keine Pandemie-Treiber. Sie erkranken seltener an Covid-19 und stecken sich auch seltener damit an.

Forscher-Teams weltweit liefern seither jedoch widersprüchliche Ergebnisse. Insgesamt 291 wissenschaftliche Studien haben das Robert-Koch-Institut und das Deutsche Jugendinstitut ausgewertet. Fazit: Bisher sind nur wenige Studien wirklich aussagekräftig. Aber: "Insgesamt scheinen Kinder weniger infektiös als Erwachsene." Viele Untersuchungen belegen, dass Kinder sich durchaus anstecken - doch häufig symptomfrei bleiben. Aber sind sie deshalb wirklich weniger ansteckend?

Bislang "nur wenige echte Schul-Ausbrüche"

Philipp Henneke, Kinder-Infektiologe an der Freiburger Uniklinik, ist an der landesweiten Eltern-Kind-Studie beteiligt. Auch er geht derzeit davon aus, dass Kinder das Infektionsgeschehen eher nicht beschleunigen: "Wir sehen es daran, dass es wenige echte Schul-Ausbrüche gibt. Natürlich gibt es das ab und zu, auch mehrere Fälle, das ist für den Schulbetrieb, wie man ihn kennt, nicht ungewöhnlich. Aber: Wir haben, was gerade das internationale Schrifttum angeht, viel mehr Ausbrüche in anderen Einrichtungen - etwa religiösen - als im Umfeld von Schulen."

Eine belastbare wissenschaftliche Beurteilung der entscheidenden Frage aufgrund der bisherigen Erkenntnisse stehe jedoch noch aus, so Henneke: "Was das genau bedeutet für die Übertragung in einer Gesellschaft, das können wir nicht abschließend sagen."

Kita-Verband wünscht sich Klarheit

Marko Kaldewey, Vorstand des baden-württembergischen Kita-Verbandes, wünscht sich endlich klarere Ergebnisse. Die jetzige Situation sei für die Kindertagesstätten sehr unbefriedigend: "Das wäre schön, wenn es noch mehr zusammengefasste Studien gäbe, um auf mehr Daten zugreifen zu können. Leider fehlt das große Gesamtbild. Vom deutschen Kita-Verband fordern wir daher auch, dass es zusammengefasst wird, um letzten Endes auch die Entscheidung darüber abwägen zu können."

Medizinier Henneke fordert baldige Schulöffnung

Vorläufiges Fazit: Auch nach 291 ausgewerteten Studien ist die Rolle, die Kinder bei der Übertragung von Covid-19 spielen, weitgehend unklar. Philipp Henneke glaubt dennoch, dass insbesondere Schulen sichere Orte sein können - wenn Hygieneregeln eingehalten und noch verbessert würden. Er fordert, die Schulen so bald wie möglich wieder zu öffnen: "Wir können nicht eine ganze Generation von Schülern dauerhaft aussperren. Die Schule online abzuhalten, ist nach meiner und nach Meinung vieler Experten eine ganz schlechte Lösung, weil sie sozial extrem ungerecht ist."

Mehr zum Thema:

Studie mehrerer Universitäten Freiburger Infektiologe fordert Schulöffnung

Philipp Henneke, Kinder-Infektiologe am Freiburger Universitätsklinikum, fordert eine Öffnung der Schulen unter strengen Hygienebedingungen. Kinder seien keine Infektionstreiber in der Pandemie, so das Ergebnis einer Studie.  mehr...

Baden-Württemberg

Neue Corona-Verordnung Corona-Kontaktregeln: Baden-Württemberg macht Ausnahmen bei Kindern

Nach heftiger Kritik weicht Baden-Württemberg von den Corona-Beschlüssen der Bund-Länder-Konferenz ab. Es gibt nun doch Ausnahmen für Kinder. Wann die Schulen wieder öffnen, bleibt jedoch weiter unklar.  mehr...

Baden-Württemberg

Das Coronavirus und die Folgen für das Land Live-Blog zum Coronavirus in BW: Landesweite Inzidenz steigt auf 143,7

Das Coronavirus bestimmt den Alltag der Menschen im Land. Im Live-Blog fassen wir die neuesten Entwicklungen rund um die Pandemie und die Beschränkungen zusammen.  mehr...

STAND
AUTOR/IN