Ein Wolf läuft durch einen lichtes Waldstück. Das Bild ist bei Dunkelheit aufgenommen worden. (Foto: Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg)

Landwirte und Schutzgemeinschaft ringen um Lösung

Unterschiedliche Positionen zum Wolf im Schwarzwald

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AUTOR/IN
Henning Winter
ONLINEFASSUNG
Laura Könsler

Wie geht es weiter mit der Rückkehr der Wölfe im Schwarzwald? Die Landwirte und die Schutzgemeinschaft Wolf haben unterschiedliche Positionen.

Wie verhärtet sind die Fronten nach dem ersten Riss eines Kalbes in Titisee-Neustadt im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald? Noch stehen die Untersuchungen zu einem weiteren möglichen Riss in Schluchsee in der Woche vor Weihnachten aus. Der SWR hat unterdessen mit zwei Akteuren gesprochen, die in der Arbeitsgemeinschaft Wolf an einem Tisch sitzen und trotzdem unterschiedlicher Meinung sind. 

"Wenn der Wolfsrüde GW1129m gelernt hat, Rinder zu reißen und dies wieder tut, muss er abgeschossen werden!"

"Ich stehe dazu", sagt der frisch gewählte BLHV-Präsident Bernhard Bolkart im Gespräch mit dem SWR zum Thema Abschuss. Denn der Riss eines Kalbes in Titisee-Neustadt hat die Diskussionen neu entfacht. "Sonst verlieren wir die letzte Akzeptanz unter den Landwirten und Nutztierhaltern in Baden-Württemberg", befürchtet Bolkart.

Gefahr von illegalen Abschüssen wächst

Das bedeutet, dass der BLHV längst erkannt hat, dass der Wolf nicht mehr wegzudenken ist aus Baden-Württemberg. Es geht auch nicht mehr darum, Baden-Württemberg wolfsfrei zu halten, sondern Wege zu finden, mit den Wölfen im Schwarzwald zu leben. Eine Folge könnte aber auch sein, dass es vermehrt zu illegalen Abschüssen kommt. Dies schwingt im Hintergrund zumindest immer mit bei der Diskussion um die Handhabe mit dem Wolf. Auch wenn es nie ausgesprochen wird.

Bau von Wolfsschutzzäunen zieht sich

"Das erste gerissene Rind ist ein Präzedenzfall", meint Bolkart. Einwände, dass das Rind kein ausgewachsenes Rind gewesen sei, dass es für dessen Schutz Fördergelder vom Land gegeben hätte, wären diese nur beantragt worden, lässt Bolkart nicht gelten.
Sicherlich, so ein Zwischenfall sei noch kein auffälliges Verhalten. "Doch es zeigt eben, dass der Wolf schneller als erwartet Rinder reißt. Die Entwicklung schreitet schneller voran, als man hinterherkommt wolfsabweisende Zäune zu bauen", so Bolkart weiter.

Hauptkritik: Wolfszäune in steilem Gelände schwierig

Ganz abgesehen davon, dass es eben nicht überall im Schwarzwald möglich sei, diese Zäune aufzustellen. "Die Experten", so Bolkart, "hätten immer gesagt, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass ein Wolf ein Rind reißt." So sei es in der AG Wolf immer dargestellt worden, meint der BLHV-Präsident.

Rinder werden selten gerissen - oft Jungtiere ohne Herde

Andere Teilnehmer der AG Wolf widersprechen. So schreibt zum Beispiel die "Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V." dem SWR: "In der AG Wolf wurde, wie allgemein so gesehen, besprochen, dass Übergriffe auf Rinder und Pferde selten sind." Und wenn doch, seien in der Regel sehr junge Kälber bzw. Fohlen oder seltener auch Jungtiere betroffen, die ohne erwachsene Tiere gehalten würden.
Das Rind in Titisee-Neustadt beispielsweise war acht Monate alt. Laut einer deutschlandweiten Studie aus dem Jahr 2020 liegt der Anteil von Rindern bei von Wölfen gerissenen Nutztieren bei 4%.

Für die "Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V." ist der Ruf nach weniger Hürden beim Abschuss von Wölfen politische Stimmungsmache: "Das landwirtschaftliche Verbände nach Übergriffen – egal ob Schutzmaßnahmen ergriffen worden sind oder nicht – den Abschuss fordern, ist vor allem deshalb fatal, weil es den Nutztierhaltern vorgaukelt, dass die Wölfe wieder verschwinden würden und sie deshalb keine Schutzmaßnahmen ergreifen müssen. Es kann so sogar das Kalkül entstehen, dass Risse möglich gemacht werden, um die Wölfe wieder loszuwerden. Dabei ist der Wolf nur ein Problem der Nutztierhaltung neben anderen, vorwiegend wirtschaftlichen Problemen."

Abschuss nach EU-Recht kaum möglich

Zumal mit einem Abschuss EU-Recht gebrochen würde. Denn nach EU-Recht ist ein Abschuss nur dann erlaubt, wenn sogenannte "mildere Mittel“ versagen, also wolfsabweisende Zäune aufgestellt bzw. Herdenschutzhunde eingesetzt wurden.

"Die Wolfspopulation kann schnell anwachsen. Innerhalb weniger Jahre kann sie exponentiell ansteigen."

Natürlich sei es vielleicht etwas verfrüht, jetzt schon andere Abschussregeln zu fordern, meint BLHV-Präsident Bernhard Bolkart. Es gebe ja gerade mal drei Wölfe und die seien bisher ja auch nicht auffällig was ihr Verhalten betrifft. Bisher. Doch er gibt zu bedenken, dass "die Wolfspopulation schnell anwachsen kann. Innerhalb weniger Jahre kann sie exponentiell ansteigen. Das zeigen die Erfahrungen in anderen Ländern." Deshalb solle die Bundesregierung auf eine Gesetzesänderung auf EU-Ebene hinwirken. Auch der Wolf müsse früher oder später durch die Jagd reguliert werden können.

Weidetierhaltung für Naturschutz im Schwarzwald wichtig

"Wir befinden uns in einem Prozess", so Bolkart. "In diesem Prozess müssen wir Landwirte dazulernen. Aber auch die Tierschützer müssen dazulernen. Viele für den Naturschutz wichtige Lebensräume würden verloren gehen, wenn es weniger Weidetierhaltung im Schwarzwald gibt und man dem Wolf und dem Wald diese Flächen überlässt."   

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