Geraubte Kinder in einem Kinderheim der Nationalsozialisten in Polen (Foto: SWR, Gabi Krings (Originalfoto von Hermann Lüdeking))

77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs

Endlich Entschädigung für geraubte Kinder

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Gabi Krings

Eine Petition des Freiburger Vereins "Geraubte Kinder - vergessene Opfer" hatte nun endlich Erfolg: Von den Nazis verschleppte Kinder aus Osteuropa sollen entschädigt werden.

77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs will das Land geraubte Kinder als Opfer des Naziregimes anerkennen. Menschen, die als Kind von den Nazis aus Polen und anderen besetzten Gebieten verschleppt worden sind, sollen nun aus einem Sondertopf eine Entschädigung erhalten. Die Petition hatte der Freiburger Verein "Geraubte Kinder - vergessene Opfer" eingebracht.

Rolf Klein: Als Zweijähriger geraubt

"Rolf Klein, geboren am 8. März 1943 in Krakau", steht in der Geburtsurkunde, die der ehemalige Freiburger Gastwirt neben alten Fotos auf seinem Wohnzimmertisch liegen hat. Ob das so stimmt - wer weiß das schon. Fest steht: Rolf Klein ist ein geraubtes Kind. Der 79-Jährige lebt mit dem Namen einer Unbekannten. Sie hatte nach dem Krieg ihr Kind vermisst. Es stellte sich zwar heraus, dass er nicht ihr Sohn war, der Name blieb dennoch.

"Das hat die einen Dreck interessiert. Hauptsache, der Kerl hat einen Namen und ist geboren irgendwann und fertig."

Eine Frau Schneider soll den damals kaum Zweijährigen - angeblich durch polnische Lager - nach Deutschland und dort in ein Lebensborn-Kinderheim gebracht haben. Sein Zustand war schlecht, als er zu einer ledigen Bäuerin in Obhut kam.

"Ich habe einen Hungerbauch gehabt und nur so ein Hemdchen drüber, als sie mich aus dem Kinderheim geholt haben.“

Narben zeugen von Misshandlung

Drei Narben am Unterleib - mutmaßliche Säbelstiche - zeugen bis heute von erlittenem Leid. Die Erinnerung daran fehlt. Weil er beschnitten ist, könnte er aus einer jüdischen Familie stammen. Wahrscheinlich ist, dass die Nazis seine Eltern umgebracht haben. Alle Nachforschungen zu seiner Kindheit verliefen im Sande. Rolf Klein hat das Beste aus seiner Situation gemacht und stets nach vorne geschaut. Doch jetzt im Alter kommen manche Erinnerungen wieder hoch.

Rolf Klein im Grundschulalter: Bei seiner Pflegemutter hatte er eine gute Kindheit. (Foto: SWR, Gabi Krings/Rolf Klein)
Rolf Klein im Grundschulalter: Bei seiner Pflegemutter hatte er eine gute Kindheit. Gabi Krings/Rolf Klein Bild in Detailansicht öffnen
Geburtsurkunde von Rolf Klein: Den Namen hat er von einer fremden Frau bekommen. Ob das Geburtsdatum stimmt, ist unklar. Gabi Krings/Rolf Klein Bild in Detailansicht öffnen

Hermann Lüdeking: Angeblich in Lodz gefunden

Etwas mehr über sein Schicksal weiß Hermann Lüdeking. Der 86-Jährige lebt heute in Bad Dürrheim (Schwarzwald-Baar-Kreis). Als Kind war er wie Rolf Klein blond und blauäugig. Eine Frau, die in der NS-Zeit Führerin beim "Bund deutscher Mädel" (weiblicher Zweig der Hitlerjugend) war, hat ihn aufgezogen. Die echten Eltern sind unbekannt: "Ich bin in Lodz vor einem öffentlichen Gebäude gefunden worden, so hat es geheißen, und dann hat man mich in ein Kinderheim gesteckt.“

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Hermann Lüdeking erinnert sich noch, wie er im Kinderheim mit einem Freund gespielt hatte, als sie zur Oberschwester gerufen wurden. Dort wartete Frau Lüdeking, seine künftige Pflegemutter.

"Die Oberschwester hat gesagt: Frau Lüdeking, von den zwei Kindern können Sie sich eines aussuchen und mitnehmen.“

Ersatz für gefallenen Sohn

Die Pflegemutter hatte zuvor ihren Sohn an der Front verloren und wollte dafür Ersatz. Als überzeugte Nationalsozialistin suchte sie sich ein blondes, blauäugiges Kind aus. Hermann Lüdeking sagt, er sei immer gut behandelt worden. Er wusste, dass er ein Pflegekind war, es hieß, seine Eltern seien gestorben. Dass er in Wirklichkeit aus Polen geraubt wurde und als "Roman Roszatowski" auf die Welt gekommen ist, erfuhr er erst viel später. Nach dem Tod seines Pflegevaters nahm er die Dokumente an sich, die das bescheinigten. Seine Pflegemutter brach daraufhin den Kontakt zu ihm ab.

Geraubte Kinder zur "Arisierung der Rasse"

Anfang der 1940er Jahre verschleppten die Nazis zigtausend Kinder aus den besetzten Ostgebieten - weil sie blond und blauäugig waren. Es war die Idee von Reichskommissar Heinrich Himmler, auf diese Art die "arische Rasse" zu festigen, erzählt Christoph Schwarz aus Freiburg vom Verein "Geraubte Kinder - vergessene Opfer“.

Umerziehung in Lebensborn-Kinderheimen

Die Kinder wurden gewaltsam aus ihren Familien gerissen und kamen in so genannte Lebensborn-Kinderheime. Dort wurden sie "germanisiert" - das heißt, sie bekamen neue Namen und durften nur noch Deutsch sprechen. Die Erziehungsmethoden waren streng. Kinder, die sich nicht fügen wollten, bekamen harte Strafen.

 "Die Kinder wurden geschlagen und teilweise sogar ausgepeitscht. Es gibt Menschen, die sind bis heute in Psychotherapie, manche haben Selbstmord begangen, weil sie mit dem Trauma nicht fertig geworden sind."

Christoph Schwarz vor dem Bundestag in Berlin: Seit Jahren kämpft er mit seinem Verein für eine Entschädigung der geraubten Kinder.  (Foto: SWR)
Christoph Schwarz vor dem Bundestag in Berlin: Seit Jahren kämpft er mit seinem Verein für eine Entschädigung der geraubten Kinder.

Endlich Anerkennung als Opfer des Naziregimes

Seit über zehn Jahren kämpft der Verein auf Bundes- und Länderebene für eine Wiedergutmachung und für eine Anerkennung als Opfer des Naziregimes. Nun endlich hat der Petitionsausschuss im Stuttgarter Landtag einem Antrag zugestimmt. Alle Fraktionen waren dafür, bestätigt der Vorsitzende des Petitionsausschusses und Grünenabgeordnete aus Offenburg Thomas Marwein. Betroffene sollen schnell und unbürokratisch aus einem Sondertopf entschädigt werden.

"Wir wollen uns da als Land nicht aus der Verantwortung stehlen, auch wenn der Bund dafür eigentlich verantwortlich ist."

Entschädigung bislang immer abgelehnt

Der ebenfalls aus Offenburg stammende Wolfgang Schäuble (CDU) hatte als Bundesfinanzminister zuvor jahrelang eine Entschädigung abgelehnt. Den Kindern sei es doch gut gegangen, so das Argument, auf das sich später auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) berief. Doch nun soll 77 Jahre nach Kriegsende - zumindest vom Land - doch etwas Geld fließen.

Nur noch wenig Überlebende

Für Christoph Schwarz vom Verein "Geraubte Kinder - vergessene Opfer" ist das ein Erfolg, wenn auch ein später. Er hatte die Entschädigung schon vor zwölf Jahren gefordert. Inzwischen seien viele Opfer schon verstorben, so der Aktivist. Aktuell wisse man in Baden-Württemberg nur von drei Überlebenden. Nötig wäre deshalb, dass auch Hinterbliebene Anspruch auf Entschädigung haben. Ebenso wichtig wäre es, dass Betroffene, die nicht mehr im Land wohnen, die aber in Baden Württemberg, beispielsweise im Lebensborn-Kinderheim in der Illenau (Ortenaukreis), interniert waren, auch bedacht werden.

Anerkennung kommt spät

Auch für Rolf Klein aus Freiburg kommt die Entscheidung zu spät: "Da ist ein guter Wille im Moment, aber für mich ist das im Grunde genommen ohne Bedeutung." Hermann Lüdeking aus Bad Dürrheim zeigt sich ebenfalls resigniert. Dennoch empfindet er auch Genugtuung, dass sein Kampf nicht umsonst war.

"Die Entschädigung ist für mich befriedigend, nicht wegen des Geldes, sondern dass wir anerkannt werden als geraubte Kinder!"

Hermann Lüdeking sucht seit über 20 Jahren nach seinen Wurzeln. Er freut sich, dass er endlich als Opfer des Naziregimes anerkannt wird. (Foto: SWR)
Hermann Lüdeking freut sich, dass er endlich als Opfer des Naziregimes anerkannt wird.
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