Pressekonferenz: Abschlussbericht zum Missbrauchsfall Staufen (Foto: SWR)

Aufarbeitung des Staufener Missbrauchsfalls Behörden räumen Versäumnisse ein

Gerichtsauflagen wurden nicht kontrolliert, Informationen nicht rechtzeitig weitergegeben - Ämter und Gerichte haben im Missbrauchsfall von Staufen Versäumnisse und Pannen eingeräumt.

Die von Familiengerichten angeordneten Maßnahmen gegen die Mutter des betroffenen Jungen wurden nicht kontrolliert. Das Kind selbst wurde nie gehört. Informationen zwischen Gerichten und dem zuständigen Jugendamt wurden nicht rechtzeitig weitergegeben. Das sind die Kernsätze des Berichts der Arbeitsgruppe, die das Vorgehen der Behörden im Missbrauchsfall von Staufen intern aufgearbeitet hat. Der Bericht macht damit deutlich, dass das Martyrium des heute 10-jährigen Jungen sehr viel früher hätte beendet werden können.

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"Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Sondern wir wollten die Vorgänge fachmännisch aufarbeiten", sagte der Präsident des Oberlandesgerichtes (OLG) Karlsruhe, Alexander Riedel, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Freiburg. Jeder würde das Geschehene gerne ungeschehen machen. "An erster Stelle steht das Bedauern über das Schicksal des Jungen, das nicht rückgängig zu machen ist", so Riedel. Auch die Landrätin des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald, Dorothea Störr-Ritter (CDU), äußerte sich betroffen vom Ausmaß des Falles. Man sehe sich in der Verantwortung, Lehren daraus zu ziehen und sich zu fragen, "wie es zu den kommunikativen Defiziten zwischen Gerichten und Jugendamt kommen konnte".

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Jugendamt hat Gerichtsbeschlüsse "nicht kritisch hinterfragt"

Thorsten Culmsee, Sozialdezernent des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald, räumte mit Blick auf sein Jugendamt selbstkritisch ein: "Wir haben unsere Rolle als Verfahrensbeteiligter nicht voll ausgespielt." Die Entscheidung des Familiengerichts, den Jungen im Zusammenhang mit seiner Inobhutnahme nicht anzuhören und ihm auch keinen Verfahrensbeistand an die Seite zu stellen, habe man "nicht kritisch hinterfragt". Dies solle sich in Zukunft ändern.

Die Arbeitsgruppe stellt aber auch Forderungen an die baden-württembergischen Sozial-, Justiz- und Innenminister: Sie sollen dafür sorgen, dass beim Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualverbrechern die Jugendämter frühzeitig einbezogen werden.

Behörden sollen künftig besser zusammenarbeiten

Das Kind war über einen Zeitraum von zwei Jahren von Männern aus dem In- und Ausland vergewaltigt worden. Seine Mutter und ihr Lebensgefährte hatten es im Internet zum Missbrauch angeboten. Die Arbeitsgruppe empfiehlt, dass Behörden künftig effizienter zusammenarbeiten und alle relevanten Informationen auswerten müssen. Von personellen Konsequenzen ist in dem Papier der Arbeitsgruppe nicht die Rede.

Zwei Personen mit verpixelten Gesichtern (Foto: SWR)
Die beiden Hauptangeklagten im Missbrauchsfall Staufen vor dem Landgericht Freiburg

Gericht hatte das Kind zurück zur Mutter gelassen

Der Missbrauchsfall von Staufen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Eine Mutter verkaufte gemeinsam mit ihrem einschlägig vorbestraften Lebensgefährten ihren eigenen Sohn im Internet - an Männer, die ihn vergewaltigten und dabei filmten. Das Kind war sieben Jahre alt, als das mehrjährige Martyrium begann. Und: Das Paar missbrauchte das Kind selbst über Jahre. Mutter und Lebensgefährte sowie sechs weitere Männer sind inzwischen zu Haftstrafen verurteilt worden.

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Sechs Monate vor der Verhaftung des Paares hatte das Jugendamt das Kind bereits vorübergehend der Mutter entzogen, nachdem es von der Beziehung der Mutter zu dem vorbestraften Sexualtäter Christian L. erfahren hatte. Gerichte entschieden dann aber: Er darf unter Auflagen zurück. Die Arbeitsgruppe empfiehlt, dass Gerichte und Jugendamt künftig genau absprechen, wie solche Auflagen kontrolliert werden.

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