STAND

Das französische AKW Fessenheim ist am späten Montagabend für immer vom Netz gegangen – nach jahrzehntelangem, grenzüberschreitendem Streit. Bis vom AKW nichts mehr zu sehen ist, wird es auch Jahrzehnte dauern.

Das elsässische Atomkraftwerk Fessenheim, das seit Jahrzehnten als Sicherheitsrisiko gilt, ist endgültig abgeschaltet worden. Der zweite Druckwasserreaktor des betriebsältesten Atomkraftwerks in Frankreich wurde am späten Montagabend um 23 Uhr vom Stromnetz getrennt, wie der französische Energiekonzern EDF mitteilte. Er war seit Montagnachmittag, 16:30 Uhr, heruntergefahren worden.

Abriss beginnt 2025

Der erste Reaktor war bereits im Februar vom Netz gegangen. Die Brennelemente sollen noch etwa drei Jahre in Fessenheim bleiben, bis sie ins französische La Hague abtransportiert werden. Der eigentliche Abriss der Reaktorgebäude soll dann 2025 starten und nochmal 15 Jahre dauern. Die grenzüberschreitende Umweltbewegung will den Abriss kritisch und konstruktiv begleiten.

Grünes Vorzeigeprojekt geplant

Deutsche Politiker und Umweltaktivisten begrüßten die Stilllegung des Atomkraftwerks Fessenheim. Die Region um die Gemeinde Fessenheim im südelsässischen Département Haut-Rhin soll nun zu einem grünen und grenzübergreifenden Vorzeigeprojekt werden. In einem deutsch-französischen Innovationspark sollen Projekte zu nachhaltiger Energiegewinnung umgesetzt werden.

Protest gegen Schließung in Fessenheim

Im Ort Fessenheim selbst herrschte am Montag wenig Feststimmung. Rund 2.500 Menschen in der kleinen elsässischen Gemeinde fürchten wegen der Stilllegung des AKW um ihren Lebensunterhalt. Bis 2023 soll es nur noch 294 Arbeitsplätze geben, danach nur noch 60. "Welcher Schmerz - was hier geschieht, ist unmenschlich", erklärte die Gewerkschaft CGT. Zur Abschaltung versammelten sich etwa 20 Beschäftigte auf dem Parkplatz der Anlage.

Symbolische Beerdigung der Atomkraft

Deutsche und französische Atomkraftgegner feierten das Ende des Meilers gemeinsam. Am Montagnachmittag trafen sie sich in Breisach am Rhein. Viele kämpfen teils seit vielen Jahren und Jahrzehnten gegen die Atomkraft am Oberrhein. Gelbe Anti-Atomkraft-Fahnen säumten das Rheinufer in Breisach und wehten auf dem Deck eines Fahrgastschiffes.

Mitten auf dem Rhein Bilanz ziehen

Auf dem Schiff, in der Mitte des Rheins, zogen die Umweltschützer der "Breisacher Mahnwache" und von "Stopp Fessenheim" Bilanz. Sie ließen ihren langen Kampf Revue passieren gegen den Energieerzeuger EDF, der das älteste und störanfällige AKW im Elsass betreibt und die französische Politik, die immer wieder die Abschaltung verzögert hatte.

50 Jahre Anti-Atombewegung am Oberrhein

Die trinationale Anti-Atombewegung am Oberrhein entstand bereits in der Planungs- und Bauphase des AKWs Fessenheim - zunächst auf französischer Seite. Dann weitete sich die Bewegung auf Deutschland und die Schweiz aus. In den 1970er Jahren richtete sich ihr Protest gegen ein nur wenige Kilometer nördlich von Fessenheim geplantes AKW in Wyhl auf deutscher Seite und eines in Kaiseraugst in der Nordschweiz.

Beide scheiterten am erbitterten Widerstand der regionalen Bevölkerung und Umweltgruppen. Das AKW Fessenheim ließ sich nicht mehr verhindern, es war bereits im Bau und ging 1977 in Betrieb.

Flugblatt gegen das Atomkraftwerk in Wyhl mit der Aufschrift "Nai hämmer gsait!" Demonstranten in Wyhl. (Foto: SWR, SWR - SWR /Meinrad Schwörer)
Flugblatt gegen das Atomkraftwerk in Wyhl / Demonstranten in Wyhl. SWR - SWR /Meinrad Schwörer

Jahrzehntelanger Kampf um die Stilllegung des AKWs Fessenheim

Der Protest blieb und wurde durch die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 verstärkt. 2011 nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima forderten 10.000 Menschen vor dem AKW die Schließung.

2012 bekräftigte der damalige französischer Präsident Francois Hollande sein Wahlkampfversprechen, das AKW Fessenheim bis 2016 zu schließen. Gehalten hat er dieses Versprechen nicht. Die Stilllegung wurde an die Inbetriebnahme eines anderen Atomkraftwerks in der Normandie geknüpft und immer wieder verschoben.

Jetzt wurde sie vollzogen unter Präsident Emmanuel Macron - unabhängig vom AKW Flamanville in der Normandie. Fessenheims erster Reaktor ist am 22. Februar vom Netz gegangen, der zweite soll zum Monatsende folgen.

Als eine Symbolfigur des Widerstands in Baden gegen das AKW gilt der langjährige Geschäftsführer des BUND Südlicher Oberrhein, Axel Mayer. Jetzt wo er im Ruhestand ist, geht auch das AKW Fessenheim vom Netz.

Hintergrund

Historischer Rückblick AKW Fessenheim: Von Anfang bis Ende Pannen und Proteste

Am 29. Juni soll das Atomkraftwerk Fessenheim endgültig vom Netz gehen. Es ist das älteste Atomkraftwerk Frankreichs. Immer wieder gab es Pannen und Proteste – ein Blick zurück.  mehr...

STAND
AUTOR/IN