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Lockdown, Homeschooling, Langeweile: Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen haben während der Pandemie deutlich zugenommen - auch Ess-Störungen. In der Uniklinik Freiburg bekämpft Emma, ihre Magersucht.

In der Pandemie suchen viele Jugendliche ihre Vorbilder in den Sozialen Medien - statt sich in der Schule auf dem Pausenhof oder in den Vereinen mit Gleichaltrigen zu vergleichen. In den Netzwerken geht es häufig um Essen, Fitness und Abnehmen. Nicht wenige Jugendliche verlieren dann die Kontrolle über ihren Körper - das kann lebensgefährlich werden.

Soziale Medien gaukeln falsche Vorbilder vor

Groß, schlank, weite Klamotten: Die 16-jährige Emma ist ein hübsches Mädchen im Teenager-Alter. Doch Emma ist magersüchtig. Seit drei Monaten ist sie stationär in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Freiburg untergebracht. Die Gymnasiastin hatte durch den Lockdown und das Homeschooling viel Zeit und war dadurch viel in den sozialen Medien unterwegs.

"Mein Ziel war es, genauso so zu sein wie die Menschen auf Social Media. Wie die dünnen Menschen, die ein perfektes Leben haben und eine tolle Figur. Ich habe mich dann für zu dick empfunden. Die Zahl auf der Waage war hoch und dann habe ich angefangen immer weniger zu essen."

Ernährungssonde hält Emma am Leben

Vergangenen Sommer im Urlaub bemerken Emmas Eltern, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmt. Aber Ratschläge will Emma da noch nicht hören. Erst als sie im Februar immer schwächer wird, ist sie bereit, mit ihren Eltern in die Freiburger Kinderklinik zu fahren. Die Ärzte dort schickten sie sofort weiter in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort wird sie stationär aufgenommen. Die ersten sieben Wochen waren hart. Emmas Gesundheitszustand war so schlecht, dass sie durch eine Sonde ernährt werden musste. Ihr Herz schlug nur noch langsam - die Blutwerte waren miserabel. Heute geht es ihr wieder besser.

Sehr viele Notaufnahmen in Kinder- und Jugendpsychiatrie

Madeleine Zimmermann ist Ärztin an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Freiburg. Die Auswirkungen der Pandemie bekommt sie ganz besonders zu spüren. Die Frau mit den braunen Locken und dem strahlenden Lachen wird ernst, wenn sie über momentane Situation an der Klinik spricht: "Wir haben auf unseren Akutstation gerade jetzt die letzten Wochen wahnsinnig viele Notaufnahmen. Manchmal sind es vier bis fünf Notaufnahmen an einem Tag. Dafür haben wir gar nicht die Betten." Vielen Kindern fehle die Tagesstruktur. Normalerweise gingen Kinder in die Schule. Das sei eine Aktivität und mehr Tagesstruktur, als morgens einfach an den Laptop zu gehen und am Online-Unterricht teilzunehmen, so die Ärztin.

Feste Tagesstruktur vermindert psychische Erkrankungen

Tagesstruktur hat Emma in der Klinik wieder zurückgewonnen. Jeden Tag geht sie in die Klinikschule, Mahlzeiten finden zu bestimmten Zeiten statt. Essen fällt der 16-Jährigen immer noch schwer. Doch es ist schon viel besser geworden - und sie kann nach vorne schauen. Sie freut sich darauf, mit ihren Eltern in den Urlaub zu gehen. Und auch einfach wieder normal leben zu können, ohne die ganze Zeit über das Essen nachzudenken. Noch darf Emma die Klinik nicht verlassen. Erst muss sie noch neun Kilo zunehmen.

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