Der Freiburger Modellstadtteil Vauban feiert 25-jähriges Bestehen

Modell-Stadtteil wird 25 Jahre

Wie grün ist Freiburgs Ökoviertel Vauban heute noch?

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Autor/in
Jan Lehmann
SWR Redakteur Jan Lehmann

Der Freiburger Stadtteil Vauban gilt seit 25 Jahren als Musterbeispiel für nachhaltiges Wohnen. Doch das Quartier ist in die Jahre gekommen. Wie trendig ist das Öko-Idyll heute noch?

Bullerbü, Grünen-Hochburg, Eldorado der Öko-Spießer - der Freiburger Stadtteil Vauban genießt einen speziellen Ruf. Sein Verkehrs-, Wohn- und Energiekonzept galt Ende der 1990er Jahre als wegweisend und begründete Freiburgs Image als "Green City". Immer noch pilgern Touristen, Schulklassen und Stadtplaner aus aller Welt in Scharen hierher. Doch der Musterknabe hat ein paar Fältchen bekommen. Die Bewohner altern - und die Autodichte wächst. Bei der jüngsten Europawahl kamen die Grünen "nur" noch auf 46 Prozent. Bei der Landtagswahl 2011 waren es über 70 Prozent gewesen.

Ruhig, grün, kinderfreundlich - das Vauban ist überaus begehrt

Grün ist das Vauban aber immer noch. Vor allem jetzt im Sommer. Die Straßenbahn schwebt über einen Rasenteppich, daneben wuchern Wildwiesen und blühen alte Linden. Üppige Vorgärten schwappen auf die autofreien Seitenstraßen, Balkons und Laubengänge quellen über vor Blumen und Ranken. Zwischen bunten Holzfassaden und Solardächern breiten sich dicht bewachsene Grünstreifen mit Spielplätzen aus.

So berichtete SWR Kultur am 28.6.2024:

Wohnen hier ist extrem teuer geworden - teilweise

Almut Assan ist eine Bewohnerin der ersten Stunde. Sie schätzt das Viertel, weil "es sehr grün ist, sehr ruhig, sehr viel gute Infrastruktur zum Einkaufen hat". Aber sie sagt auch: "Es ist bequem geworden - und sehr teuer." Das macht ihr Sorgen. Inzwischen könne man "ohne dicken Geldbeutel" nicht mehr hier wohnen. Das Vauban drohe, zum Luxusviertel zu werden.

"Die Preise hier sind explosionsartig nach oben gegangen", bedauert auch Wulf Daseking. Freiburgs ehemaliger Stadtplaner hat das Vauban damals mit konzipiert. Wegen der hohen Lebensqualität seien viele bereit, "jeden Preis zu zahlen" - selbst grüne Stammwähler. Dazu kommt, dass der städtisch geförderte Wohnraum schmilzt. Von anfangs rund 400 Sozialwohnungen im Vauban sind laut Stadtverwaltung heute noch 290 übrig. In den nächsten Jahren werden weitere Wohnungen aus der befristeten Bindung fallen.

Der Freiburger Modellstadtteil Vauban feiert 25-jähriges Bestehen
Die Straßenbahnlinie 3 schleicht auf einem lärmschonenden Rasenteppich durchs Vauban. Bild in Detailansicht öffnen
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Die Vaubanallee gehört ganz klar den Radlern und nicht den Autos. Bild in Detailansicht öffnen
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Vielfältige Architektur: Viele Baugruppen und Baugenossenschaften haben ihre Häuser mitgestaltet. Bild in Detailansicht öffnen
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Breite Grünspangen bieten Platz zum Grillen, Spielen und Spazieren. Sie sorgen auch für ein kühleres Klima im Sommer. Bild in Detailansicht öffnen
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Solaranlagen gehören zu den Häusern wie anderswo Schornsteine. Bild in Detailansicht öffnen
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Rund 5.100 Menschen leben heute im Vauban. Etwas weniger als in den ersten Jahren. Bild in Detailansicht öffnen
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Balkonkultur: Bewohner des Wohnprojekts SUSI (Selbstorganisierte unabhängige Siedlungsinitiative) nutzen ihre Balkone auf kreativ Weise. Bild in Detailansicht öffnen
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Banner statt Deutschlandfahnen - viele Vauban-Bewohner sind politisch engagiert. Bild in Detailansicht öffnen
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Bauwagen-Idylle im Vauban Bild in Detailansicht öffnen
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Auch das ist Vauban: Ausrangierte Fahrzeuge erzählen von den Anfängen des Viertels, als Wagenburgler das ehemalige Kasernenareal besiedelten. Bild in Detailansicht öffnen
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Plusenergie vom Dach: Die Solarsiedlung im Vauban produziert mehr Strom, als die Bewohner brauchen. Bild in Detailansicht öffnen
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Trotzige Reminiszenz: Ein Nashorn-Graffito erinnert an die 2011 aufgelöste Wagenburg "Kommando Rhino". Heute steht hier das Green City Hotel. Bild in Detailansicht öffnen
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Der Alfred-Döblin-Platz dient als Markt- und Festplatz und ist mit dem Stadtteilzentrum 037 das kommunikative Zentrum des Quartiers. Bild in Detailansicht öffnen
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Das Sonnenschiff der preisgekrönten Solarsiedlung ist ein Wahrzeichen des Vauban. Bild in Detailansicht öffnen
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Der genossenschaftliche Quartiersladen - selbstredend Bio - ist ein beliebter Treffpunkt im Vauban. Bild in Detailansicht öffnen
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Balkonsolar gehört hier zum Standard wie Blumenkästen. Bild in Detailansicht öffnen

Das Durchschnittsalter der Bewohner steigt deutlich an

Das Vauban ist in die Jahre gekommen. Das Durchschnittsalter ist in wenigen Jahren von knapp 30 auf 38 Jahre gestiegen. Die Pkw-Dichte im autoreduzierten Stadtteil liegt mittlerweile bei etwa 270 pro 1.000 Einwohner - drei Mal höher als in den Anfangsjahren. Parken müssen Autos jedoch hauptsächlich in den großen Parkhäusern am Rand des Viertels. Die meisten Straßen des Vauban sind autofrei.

Unser Energieverbrauch liegt 20 Prozent unter dem eines normalen Hauses.

Diese Entwicklung beobachtet auch der rührige Stadtteilverein Vauban. Allerdings mit etwas weniger Sorge. Denn ein Großteil der Wohnungen ist in der Hand von Baugruppen und Genossenschaften. Und die, sagt Reinhild Schepers vom Vereinsvorstand, kümmerten sich häufig um faire Mieten, etwa mit eigenen Sozialfonds. "Unsere Hausversammlung hat neulich sogar eine Mietsenkung beschlossen", sagt Vorstandskollege Erich Lutz. Grund: Die Kredite für den Hausbau sind inzwischen abbezahlt, so dass mehr Geld in der Kasse der Genossenschaft ist. Nur ein kleiner Teil der Wohnungen im Vauban gehört kommerziellen Vermietern und wird - entsprechend teuer - auf dem freien Markt gehandelt.

Die Energiekrise war hier weniger spürbar als anderswo

Und das nachhaltige Konzept des Öko-Viertels? Ist das auch in die Jahre gekommen? Nein, sagt Reinhild Schepers. Die Plus-Energie-Häuser der Solarsiedlung und die vielen Passivhäuser setzten auch heute noch Maßstäbe. Und sorgten auch während der Energiekrise zuverlässig für niedrige Nebenkosten.

Es ist schon fast traurig, dass es nicht so viele gibt, die uns überholt haben.

"Mich erstaunt, dass dieses Modell in allen Ecken der Welt bekannt ist, dass viele Leute hierher reisen, dass sie es ganz toll finden, aber die Umsetzung hapert", sagt der frühere Stadtplaner Wulf Daseking. "Natürlich können Sie bei der Energieversorgung oder der Wohnungskonzeption noch draufsatteln." Aber die Idee eines verkehrsreduzierten Stadtteils mit dichter Bebauung, viel Grün, Solaranlagen und Versickerungsgräben für Regenwasser sei bis heute fast nirgends so konsequent umgesetzt wie im Vauban.

Der Freiburger Modellstadtteil Vauban feiert 25-jähriges Bestehen
Freiburgs ehemaliger Stadtplaner Wulf Daseking findet das Vauban auch heute noch vorbildlich.

Bewohner haben das Viertel mit entwickelt

Das liegt wohl auch daran, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner seinerzeit intensiv an den Planungen beteiligt haben. Ausgehend von Studierenden, die ehemalige Kasernengebäude in Beschlag nahmen und umbauten, entwickelte sich eine breit angelegte Bürgerbeteiligung. "Wir haben versucht, die Gestaltung der Häuser nicht zu verordnen, sondern mit den Leuten zu besprechen", sagt Daseking. Das Ergebnis ist eine vielfältige Architektur, die den besonderen Charme des Viertels ausmacht.

Fahrräder statt Autos bestimmen das Ortsbild

Wenn der ehemalige Stadtplaner heute durch das Vauban spaziert, dann fühlt er sich an seine Kindheit in seinem niedersächsischen Heimatstädtchen erinnert. Statt mit Jägerzäunen und Schottergärten sind die Häuser von einladenden Vorgärten gesäumt. Anstelle von parkenden Autos gibt es Sitzgruppen oder Spielzeug. "Ich finde es immer toll, wenn die Straßen hier nach Schulende voller Kinder mit Fahrrädern sind", sagt Daseking. Ein bisschen so wie früher, als es noch nicht so viele Autos gab.

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