Protestplakat zur Verhinderung des AKW in Wyhl am Kaiserstuhl. HUbert Hoffmann hat es vor knapp 50 Jahren entworfen. Inzwischen wird der Schriftzug auch von Corona-Gegnern benutzt. (Foto: SWR, Gabi Krings)

Kein AKW am Oberrhein

Atomkraft? Nein danke - 50 Jahre Anti-Atomprotest Wyhl am Kaiserstuhl

STAND
AUTOR/IN
Gabi Krings/Dorothea Dörner

Das umstrittene AKW Fessenheim ist stillgelegt - kaum möglich ohne den Protest der Anti-Atom-Bewegung. Ihren Ursprung hatte sie in Wyhl am Kaiserstuhl.

Der evangelische Pfarrer von Weisweil Günter Richter hatte am 8. Februar 1972 einen Vortrag organisiert. Zu Gast war der Atomphysiker Hans Klumb. Es war die erste öffentliche Informationsveranstaltung am nördlichen Kaiserstuhl zu den Gefahren der Atomenergie, denn im wenige Kilometer entfernten Wyhl sollte ein Atomkraftwerk entstehen.

"Es waren vier Kernreaktoren mit je 1.200 Megawatt geplant, also eine unheimliche Masse hier an diesem Ort! Für mich war die Initialzündung NEIN zu sagen, als ich von Professor Klumb hörte, es ist ein Verbrechen, die Atomenergie zur zivilen Nutzung hier in Aktion treten zu lassen."

Kaiserstühler wollten kein AKW vor der Haustür

Die Ausführungen des Atomexperten überzeugten den heute 86-Jährigen, der dem geplanten AKW von jener Stunde an den Kampf ansagte. Auch die anderen Menschen im vollgefüllten Gemeindesaal von Weisweil wollten damals nach dem Vortrag kein AKW vor ihrer Haustür haben. Viele gingen auf die Barrikaden. Tausende Flugblätter wurden verteilt um weitere Menschen zu mobilisieren.

Ohne den Wyhl-Protest würde heute an der Stelle des Sees ein Atomkraftwerk stehen. Der ehemalige Bauplatz ist seit 1995 ein Naturschutzgebiet. (Foto: SWR)
Ohne den Wyhl-Protest würde heute an der Stelle des Sees ein Atomkraftwerk stehen. Der ehemalige Bauplatz ist seit 1995 ein Naturschutzgebiet.

Nai hämmer gsait: Gedenkstein an ehemaligem Bauplatz

50 Jahre später steht Günter Richter am Rand des Geländes, wo das AKW gebaut werden sollte. Heute ein idyllisches Naturschutzgebiet. Ein Gedenkstein mit dem damaligen Kampfspruch "Nai hämmer gsait" erinnert an die Zeit. Auch andere Mitstreiter sind gekommen:

"Vor fast 50 Jahren haben wir hier den Platz besetzt. Damals waren am Oberrhein dutzende von Kernkraftwerken geplant, alle 15 Kilometer von der Schweiz bis Karlsruhe."

Tausende haben sich mit dem Wyhl-Protest solidarisiert

Bernd Nössler war als Anfang 20-Jähriger an dem Protest beteiligt. Der ehemalige Bäcker erzählt, wie Frauen aus der Region 1975 die Baumaschinen besetzt hatten. Menschen aus der Schweiz, dem Elsass, dem Kaiserstuhl und aus Freiburg hätten sich solidarisiert und die Bauarbeiten verhindert.

"Dann entsprechend später begann der Polizeieinsatz, die Räumung des Geländes. Große Demonstrationen, zehntausende von Menschen sind hierher gekommen und haben Zivilcourage gezeigt."

Polizei musste abrücken - AKW-Projekt Wyhl wurde begraben

Und das nicht umsonst. Angesichts der friedlich demonstrierenden Menge kapitulierte der Staat. Günter Richter ist bis heute ergriffen-

"Eine große Dankbarkeit beseelt uns immer noch: von diesem kleinen Anfang hier eine solche Protestbewegung in Gang gebracht zu haben, die dann auch so beeindruckend war, dass auch der Staat, das Land Baden-Württemberg und auch das Badenwerk als Stromerzeugungsfirma sich nicht dagegen wehren konnte."

Neuer Protest wegen "grünem" Atomstrom angekündigt

Der Wyhl-Protest ist zu einer breiten Bürgerbewegung gegen Atomkraft und für Umweltschutz am Oberrhein geworden. Auch die Stilllegung des jahrelang bekämpften Atomkraftwerks Fessenheim wäre ohne Wyhl nicht denkbar. Und der Protest geht weiter: Günde gibt es viele. Nicht zuletzt die Ankündigung der EU, Atomstrom zur grünen Energie zu deklarieren

23.02.1975, Baden-Württemberg, Wyhl: Mehrere hundert Umweltschützer und Kernkraftgegner stürmen im Anschluß an eine Kundgebung am 23. Februar 1975 das von der Polizei mit Stacheldraht umzäunte Baugelände des geplanten Atomkraftwerks bei WyhlKreis Emmendingen. Mehrere Polizisten und Demonstranten wurden dabei verletzt.  (Foto: dpa Bildfunk, DB)
23.02.1975, Baden-Württemberg, Wyhl: Mehrere hundert Umweltschützer und Kernkraftgegner stürmen im Anschluß an eine Kundgebung am 23. Februar 1975 das von der Polizei mit Stacheldraht umzäunte Baugelände des geplanten Atomkraftwerks bei Wyhl/Kreis Emmendingen. Mehrere Polizisten und Demonstranten wurden dabei verletzt. DB Bild in Detailansicht öffnen
Mehrere hundert Gegner des geplanten Atomkraftwerks in Wyhl im Kreis Emmerdingen bedrängen den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (Mitte) in Kiechlingsbergen, einer Nachbargemeinde von Wyhl (Archivfoto vom 08.10.1976). Sie protestieren mit Transparenten und Sprechchören gegen das Kraftwerkvorhaben. Dick Bild in Detailansicht öffnen
Das Archivbild vom 20. Februar 1975 zeigt Wasserwerfer der Polizei im Einsatz gegen den gewaltlosen Widerstand von Demonstranten in Wyhl. Mehrere hundert Polizisten haben am 20. Februar 1975 das von badischen und elsäßischen Umweltschützern besetzte Baugelände für das Kernkraftwerk in Wyhl geräumt. Lutz Rauschnick Bild in Detailansicht öffnen
Rund 5.000 Kernkraftgegner demonstrieren am 18.09.1983 in der Nähe des geplanten Baugeländes für das Kernkraftwerk Wyhl. Unter dem alemannischen Motto "Nai hämmer gsait! (Nein haben wir gesagt)" wurden die Einwohner der Gemeinde Wyhl am Kaiserstuhl wenige Jahre später zum Symbol für den Widerstand gegen technische Großprojekte. Rolf Haid Bild in Detailansicht öffnen

Mehr zum Thema

Biesheim/Elsass

Deutsch-französischer Austausch in Biesheim/Elsass Wasserstoff statt Atomenergie? - Wie es nach Fessenheim weiter gehen könnte

Das AKW Fessenheim ist Geschichte - jetzt suchen deutsche und elsässische Politiker nach zukunftsfähigen Alternativen für die Region. Eine Vision: grenzüberschreitende Wasserstoff-Produktion.  mehr...

Fessenheim

Präsident der Gebietskörperschaft Elsass bringt Fessenheim ins Gespräch Diskussion in Frankreich: Neuer Atomreaktor in Fessenheim?

Der Präsident der Gebietskörperschaft Elsass, Bierry, bringt Fessenheim als möglichen Standort für einen neuen Atomreaktor ins Gespräch. Das AKW dort war 2020 abgeschaltet worden.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
Gabi Krings/Dorothea Dörner