Eine Frau wird in einer Praxis geimpft (Foto: dpa Bildfunk, Sebastian Gollnow)

Radikale Corona-Impfgegner

Lahr: Aggressionen gegen impfende Ärzte nehmen zu

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Sie werden bedroht und beschimpft: Ärzte, die gegen Corona impfen, sind Zielscheibe von radikalen Impfgegnern. Auch in der Ortenau wurden Ärzte verbal und körperlich angegangen.

Die Ärztin und Lahrer Gemeinderätin Thi-Dai-Trang Nguyen (Bündnis90/Die Grünen) hat von Mitte August bis Mitte Dezember bei einem Angebot der Stadt Lahr (Ortenaukreis) Menschen gegen Corona geimpft. Am Dienstag hat die Ärztin am Rande bei einer Dankveranstaltung der Stadt Lahr im SWR-Interview berichtet, dass es dabei sowohl zu körperlichen als auch verbalen Aggressionen gekommen sei - zum Beispiel zu Schubsereien.

"Manche waren nicht freiwillig zum Impfen dort, sondern weil sie, wie sie sagen, 'von der Politik dahin getrieben wurden'. Und irgendwo müssen sie ihre Wut auch ablassen. So dass ich gesagt habe: Okay, wo ist die Grenze? Und das macht schon auch das Team etwas unsicher."

Sie habe da auch Angst, denn die Ärzte seien bei den Impfaktionen für die Menschen sichtbar. Sie frage sich, wie weit sie Impfaufklärung machen könne. Außerdem ist die Ärztin nach eigenen Aussagen auch rassistisch angegangen worden. Da sie aus Vietnam kommt, sei ihr wegen ihres Aussehens vorgeworfen worden, dass sie für das "China-Virus" verantwortlich sei und deshalb impfen müsse.

Kein Einzelfall in der Ortenau

Die Erfahrungen von Nguyen scheinen zumindest in Lahr erstmal ein Einzelfall gewesen zu sein. Der Stadt Lahr sind solche Vorfälle jedenfalls nicht bekannt. Andere Ärzte, die bei den städtischen Angeboten geimpft hatten, konnten derartige Erfahrungen nicht bestätigen. Sie hätten viele positive Erfahrungen mit den Patienten gemacht.

Elf Ärztinnen und Ärzte sowie der Lahrer Oberbürgermeister Markus Ibert sind zu sehen. Sie stehen mit Abstand auf einer Treppe auf dem Lahrer Rathausplatz. (Foto: SWR, Katharina Seeburger)
Der Lahrer Oberbürgermeister Markus Ibert (Mitte vorne) und die Stadt Lahr danken Ärztinnen und Ärzten, die zwischen August und Dezember bei städtischen Angeboten 11.600 Menschen gegen des Corona-Virus geimpft haben. Mit der Aktion wurde die Lücke geschlossen, die entstanden war, als die Kreisimpfzentren mehrere Monate geschlossen hatten. Katharina Seeburger

Einer dieser Ärzte berichtet aber, dass sich Patienten bei Problemen seinen Mitarbeiterinnen gegenüber aggressiv verhalten - ihm selbst gegenüber dann aber nichts mehr sagen.

"Ich bin ein gestandenes Mannsbild. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Leute das mir gegenüber einfach nicht getraut haben."

Er kann sich vorstellen, dass sich die Patienten seiner Kollegin Nguyen gegenüber anders verhalten haben, als sie sich beispielsweise ihm gegenüber verhalten hätten.

Beschimpfung als "Massenmörder"

Ein anderer Arzt aus dem Ortenaukreis, der anonym bleiben möchte, berichtet, dass er im April dieses Jahres beschimpft und bedroht wurde. Damals hatte er im Kreisimpfzentrum geimpft. Wie er dem SWR gegenüber erzählte, sei bei ihm zu Hause an fünf Nächten in Folge Sturm geklingelt worden. Dabei sei er auch als Massenmörder beschimpft worden. Daraufhin hatte der Arzt Anzeige erstattet, die Polizei ist in seiner Gegend häufiger Streife gefahren. Danach war erstmal Ruhe, so der Arzt.

Kassenärztliche Vereinigung: Der Ton wird rauer

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KV) bestätigte auf Nachfrage, dass insgesamt der Ton in den Praxen rauer geworden sei. Körperliche Angriffe seien der KV nicht mitgeteilt worden. Gegen Corona impfende Ärzte würden aber Morddrohungen per Mail oder Brief bekommen.

Auch im Lörracher Kreisimpfzentrum kommt es laut dem Landratsamt immer wieder zu aggressivem Verhalten. "Auch die Kolleginnen und Kollegen der Impfteams erleben seit dem ersten Tag des Kreisimpfzentrums und auch jetzt nahezu täglich, dass bestimmte Menschen sehr aggressiv auftreten und vor Ort vollkommen inadäquat reagieren", so das Landratsamt Lörrach auf Anfrage.

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