Auf engstem Raum - Leben im Tiny House Village Mehlmeisel im Fichtelgbirge (Foto: SWR, Margrit Braszus)

ARD Themenwoche Stadt-Land-Wohnen

Auf engstem Raum - Leben im Tiny House Village Mehlmeisel

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Tiny Häuser scheinen vielen als Ausweg aus dem Immobilienmarkt-Irrsinn, als Möglichkeit, naturnah nachhaltig zu leben. Aber so einfach ist das nicht.

Weil man sein Tiny House nicht einfach irgendwo in die Landschaft stellen kann, hat SWR Reporterin Margirt Braszus bei mehreren Tiny House -Projekten nachgefragt. Sie stellten sich aber als Projekte heraus, die seit Jahren nicht über die Planungsphase hinaus gekommen sind und noch mit den Behörden kämpfen oder in denen es knirscht und man sich nicht in die Karten schauen lassen will. 

Bundesweit erste Tiny House Siedlung ist im Fichtelgebirge

Mit offenen Armen hat man sie dann aber im "Tiny House Village" Mehlmeisel im Fichtelgebirge empfangen - der bundesweit ersten offiziellen Tiny House Siedlung. Dort leben inzwischen 22 Bewohner in ihren kleinen Holzhäusern, unter anderem Daniel Scherter aus Trossingen. Der 33-Jährige ist vor knapp zwei Jahren aus siener Heimatstadt  im Schwarzwald-Baar-Kreis in das Tiny-Haus-Dorf gezogen. 

Auf einem Rasenstück des großen Geländes haben sich ein paar Frauen und Männer versammelt. Direkt hinter ihnen und vor ihnen kleine Holzhäuser, in denen sie wohnen. Der nächste Ort - Mehlmeisel -  ist etwa einen Kilometer entfernt. Bei der Gruppe sind auch ein Mann mit einer Fernsehkamera und ein weiterer mit einem Papp-Schild auf dem steht: "Tiny House Village Mehlmeisel".

Image-Videos für Mehlmeisel und die Touristenregion Ochsenkopf

Die Frauen und Männer reißen das Schild in die Höhe, der Kameramann hält die Szene fest. Es geht um ein Image-Video, erklärt der Regisseur: "Also, wir machen Image-Videos in der ganzen Ochsenkopfregion. Jetzt sind wir bei den Tiny Häusern, und die sind ja unheimlich stark nachgefragt. Auch von unseren Gästen, wir sind ja hier eine Tourismusregion und Mehlmeisel ist ein wichtiger Bestandteil."

Auf engstem Raum - Leben im Tiny House Village Mehlmeisel im Fichtelgbirge (Foto: SWR, Margrit Braszus)
Eines von drei "Hotels" im Tiny House Village Mehlmeisel Margrit Braszus

Auch die SWR Reporterin nutzt das Touristenangebot und wohnt in einem der drei als "Hotel" bezeichneten Tiny Häuser. Ein Angebot für Neugierige, die einmal für kurze Zeit das reduzierte Leben auf kleiner Fläche ausprobieren wollen. Zwei aus der Gruppe, die bei der Video-Aktion mitgemacht haben, erklären, dass sie dies als Geste für die Bewohner von Mehlmeisel verstehen. Denn anfangs sei Skepsis gegenüber der Tiny House Siedlung spürbar gewesen.

Mehlmeisels Dorfbewohner eingeladen um Vorurteile abzubauen 

Um sich besser kennenzulernen, hatte die Tiny House Gemeinschaft im vergangenen Winter die Ortsbewohner zu einem großen Fest auf dem Platz eingeladen, erzählen sie. Die etwa 50 Gäste fanden das "irgendwie ganz cool, ganz schön und auch ganz entspannt bei uns. Und wir haben dadurch doch die einen oder anderen Vorurteile ein bisschen reduzieren können." Jetzt hoffen sie auf den Multiplikations-Effekt durch ihre Besucher.

Auf engstem Raum - Leben im Tiny House Village Mehlmeisel im Fichtelgbirge (Foto: SWR, Margrit Braszus)
Mehlmeisels Dorfbewohner hatten erst Vorurteile gegen das Tiny House-Projekt Margrit Braszus

Erste Bewohner haben Tiny House-Idee aus Kanada mitgebracht

Philipp und seine Freundin Steffi aus München, beide 26 Jahre alt, waren die ersten Bewohner am Platz. Sie haben vor vier Jahren ihr erstes Tiny House selbst entworfen und hier aufgestellt. Die Idee vom Wohnen in einem kleinen Holzhaus haben sie von ihren Studentenreisen in Amerika - speziell in Kanada- mitgebracht. Sie planten, in Deutschland mitten in der Natur, auf kleinstem Raum, nur mit dem Nötigsten ausgestattet, zu leben. Aber einfach war das nicht: Grundstücksuche, Bauvoranfragen - bis sich der Bürgermeister von Mehlmeisel bei ihnen gemeldet hat, ihre Projekt-Idee hatte ihn aufmerksam gemacht.

Bürgermeister erkennt das Potential des Tiny-House Projekts

Der Bürgermeister wollte sie unbedingt nach Mehlmeisel holen, hat ihnen verschiedene Standorte in seiner Gemeinde gezeigt, erinnert sich Philipp. Auch den ausgedienten Campingplatz, nahezu verwaist und ziemlich heruntergekommen. Dieser Platz mit 16.000 Quadratmetern, mit einem Gemeinschaftshaus und den vielen Stellplätzen, allesamt an Wasser- und Abwasserkanäle angeschlossen, hätte ihm und seiner Freundin Steffi auf Anhieb gefallen, erzählt Philipp: "Dann haben wir gesagt: verdammt, wir müssen ihn kaufen. Und dann begann eben das Ganze, dass man schaut, einen Kredit zu bekommen, dass man mit Banken spricht. Und nach und nach hat dann zum Glück alles geklappt. Wir sind an diesem Platz gekommen und haben dann vier Jahre für die endgültige Genehmigung gekämpft."

Weil sie hartnäckig dran geblieben sind, haben sie es geschafft: Sie durften auf dem Gelände zunächst Stellplätze an Tiny House-Besitzer verpachten. Und seit Frühjahr 2021 gibt es dieses erste genehmigte "Tiny House Village" in Form einer GmbH. Von den 26 Stellplätzen sind 10 Plätze noch frei.

"Wir merken, dass die meisten Menschen aus den Städten kommen, sie wollen raus, haben genug von der Stadt, genug von den hohen Mieten."

Auf engstem Raum - Leben im Tiny House Village Mehlmeisel im Fichtelgbirge (Foto: SWR, Margrit Braszus)
Neue Interessenten wohnen zur Probe und prüfen ob sie in die Gemeinschaft passen Margrit Braszus

Tiny House als Ferienhaus? - das liefe am Projekt vorbei

Ob jemand aufgenommen wird, hängt davon ab, ob er in ihre Gemeinschaft passt, erklärt Philipp. Ein Jahr lang müssen Bewerber längere Zeit im Tiny House Dorf probewohnen, und sich einbringen, indem sie kleinere Arbeiten übernehmen. Das ganze Projekt gebe es nur durch Gemeinschaft: "Jeder, der hierher zieht, muss seinen Erstwohnsitz hier anmelden, weil, wenn man hier sein Ferienhaus anmelden würde, wäre das ganz vorbei an dem, wo wir eigentlich hinwollen, nämlich Reduzierung, Minimalismus. Wenn jemand irgendwo in der großen Wohnung lebt und hier noch sein Ferienhaus hat, wäre das genau das Gegenteil." Wenn es gut läuft und alle einverstanden sind, muss der künftige Mitbewohner einmalig 50.000 Euro in die GmbH einbezahlen, dafür fällt dann aber auch die Pacht weg.

Leben im Tiny House Village als kompromissbereite Gemeinschaft

Seit Tiny Häuser im Trend liegen, ist die Zahl der Hersteller, die im Internet für sich werben, nahezu unüberschaubar geworden. Im Tiny House Village versucht die Gemeinschaft neue Interessenten und Bewohner aufzuklären und an ihren Erfahrungen mit Markt und Händlern teilhaben zu lassen. Ab und zu kommt es vor, dass Tiny House Bewohner sich nicht einig sind. Es gibt kleinere Streitigkeiten, Unstimmigkeiten, sagt Barbara, das kann alles Mögliche betreffen. Wichtig sei dass man darüber spricht. Meist in den Sitzungen, zu denen einmal pro Woche alle Bewohner im Gemeinschaftshaus zusammenkommen.

Auch Jenny und Daniel aus Trossingen fingen an, gezielt im Internet zu suchen und entdeckten die Webseite des "Tiny House Village". Sie sind direkt nach Mehlmeisel gefahren und haben auf dem Platz ein halbes Jahr zur Probe gewohnt. Die Gemeinschaft hat sie  aufgenommen und die beiden konnten beginnen, ihr Tiny House an Ort und Stelle zu bauen. Dabei wurden sie tatkräftig unterstützt: die ganze Dorfgemeinschaft hat geholfen, den schweren Holzrahmen aufzustellen.

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Gemeinschaftsleben ist die Basis des Tiny House Village in Mehlmeisel Margrit Braszus

In einer Gemeinschaft zu leben bedeute, dass man Kompromisse machen muss, fügt Philipp an: "Wir haben festgelegt für uns, dass wir sehr Konsens nah arbeiten wollen - und wenn zehn dafür sind und neun dagegen, dann geht's darum, in Diskussion zu gehen, zu schauen, welchen Kompromiss man findet kann. Das ist die einzige Möglichkeit, wie Öko-Gemeinschaften immer wieder zusammenfinden und weiterleben können." 

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