Ein Loch klafft dort, wo an der Wand eines Hauses in der Altstadt von Staufen eigentlich Putz sein sollte. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, /dpa)

Nach missglückter Erdwärme-Bohrung

So will Staufen verhindern, dass sich die Erde weiter hebt

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Thomas Hermanns
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Paula Zeiler

Seit der missglückten Geothermiebohrung vor 15 Jahren heben sich Teile der Stadt Staufen an. Die Folge: Risse an den Häusern, unbewohnbare Zimmer. Neue Wasserpumpen sollen die Hebungen jetzt verlangsamen.

Die Geothermiebohrung 2007 in Staufen (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald) sollte das Rathaus mit Erdwärme versorgen. Die Bohrung endete allerdings in einem Fiasko: Wasser vermischte sich mit einer Mineralschicht. Diese Schicht fing an, sich auszudehnen und die Stadt anzuheben. In den Gebäuden der historischen Altstadt rissen Wände, Böden brachen auf.

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Pumpsystem soll Probleme in Staufen lösen

Auch 15 Jahre nach der Bohrung kämpft Staufen noch mit den Folgen. Denn durch die Bohrungen wurde eine Verbindung von Grundwasser mit einer darüber liegenden Mineralschicht aus Anhydrit geschaffen. Das ist ein Problem. Denn wenn Anhydrit auf Wasser trifft, entsteht Gipsgestein. Das neugebildete Gestein benötigt mehr Platz, drückt deshalb nach oben und die Erde hebt sich. Um diesen Prozess zu verlangsamen, wird seit November 2009 Grundwasser abgepumpt. Das hochgepumpte Grundwasser ist nicht mit der Trinkwasserversorgung in Staufen verbunden.

Das Abpumpen des Wassers scheint zu funktionieren: Hob sich die Erde 2009 noch um elf Millimeter pro Monat, ist es derzeit nur noch etwa ein Millimeter. Es wurde berechnet, dass sich die Erde in Staufen ohne das Pumpsystem um mehr als zwei Meter erhöhen könnte. Das berichtet Robert Breder, Leitender Ingenieur der Ingenieurgruppe Geotechnik.

"Die Erwartung ist, dass die Hebungsgeschwindigkeit weiter reduziert werden kann."

Wegen der bisher guten Erfahrungen mit dem Pumpsystem soll dieses jetzt um zwei Leitungen erweitert werden. Sie werden hinter dem Rathaus in ein bereits bestehendes Bohrloch eingebaut. Das ist etwa 170 Meter tief. Danach können insgesamt sechs Liter Grundwasser pro Sekunde entnommen werden. Das ist die maximal erlaubte Menge.

Die Hoffnung ist, dass dadurch kein Wasser mehr auf die problematische Mineralschicht trifft und sich die Hebungen weiter verlangsamen oder komplett aufhören. Neben der Wasserentnahme wurden in den vergangenen Jahren weitere Maßnahmen getroffen. Zum Beispiel wurden die Bohrungen von 2007 abgedichtet.

In Staufen zeigen sich Risse an den Häuserwänden. (Foto: SWR)
Von links: Robert Breder, Ingenieurgruppe Geotechnik und Michael Benitz, Bürgermeister von Staufen, hoffen auf ein Ende der Hebungen. Links neben ihnen die Grundwasserpumpe.

Für Bürgermeister Michael Benitz (Freie Wähler) ist klar: Geothermie kann er sich in Staufen nicht mehr vorstellen. Denn die Probleme der Bohrungen von damals wirken bis heute fort. Laut Benitz haben sich die betroffenen Gebäude bis jetzt um 70 Zentimeter gehoben und um 50 Zentimeter verschoben.

"Jeder Millimeter Hebung, der dazukommt, vergrößert das Problem."

In Staufen zeigen sich Risse an den Häuserwänden. (Foto: SWR)
Von Weitem nicht sichtbar: Monatlich hebt sich die Erde in Staufen immer noch um einen Millimeter.

Über 270 Menschen in Staufen betroffen - 15 Millionen Euro Kosten

Seit der ersten Bohrung gibt es in Staufen über 270 Geschädigte. Sie alle haben sich an die Schlichtungsstelle der Stadt gewandt. Mit Hilfe des Landes werden die Entschädigungen gezahlt. Bisher sind es rund 15 Millionen Euro.

Bei tieferen Geothermieprojekten sind Probleme wie in Staufen eine Seltenheit. Derzeit fördert Baden-Württemberg vor allem hydrothermale Erdwärme. Bei dieser wird heißes Thermalwasser nach oben befördert und die entstandene Energie als Heizkraft genutzt. Laut Prognosen einiger Forscherinnen und Forscher könnten bis 2050 bis zu dreiviertel der in Deutschland benötigten Wärmeleistung durch Wärme und Energie aus den Tiefen der Erde abgedeckt werden.

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