vier Personen auf einer Gerichtszeichnung (Foto: Martin Burkhardt)

Geständnis im Missbrauchsfall Staufen Christian L. nennt Anklage weitgehend zutreffend

Im Hauptprozess im Missbrauchsfall von Staufen hat der Lebensgefährte der Mutter des Tatopfers ein weitgehendes Geständnis abgelegt. Die Anklage sei "bis auf ein paar Kleinigkeiten" richtig.

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Der Hauptangeklagte im Missbrauchsfall von Staufen bei Freiburg hat die schweren Sexualverbrechen am Sohn seiner Lebensgefährtin gestanden. "Ich war die treibende Kraft", sagte der 39-jährige Christian L. am Montag im Prozess am Landgericht Freiburg mit monotoner Stimme. Dem einschlägig vorbestraften Mann und der 48 Jahre alten Mutter des Jungen wird vorgeworfen, den heute Neunjährigen mehr als zwei Jahre lang regelmäßig missbraucht und an andere Männer verkauft zu haben.

Anklageschrift beschreibt grausame Sexualstraftaten

Der Prozess begann mit der Schilderung grausamer Sexualstraftaten. In der mehr als 100 Seiten langen Anklageschrift ist die Rede von Fesselungen, extremen Demütigungen und Beschimpfungen, Drohungen sowie körperlicher Gewalt und Vergewaltigungen.

Christian L. sagte, die Anklage sei, bis auf einige Kleinigkeiten, zutreffend. Er selbst habe die Mutter des Kindes unter Druck gesetzt. Die Initiative sei immer vom ihm ausgegangen. "Aber jedesmal, wenn ich was mit dem Jungen gemacht hab, hatte sie Kenntnis", sagte er. "Ich hab' da nix heimlich gemacht." Die Mutter habe ihren Sohn für die Missbrauchshandlungen zur Verfügung gestellt – aus Angst, er könnte die Beziehung beenden.

Der Hauptangeklagte verwies explizit darauf, dass es ihm egal sei, was man über ihn denke. Deshalb sage er umfassend aus und habe die Ermittler auch auf die Spur anderer Freier gebracht. Ihm gehe es darum, dass dem Kind Gerechtigkeit widerfahre. Richter Stefan Bürgelin machte ihn darauf aufmerksam, dass der Missbrauch ohne den anonymen Hinweis auf die Taten ja einfach weitergegangen wäre. "Das ist jetzt nicht das schlechte Gewissen, das Sie treibt", so Bürgerlin.

Auch Mutter will aussagen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Dem Paar werden unter anderem schwere Vergewaltigung und Zwangsprostitution in jeweils fast 60 Fällen zur Last gelegt. Angeklagt sind Taten zwischen Mai 2015 bis Ende August 2017. In dem Fall gibt es insgesamt acht Verdächtige. Die Mutter und ihr Lebensgefährte, beide Deutsche, gelten als die zentralen Figuren in dem Missbrauchsfall. Ihnen wird außerdem sexueller Missbrauch eines leicht behinderten dreijährigen Mädchens aus der Nachbarschaft vorgeworfen. Berrin T. habe auf das Mädchen aufgepasst, es sei dann zu "abgesprochenen sexuellen Übergriffen" auf das Kleinkind gekommen. Die Frau kündigte über ihren Anwalt an, sie werde sich im Laufe des Prozesses unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu ihrer Person und zu den Vorwürfen äußern.

Staatsanwältin: "Rolle der Mutter macht den Fall außergewöhnlich"

In Prozessen gegen Freier des Jungen hatte der 39-Jährige zuvor als Zeuge ausgesagt und sich bereits als Haupttäter bezeichnet. Die Mutter hat bislang geschwiegen. Die Schwere und Vielzahl der Verbrechen sowie die Rolle der Mutter machen diesen Fall außergewöhnlich. Es gebe bei Kindesmissbrauch vergleichsweise wenig Frauen, die zur Täterin werden, sagte Staatsanwältin Nikola Novak.

Video-Aufnahmen als Beweismittel im Prozess

Eine Vielzahl der Taten war gefilmt worden - sowohl die, die das Paar beging, als auch die, die die Freier an dem sich laut Anklage "massiv ekelnden" und völlig wehrlosen Kind vollzogen. Die Aufnahmen dienen in diesem und den anderen Verfahren als Beweismittel. Außerdem führten die bisherigen Aussagen des 39-Jährigen auch zur Festnahme von Männern, denen das Kind zum Vergewaltigen überlassen worden war.

Mehrere Personen stehen an Tischen in einem Gerichtssaal (Foto: picture-alliance / dpa, Patrick Seeger)
Die Hauptbeschuldigten mit ihren Verteidigern im Gerichtssaal des Freiburger Landgerichts Patrick Seeger

Lange Haft und Sicherungsverwahrung angestrebt

Ziel von Anklage und Nebenklage sei neben langjährigen Haftstrafen eine anschließende Sicherungsverwahrung, vor allem für den wegen schwerer Kindesmisshandlung vorbestraften Lebensgefährten der Mutter. "Dass ich dem Kind rückmelden kann, dass der Mann auf absehbare Zeit nicht mehr aus der Haft entlassen werden wird", sagte die Vertreterin der Nebenklage, Rechtsanwältin Katja Ravat. Ein Urteil fällt voraussichtlich Mitte Juli.

Strafanzeigen gegen Jugendamt und Justiz werden geprüft

Die Rolle von Jugendamt und Justiz in dem Fall werde in dem Strafprozess keine Rolle spielen, sagte Staatsanwältin Nikola Novak. Ihnen wird vorgeworfen, den Jungen nicht geschützt zu haben - obwohl sie von der Beziehung der Mutter zu dem wegen schweren Kindesmissbrauchs vorbestraften Mann wussten. Es seien jedoch, nachdem der Fall öffentlich wurde, mehrere Strafanzeigen eingegangen. Diese würden nun geprüft. Sollte es Hinweise auf Versäumnisse geben, werde diesen nachgegangen.

Parallel-Prozess am Landgericht Karlsruhe

Ebenfalls am Montag begann vor dem Karlsruher Landgericht der Prozess gegen einen 44-Jährigen aus Schleswig-Holstein: Er soll im sogenannten Darknet beim Lebensgefährten der Mutter angefragt haben, ob er den Jungen sexuell missbrauchen und danach töten dürfe. Demnach muss sich der Angeklagte wegen Sichbereiterklärens zum Mord, zum sexuellen Missbrauch von Kindern und zur Vergewaltigung sowie wegen Besitzes kinder- und jugendpornografischer Schriften verantworten.

Kurz nach Beginn der Verhandlung wurde die Öffentlichkeit teilweise ausgeschlossen worden. Das Gericht kam damit einem Antrag der Verteidigung nach. Sie hatte den Ausschluss beantragt, weil der Angeklagte in seiner Aussage persönliche Dinge wie sein Sexualleben erläutern wollte. Ein Urteil könnte noch im Juni fallen. Für den Prozess sind noch zwei weitere Verhandlungstage Ende des Monats angesetzt.

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