Professor Martin Hug, Leiter der Uniklinik-Apotheke in Freiburg, im Freiburger Impfzentrum (Foto: SWR, Sebastian Bargon)

Interview im SWR

Chef-Apotheker der Uniklinik Freiburg: Weniger BioNTech - genügend Moderna-Impfstoff

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Impfzentren, Impfteams und Ärzte beklagen aktuell zu wenig BioNTech-Impfstoff. Moderna sei aber vorhanden, so der Chef-Apotheker der Uniklinik Freiburg.

SWR: Hausärzte könnten und wollten gegen Corona impfen - wenn sie genug Impfstoff hätten. Aktuell wurde bekannt, dass etliche Praxen deshalb Impftermine verschieben mussten. Herr Hug, wie beobachten Sie als Leiter der Uniklinik-Apotheke das?

Martin Hug: Es ist in der Tat so, dass sich innerhalb von zwei Wochen die Liefermengen deutlich reduziert haben. Das ist bei den Hausärzten sicherlich nicht anders als bei uns: Die bestellten Mengen stimmen nicht mit der Lieferzusage überein. Es ist nicht so, dass auf null gekürzt wird - ich glaube nicht, dass es bei irgendeiner Hausarztpraxis tatsächlich der Fall ist - aber dass mit den Lieferzusagen natürlich nicht sehr viele Impflinge zu impfen sind, das können Sie sich vorstellen.

Jetzt müssen die Hausärztinnen und Hausärzte genau wie Sie an den Impfstützpunkten ja planen. Was bedeutet das, wenn eben dann doch weniger kommt als ursprünglich bestellt und angenommen?

Das bedeutet eine ganz schwierige Situation. Speziell jetzt für die Hausärzte, weil die haben eben diese Terminzusagen gemacht und dann müssen sie entweder die Patienten oder die Impflinge informieren. Es ist jetzt, wenn sie nicht nur einer Person, sondern gleich 30 oder 50 Personen absagen müssen, natürlich noch ein deutlich größeres Problem.

Und wie läuft das bei Ihnen am Impfstützpunkt? Da sind die Termine ja auch frühzeitig vergeben worden.

Da sind wir in der glücklichen Lage, dass die Kürzungen bei uns nicht im gleichen Maß erfolgt sind, wie vielleicht bei den Hausärzten, dass wir einfach ein größeres Kontingent zur Verfügung hatten und dass wir auch durch weise Planung bisschen kompensiert hatten. Zunächst war es ja so, dass die Kontingentierung sich ausschließlich auf den BioNTech-Impfstoff bezogen hatte, sodass wir dann sehr schnell entschieden haben, einfach ein größeres Kontingent an Moderna-Impfstoff zu bestellen. Das ist uns auch in voller Höhe zugesagt worden.

Also mehr auf Moderna setzen, sagen Sie. Gibt es noch andere Ideen oder Vorgehensweisen, wie Sie diese Situation noch entschärfen können mit dem Mangel an BioNTech?

Nach wie vor hat die höchste Priorität natürlich die Erst- und Zweitimpfung. Und jetzt haben wir im Augenblick die Situation, dass die Nachfrage an Booster-Impfung fast höher ist als die nach Erst- und Zweitimpfung. Das ist sicherlich keine einfache Entscheidung, wie ich da die Verteilung der knappen Impfdosen vornehme.

Können Sie genauer erklären, woran das liegt, dass es jetzt so eng ist? Viele denken da vielleicht an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der ja auch von der Rationierung gesprochen hat?

Diese Aussage war auch nicht besonders glücklich gewählt. Ich weiß nicht, in welchem Kontext sie konkret getätigt wurde. Aber es ist natürlich so, dass immer, wenn die Nachfrage extrem zunimmt, der Nachschub knapp wird. Das erleben wir bei allen Arzneimitteln, nicht nur bei Impfstoffen. Jetzt haben wir eine Situation, wie wir sie in diesem Jahr schon einmal, nämlich zu Jahresbeginn gesehen haben, dass die Nachfrage nach Impfstoffen extrem hoch war, aber gar nicht genügend produziert worden war. Das Reproduktionsproblem ist inzwischen weitgehend gelöst. Die ganzen Firmen, sei es BioNTech/Pfizer aber auch Moderna haben die Produktionskapazitäten enorm nach oben gefahren, sodass die reine Menge an verfügbarem Impfstoff nicht zu knapp sein wird.

Aber Sie müssen den Impfstoff eben auch von den zentralen Verteilungslagern an die entsprechenden Stellen bringen. Das sind entweder zentrale Verteilstützpunkte in den Ländern und dann ist es so, dass es an die Großhändler geliefert werden muss. Dort muss der Impfstoff aufgetaut und dann eben wieder verteilt werden. Das alles ist logistisch eine Aktion, wie wir sie in der Geschichte vorher so nicht erlebt haben und ich bin ehrlich gesagt positiv überrascht, wie gut das System funktioniert.

Ich glaube, dass wir in ein zwei Wochen schon deutlich mehr Informationen haben, wie groß die Menge an verfügbarem Impfstoff tatsächlich sein wird. Ich war eigentlich der Auffassung, dass auch der Moderna-Impfstoff kontingentiert wird, zumindest ist das in der letzten Woche nicht passiert. Insofern kann ich einfach nur empfehlen, dass die Arztpraxen auch auf diesen Impfstoff noch setzen. Der Impfstoff ist qualitativ dem BioNTech-Impfstoff mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Wenn man sich manche Studiendaten sich anschaut, ist er vom Wirkmechanismus auf jeden Fall identisch und deswegen also kein Impfstoff, der in irgend einer Weise unterlegen ist.

Noch ganz kurz zum Schluss: Sie haben es angedeutet - wie schätzen Sie jetzt die nächsten Wochen ein? Wie geht es weiter mit den Impfstofflieferungen?

Meine Hoffnung und auch meine Vermutung ist, dass sich die Situation wieder etwas entspannen wird. Das Gesundheitsministerium ist gefordert, die logistischen Wege zu beschreiten und zu bahnen. Das heißt, die Impfstoffe zügig an die Verteilzentren und an die Großhändler auszuliefern, sodass die Besteller auch nicht mehr gekürzt werden.

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