Im Interview: Christian Gratzke, Freiburger Urologe Warum gehen Männer nur dann zum Arzt, wenn sie unbedingt müssen?

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Im Schnitt sterben Männer nämlich vier Jahre früher als Frauen. Tatsächlich, weil sie nicht zum Arzt gehen? SWR4 Moderatorin Suse Kessel im Interview mit dem ärztlichen Direktor der Urologie an der Uniklinik Freiburg Christian Gratzke.

Suse Kessel: Männer und Krankheiten - das ist ja so eine Sache. Aber ich rede nicht vom berühmten Männerschnupfen, sondern eher von der Vorsorge. Es gibt sie, die typisch männlichen Gesundheitsprobleme, und es hilft nicht, sie wegzuignorieren. Ärzte werden nicht müde immer wieder zu ermuntern, bei Beschwerden rechtzeitig medizinischen Rat einzuholen. Im Schnitt sterben Männer nämlich vier Jahre früher als Frauen. Tatsächlich, weil sie nicht zum Arzt gehen? Frage an Christian Gratzke, ärztlicher Direktor der Urologie an der Uniklinik Freiburg, ist das so?

Christian Gratzke: Ich muss sagen, der genaue Grund, warum Männer wirklich früher sterben, ist wahrscheinlich nicht bekannt. Es gibt eine Vielzahl von Ursachen, die dazu führen könnten. Diese Ursachen sind zum einen sicher in der Genetik zu suchen, zum anderen aber auch im Lebensstil. Aber es ist sicher unser Plädoyer, allen Patienten zu raten, sollten Probleme auftreten, relativ früh zum Arzt zu gehen.

Suse Kessel: Warum gehen Männer nicht zum Arzt und wie wollen Sie das ändern?

Christian Gratzke: Männer gehen dann zum Arzt, wenn sie unbedingt müssen und sie gehen ganz ungern prophylaktisch zum Arzt. Das heißt, zur Vorsorge zu gehen ist für viele Männer offensichtlich eine große Hürde. Es wird deutlich besser, also wir beobachten, dass Männer sich auch wirklich bezüglich, zum Beispiel, ihrer Krebsvorsorge zum Arzt begeben, aber es ist immer noch ein großes Hindernis. In Bezug auf verschiedene besondere Themen steht sicher auch ein gewisses Schamgefühl im Vordergrund.

Suse Kessel: Ist es tatsächlich so, dass Männer es als männlich ansehen, Probleme dieser Art mit sich selbst auszumachen? Gerade wenn es um die Männlichkeit geht?

Christian Gratzke: Ja. Ich glaube, es ist auch normal, dass viele Männer sich denken, dass Erektionsstörungen nur temporär bedingt sind, also wieder vorbeigehen, und sich denken: "Das wird schon wieder werden." Man begibt sich dann meistens zum Arzt, wenn man merkt, dass es eben nach einer gewissen Zeit doch nicht besser geworden ist, und versucht dann, die Ursache zu beheben und eine Therapie für diese Störungen zu finden.

Suse Kessel: Welche Folgen hat das, wenn Männer zu lange warten?

Christian Gratzke: Das hängt von der Erkrankung ab. In Bezug auf die Potenz ist es so, dass wir verschiedene Möglichkeiten haben, diesen Patienten zu helfen. Wir haben ein schrittweises Angehen dieses Problems und es gilt natürlich schon, dass je früher man Potenzprobleme bekämpft, desto besser ist die Chance diese Schwierigkeiten wirklich in den Griff zu kriegen.

Suse Kessel: Und was sind die Folgen, wenn sie eben zu lange warten oder nicht zu ihnen kommen?

Christian Gratzke: Es gibt ein wichtiges Problem. Deswegen arbeiten wir auch so gerne mit den Kardiologen zusammen und deswegen ist die Veranstaltung heute Abend auch zusammen mit den Kollegen der Kardiologie gemacht worden. Es gibt tatsächlich eine Vielzahl von verschiedenen Ursachen, die alle zu einer Impotenz führen können. Dazu zählen auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch zum Beispiel neurologische Erkrankungen. Denken Sie an Parkinson, denken sie an Diabetes. Und wenn - das ist beim Diabetes ganz genau so - eine Mikroangiopathie entsteht, das heißt die kleineren Gefäße, die dann den Schwellkörper versorgen, nicht mehr ausreichend Sauerstoff ins Endorgan bringen, dann kommt es dazu, dass es bei uns in diesem Fall eben eine Impotenz herrührt, weil die Schwellkörper nicht mehr adäquat mit Sauerstoff versorgt werden. Das heißt, dass eine Erektionsstörung ein Vorbote für das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein könnte, zum Beispiel Herzinfarkt oder Schlaganfall. Deswegen sollte man diese Schwierigkeiten wirklich ernst nehmen und sich beim Arzt auch beraten lassen. Wir überweisen sehr viele Patienten dann zum Kardiologen und versuchen auch diese Probleme in den Griff zu kriegen.

Suse Kessel: Was sind denn die Alarmzeichen, auf die ein Mann unbedingt hören sollte? Und wie können sie helfen, gerade auch beim Thema Sexualität?

Christian Gratzke: Wenn man merkt, dass die sportliche Fitness nachlässt, dass die Belastbarkeit im täglichen Alltag nachlässt, dass das Treppensteigen schwierig wird - das sind so Kleinigkeiten, über die man zuerst hinwegsehen möchte. Man schiebt sie häufiger auch auf einen Infekt. Wenn es aber über längere Zeit nicht besser wird, sollte man sich Gedanken machen und dann zum Arzt gehen. Es gibt sehr gute Hausärzte, Internisten, aber daneben auch die Urologen oder fachärztlichen Kardiologen, die sich damit beschäftigen und die vor allem im Frühstadium schnell Abhilfe schaffen können.

Suse Kessel: Sie sind ein Mann. Wie gehen Sie selbst mit dem Thema um?

Christian Gratzke: Ganz wichtig ist ein guter Hausarzt, der einem sagt, jetzt muss man da und da hingehen. So werde ich es auch machen.

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