Ehemaliger Bundeswehr-Helfer am Hochrhein in Sicherheit - seine Familie in Afghanistan nicht (Foto: SWR)

Sorgen und Angst in schlaflosen Nächten

Bundeswehr-Helfer am Hochrhein sicher - Familie in Afghanistan nicht

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Ein ehemaliger afghanischer Bundeswehr-Helfer ist im Kreis Waldshut sicher. Die Angst um Mutter und Geschwister in Afghanistan rauben ihm den Schlaf.

Der letzte Evakuierungsflug der Bundeswehr verließ Kabul am Donnerstagabend, just in dem Moment, als in der Nähe des Flughafens ein Selbstmordattentäter unzählige Menschen tötete, andere schwer verletzte. Alles Menschen, die auf eine Ausreise aus Afghanistan hofften. Einer, der es geschafft hat, das Land rechtzeitig zu verlassen, ist der Afghane Muradi. Er lebt aktuell im Landkreis Waldshut. Zuvor hat er in Mazar I Sharif für die Bundeswehr gearbeitet. Jetzt bangt er um seine Angehörigen, die er zurücklassen musste - und trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf.

Das Handy ist sein kostbarstes Gut. In kurzen Gesprächspausen holt Muradi - so möchte er aus Sicherheitsgründen offiziell genannt werden - das Gerät aus seiner Hosentasche und checkt seine neuen Nachrichten. Mit dem Handy hält er Verbindung zu seiner Familie: seiner Mutter, seinen beiden Schwestern, den kleinen Neffen und dem jüngeren Bruder, die er in Afghanistan zurücklassen musste. Sein Vater lebt schon lange nicht mehr - also war er der Ernährer der Familie: "In meinen Gedanken dreht sich alles. Was macht meine Familie? Wie kommen sie an Essen? Was machen sie jetzt gerade, was machen all die anderen? Es ist schrecklich, was gerade abgeht - wir brauchen die Welt!"

Mit Visum nach Deutschland

Vor wenigen Wochen kam Muradi mit einem Visum über Istanbul nach Deutschland. Als ehemaliger und damit gefährdeter Mitarbeiter der Bundeswehr musste er alleine reisen, denn Mutter und Geschwister gelten nicht als Kernfamilie und durften ihn nicht begleiten. Seither sind sie untergetaucht, erzählt Muradi, "weil sie nicht sicher sind. Sie haben nicht genug zu essen da, sie haben nicht genug Platz, um sich zu verstecken. Wir brauchen weiter Geld, deshalb brauche ich die deutsche Regierung, ich ersuche die deutsche Regierung um Hilfe! Bitte helfen sie mir, meine Familie hierher zu bringen, damit sie sicher ist!"

Gefährliche Taliban

Muradis Familie ist in Afghanistan gleich mehrfach bedroht. Einmal, weil die Taliban sich an ihr rächen könnten, weil er für die Bundeswehr tätig war, sagt Muradi. Zum anderen, weil sie Hazara sind, eine Minderheit, die von den Taliban verfolgt wird. Und dann wird es unter den Taliban besonders schwer für die Frauen - eine seine Schwestern war Lehrerin für Mädchen an einer Dorfschule: "Sie haben große Angst, nur Angst. Wenn die Taliban sie fangen, dann töten sie sie. Die machen einfach alles. Das ist es, weshalb die Menschen dort in furchtbarer Angst leben. Sie fragen, warum haben die Deutschen jetzt gestoppt? Warum haben sie uns nicht mitgenommen?"

Muradi gibt die Hoffnung nicht auf

Trotz der Verzweiflung, die aus seinen Worten klingt, ist Muradi gefasst. Er will und kann die Hoffnung nicht aufgeben. Er will, dass die ganze Welt von seinem, vom Schicksal seiner Familie und vom Schicksal der afghanischen Bevölkerung erfährt. Darauf aufmerksam zu machen, das ist alles, was ihm bleibt: "Wir brauchen die Welt, die unsere Stimme hört und etwas tut!"

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