Leere Kirchenbänke im Freiburger Münster (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Seeger)

Kritik an der Katholischen Kirche

Erzdiözese Freiburg: Austrittswelle wegen verweigerter Reformen

STAND
AUTOR/IN
Gabi Krings

Es sind vor allem engagierte Mitglieder, die die Katholische Kirche in Scharen verlassen. Auch im Erzbistum Freiburg haben viele Gläubige die Hoffnung auf Veränderung verloren.

Am Donnerstag geht in Fulda die Deutsche Bischofskonferenz zu Ende. Die 69 Bischöfe sollten sich dort noch einmal mit den Reformen des Synodalen Wegs auseinandersetzen. Dieser war im September kolossal gescheitert: Konservative Bischöfe hatten ein Papier zur Sexualmoral verhindert. Doch fraglich ist, ob die Themen des Synodalen Wegs - Missbrauch, Zölibat, Weihe für Frauen, mehr demokratische Mitbestimmung, Vielfalt -  nun in Fulda wirklich angegangen wurden. Fest steht, es gibt eine dramatische Austrittswelle. Die Geduld vieler Menschen ist am Ende, auch in der Erzdiözese Freiburg.

Eine derjenigen, die genug von der Katholischen Kirche haben, ist Eveline Viernickel. Die Freiburgerin hat sich viele Jahre für Reformen eingesetzt, zuletzt in der Frauenbewegung Maria 2.0. Doch angesichts des Missbrauchsskandals und unverrückbarer Machtstrukturen hat sie resigniert.

"Innerlich habe ich es tatsächlich aufgegeben. Ich kann und will das System, in dem ich Mitglied bin, nicht mehr mittragen.“

Eveline Viernickel aus Freiburg hat resigniert: Die Katholische Kirche lasse sich nicht reformieren. (Foto: SWR, Gabi Krings)
Eveline Viernickel aus Freiburg hat resigniert: Die Katholische Kirche lasse sich nicht reformieren. Gabi Krings

Kirchenaustritte in der Erzdiözese auf Rekordniveau

In Kürze will Eveline Viernickel formell aus der Katholischen Kirche austreten. Und sie ist nicht die einzige. Die mangelnde Bereitschaft, den Reformkurs des Synodalen Wegs einzuschlagen, vertreibe noch die letzten, stellt die Vorsitzende der katholischen Frauengemeinschaft (kfd) in der Freiburger Erzdiözese, Monika Bohn aus Endingen, frustriert fest. Viele hätten der Kirche bereits den Rücken gekehrt, andere stünden kurz davor. Wenn es die Katholische Kirche jetzt nicht schaffe, sich zu reformieren, drohe der Exodus. Das Jahr 2022 könnte für die Erzdiözese Freiburg ein weiteres Rekordjahr bei Kirchenaustritten werden. Bereits im vergangenen Jahr schrumpfte die Zahl der Kirchenmitglieder um über 30.000.

"Das Schlimme ist, dass diejenigen gehen, die die Kirche zusammengehalten haben. Und wenn die gehen, ist niemand mehr da."

Monika Bohn, Diözesanvorsitzende der katholischen Frauengemeinschaft, fordert dringend weitreichende Reformen.  (Foto: SWR, Gabi Krings)
Die kfd-Diözesanvorsitzende Monika Bohn fordert dringend weitreichende Reformen. Gabi Krings

Enttäuscht von Erzbischof Burger

Umso enttäuschter ist Monika Bohn von Erzbischof Stephan Burger. Er würde bei strittigen Themen keine Position beziehen. Auf der Synodalversammmlung Anfang September in Frankfurt habe er sich bei der Abstimmung zur Sexualmoral enthalten. Das Grundsatzpapier, das unter anderem die Diskriminierung Homosexueller beenden und Raum schaffen sollte für queere Identitäten in der Kirche, habe in der Folge die nötige Zweidrittelmehrheit der Bischöfe verpasst. "Erzbischof Burger hat das Gefühl, er muss ausgleichen und deshalb enthält er sich bei vielem", sagt Monika Bohn. Das sei schwierig für sie. "Man muss "ja" oder "nein" sagen, sonst kommt man nicht voran. Das macht er nicht. Er ist Jurist, er folgt den Gesetzen.“

Erzbischof Burger mit drei Kollegen bei der Bischofskonferenz in Fulda (erster v. l.) (Foto: dpa Bildfunk, Sebastian Gollnow)
Erzbischof Burger mit drei Kollegen bei der Bischofskonferenz in Fulda (erster v. l.) Sebastian Gollnow

Bischöfe dürfen Synodalen Weg nicht blockieren

Auch Martina Kastner, die Vorsitzende des Diözesanrats, wünscht sich mehr Mut des Freiburger Erzbischofs. Alle Bischöfe müssten sich jetzt klar machen, dass es nicht darum gehe, kirchliche Dogmen zu verteidigen, sondern die Realität der Menschen zu sehen. Die Laienvertreterin der Freiburger Erzdiözese erwartet von den Bischöfen jetzt ein klares Signal, dass sie den Synodalen Weg nicht blockieren. Denn schließlich wüssten sie ja alle, was die Missbrauchsfälle in der Kirche angerichtet hatten.

"Um Glaubwürdigkeit und Vertrauen wieder zu erlangen, muss es Ergebnisse beim Synodalen Weg geben und das sollten sich die Bischöfe vor Augen halten.“

Jugendliche wollen Modernisierung der Kirche

Beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) ist der Unmut in der Erzdiözese ebenfalls groß. Viele Jugendliche würden sich von der Katholischen Kirche abwenden, berichtet die Diözesanvorsitzende der Jugendorganisation, Theresa Hunnius. Es gebe viele Diskussionen über die Missbrauchsfälle oder über das Leid und die Gewalt, die homosexuelle oder queere Menschen in der Kirche erfahren. Auch dass es keine Fortschritte beim Thema Priestertum der Frau gebe, könnten die jungen Katholikinnen und Katholiken nicht mehr verstehen.

"Die Kirche beerdigt sich gerade selbst."

Zwischen Resignation, Ungehorsam und "jetzt erst recht"

Martina Kastner hat noch lange nicht kapituliert. Mit dem Diözesanrat kämpft sie weiter für einen liberalen Kurs in der Katholischen Kirche und hofft auf eine Einsicht bei den Bischöfen. Die Katholische Frauengemeinschaft (kfd) hat dagegen keine großen Erwartungen an die Bischofskonferenz. Die Frauen wollten nicht mehr warten. Sie würden längst ihren eigenen Weg gehen und ihre eigenen Gottesdienste feiern. "Wir fragen nicht mehr. Wir sind jetzt provokativ und frech!“, sagt die kfd-Vorsitzende Monika Bohn trotzig. Die ehemalige Maria 2.0-Aktivistin Eveline Viernickel aus Freiburg dagegen ist ernüchtert. Sie glaubt nicht mehr, dass der Kampf irgendetwas bringen könnte. Sie hat aufgegeben – auch, um sich selbst zu schützen.

"Die Katholische Kirche verharrt in dem, was ist. Aber Stillstand und Erstarrung machen krank.“

Mehr zur Erzdiözese Freiburg

Freiburg

Missbrauchsskandal, Doppelmoral, Frauenbild Warum eine Freiburger Christin aus der Katholischen Kirche ausgetreten ist

Die Katholische Kirche steckt in einer tiefen Krise. Viele Gläubige können angesichts des Missbrauchsskandals nicht mehr zu ihr stehen und treten aus.  mehr...

Freiburg

Erzdiözese Freiburg reagiert nur allgemein #OutInChurch: Was ein junger Theologe in Freiburg erlebt hat

Zum größten Coming Out in der deutschen katholischen Kirche äußert sich die Erzdiözese Freiburg allgemein. Unzureichend, so ein Betroffener in Freiburg.  mehr...

Freiburg

Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Erzbistum Freiburger Missbrauchsbericht: Betroffene kritisieren Verzögerung

Die von der Erzdiözese Freiburg in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie verzögert sich erneut - wegen rechtlicher Bedenken. Betroffene im Erzbistum reagieren enttäuscht.  mehr...

SWR4 BW am Nachmittag SWR4 Baden-Württemberg

STAND
AUTOR/IN
Gabi Krings