Personen in einem Gerichtssaal (Foto: SWR, Jan Ludwig)

Abschluss im Missbrauchsprozess Staufen Lange Haftstrafen für Mutter und Lebensgefährten

Berrin T. muss zwölf Jahre und sechs Monate in Haft, Christian L. zwölf Jahre mit anschließender Sicherungsverwahrung. Außerdem müssen beide mehrere tausend Euro Schmerzensgeld zahlen.

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In einem der bundesweit schwersten je bekanntgewordenen Fälle von Kindesmissbrauch müssen die Mutter des Opfers und ihr Partner viele Jahre ins Gefängnis. Die 48 Jahre alte Frau wurde am Dienstag vor dem Landgericht Freiburg zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt - wegen Vergewaltigung, sexuellen Missbrauchs sowie Zwangsprostitution ihres Sohnes. Gegen den Lebensgefährten der Frau, einen einschlägig vorbestraften 39-Jährigen, verhängten die Richter eine Strafe von zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Damit kommt der Mann auch nach Verbüßung seiner Haftstrafe erstmal nicht frei.

42.500 Euro Schmerzensgeld für die Opfer

Das Paar aus dem badischen Staufen hatte den heute Zehnjährigen mehr als zwei Jahre vielfach vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Dafür wurde das Kind via Darknet, einem anonymen Bereich des Internets, auch an Männer aus dem In- und Ausland verkauft. Die beiden Verurteilten sollen insgesamt 42.500 Euro Schmerzensgeld an den Jungen sowie an ein weiteres Opfer, ein kleines Mädchen, zahlen.

"Er hat etwas weniger bekommen als erwartet, weil er als Zeuge aufgetreten ist und zur Aufklärung der Sache beigetragen hat", berichtet SWR-Reporter Klaus Gülker. Die Mutter habe den Richtern zufolge dem Kind vielleicht noch mehr weh getan, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch, weil sie das Vertrauen des Kindes missbraucht hat.

Urteil gegen Mutter ist rechtskräftig

Nach der Urteilsbegründung vor dem Landgericht Freiburg verzichteten sowohl die Angeklagte Berrin T. als auch die Staatsanwaltschaft und die Rechtsanwältin des missbrauchten Kinds auf Rechtsmittel. Die Mutter ließ über ihren Verteidiger erklären, sie wolle für ihren Sohn ein Zeichen setzen, "dass jetzt wirklich Ruhe ist".

Die Verteidigung von Christian L. ließ zunächst offen, ob sie Rechtsmittel einlegen werde. Zunächst solle das Urteil mit dem Mandanten besprochen werden, hieß es.

Fast alle Taten gefilmt und im Darknet verbreitet

Angeklagt waren zum Teil schwerste Sexualverbrechen an dem Jungen sowie Zwangsprostitution in jeweils etwa 60 Fällen. Den beiden Deutschen war dabei auch der Missbrauch einer Dreijährigen zur Last gelegt worden. Fast alle Taten waren gefilmt und auch im Darknet verbreitet worden. Die darauf gezeigten Taten und das Ausmaß des Falles hatten Ermittler an ihre Grenzen gebracht.

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Ungewöhnlich war die Täterschaft

Dass eine Mutter Vergewaltigungen des eigenen Kindes nicht nur vertuscht und deckt, sondern sich am Missbrauch auch aktiv beteiligt und dafür verurteilt wird, kommt sehr selten vor. Die 48-Jährige hatte die Taten eingeräumt, über ihre Motive aber weitgehend geschwiegen. Der 39 Jahre alte Lebensgefährte gestand ebenfalls, sagte im Verlauf des achtwöchigen Prozesses aber auch ausführlich aus.

Behörden stehen in der Kritik

Auch die Behörden waren in die Kritik geraten. Sie hätten das Martyrium des Jungen möglicherweise zumindest früher beenden können. So hatte man sich vor einem Familiengericht nur auf die Mutter verlassen. Der Junge war nicht befragt worden.

Im Zusammenhang mit dem Fall waren sechs weitere Sexualstraftäter festgenommen und vor Gericht gestellt worden. Sie alle wurden zu langen Haftstrafen verurteilt; zum Teil mit anschließender Sicherungsverwahrung. Das Kind lebt inzwischen bei einer Pflegefamilie.

Sicherungsverwahrung als präventive Maßnahme

Die Sicherungsverwahrung verhängen Gerichte anders als die Haft nicht als Strafe, sondern als präventive Maßnahme. Sie soll die Bevölkerung vor Tätern schützen, die ihre eigentliche Strafe für ein besonders schweres Verbrechen bereits verbüßt haben, aber weiter als gefährlich gelten. Die Täter können theoretisch unbegrenzt eingesperrt bleiben. Die Bedingungen müssen deutlich besser sein als im Strafvollzug, außerdem muss es ein größeres Therapieangebot und Betreuung geben.

Christian L. forderte eigene Sicherungsverwahrung

Die Staatsanwaltschaft hatte vierzehneinhalb Jahre Haft für Berrin T. und dreizehneinhalb Jahre Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung für Christian L. gefordert. Die Verteidigerin des Mannes sprach sich für neun Jahre Haft und - auf ausdrücklichen Wunsch ihres Mandanten - ebenfalls für Sicherungsverwahrung aus. Der Verteidiger der Mutter hatte neuneinhalb Jahre beantragt.

Es sind die letzten beiden von insgesamt acht Urteilen im Fall Staufen. Bislang wurden sechs Mittäter schuldig gesprochen, die den Jungen gegen Geld missbraucht oder vergewaltigt hatten. Die Angeklagten wurden in Prozessen in Freiburg, Karlsruhe und Kiel zu Haftstrafen zwischen sieben und zwölf Jahren verurteilt, zum Teil mit Sicherungsverwahrung. Zuletzt wurde der 33-jährige Javier D. zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Polizei hofft auf Aufklärung weiterer Fälle

Nach den letzten Urteilen im Missbrauchsfall Staufen bei Freiburg erhofft sich die Polizei, auch andere Verbrechen aufklären zu können. Aus den Ermittlungen im Fall Staufen hätten sich Spuren auf weitere Fälle von schwerem Kindesmissbrauch ergeben, sagte der Chef der Freiburger Kriminalpolizei, Peter Egetemaier, am Dienstag in Freiburg. Zu sehen seien Taten auf von der Polizei sichergestellten Filmen und Bilddateien, die vor allem im Darknet - einem anonymen Teil des Internets - getauscht und weitergeleitet wurden. Diese Bilder und Filme seien beschlagnahmt worden, sie würden derzeit von den Beamten ausgewertet. Die Ermittlungen liefen gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt (BKA).

Im Visier habe die Polizei rund 20 mutmaßliche Täter, die sich an Kindern vergangen haben. Sie stammten aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus dem Ausland. Regionale Schwerpunkte gebe es nicht.

Im Fall Staufen gebe es keine weiteren Täter, sagte der Kripo-Chef. Die Behörden seien sich sicher, dass alle Verantwortlichen in diesem Fall gefunden worden seien.

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