Äthiopische Waisenkinder in der Schule (Foto: Kinderprojekt Awassa, Britt Schilling)

Interview

Freiburger Verein feiert 20 Jahre Kinderprojekt Awassa

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Seit 20 Jahren hilft ein Freiburger Verein Waisenkindern in Äthiopien. Sie gehen zur Schule und lernen einen Beruf, sagt Hendrijk Guzzoni aus dem Vereinsvorstand im SWR-Interview.

SWR: Ihr Förderverein Kinderprojekt Awassa feiert am Samstag, 25. Juni, sein Jubiläumsfest. Sie blicken auf 20 Jahre erfolgreiche Arbeit mit Waisenkindern in Äthiopien zurück. Was machen Sie genau in Awassa im Süden Äthiopiens?

Hendrijk Guzzoni: Wir unterstützen vor allem Waisenkinder. Insgesamt waren es 140, im Laufe dieser 20 Jahre. Momentan sind es knapp 100, die aktuell bei uns sind. Sie bekommen essen. Sie werden in die Schule geschickt, bekommen psychologische und pädagogische Betreuung, was auch immer nötig ist. Und sie bekommen vor allem ein emotional stabiles Umfeld und das Gefühl, in einer Familie aufzuwachsen.

Hendrijk Guzzoni, Vorstandsmitglied des Freiburger Fördervereins Awassa, der Waisenkinder in Äthiopien unterstützt, berichtet im SWR Studio Freiburg über das Projekt.

Wer ist diese Familie? Wer betreut die Kinder in Awassa?

Wir haben eine Reihe von Angestellten. Vor allem wichtig in diesem Zusammenhang sind sechs Hausmütter. Aber wir haben auch drei Sozialarbeiter und dann Verwaltungsangestellte, Gärtner, zwei Wächter und so weiter.

Sie finanzieren das quasi über Spendengelder aus Freiburg. Ich glaube, Patenschaften spielen ja auch eine ganz große Rolle?

Es gibt drei Fördervereine, wobei der mit Abstand größte der in Freiburg ist, der gut zwei Drittel des Gesamtbudgets aufbringt. Dieses Kinderprojekt wird im Wesentlichen über Patenschaften finanziert. Wir haben 180 Paten und Patinnen, sie sind das Rückgrat unserer Finanzierung. Sie zahlen 30 Euro im Monat oder, wenn sie können und wollen, auch etwas mehr. Und sie haben die Möglichkeit, Briefe auszutauschen, was auch regelmäßig in vielen Fällen passiert. Bei den Älteren gibt es dann auch einen regen E-Mail-Verkehr und mittlerweile auch per Facebook oder Whatsapp.

"Die Paten sind das Rückgrat unserer Finanzierung."

Wie wichtig ist dieser persönliche Konatkt für die Kinder und Jugendlichen?

Für die Kinder ist die Vorstellung ganz wichtig, gerade weil sie Waisenkinder sind, dass da jemand ist im fernen Europa, der sich um sie kümmert. Das gibt ihnen viel Halt und viel Kraft.

Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Welt. Sie fahren da selbst regelmäßig hin. Kennen Sie alle Kinder? In welcher Situation sind sie?

Ja, ich fahre drei-, viermal im Jahr hin, und ich kenne tatsächlich alle Kinder. Wir nehmen Kinder auf im Alter von zwei, drei, vier Jahren, und dann bleiben sie eben bei uns, bis sie mit der Ausbildung, Berufsausbildung, Schule fertig sind. Es sind ganz normale Kinder, die das Unglück erlebt haben, dass ihre Eltern früh gestorben sind - sei es an AIDS, an Malaria, an Atemwegserkrankungen oder anderen Krankheiten.

Äthiopische Kinder mit Betreuerin (Foto: Kinderprojekt Awassa, Britt Schilling)
Zuwendung, Sicherheit, Betreuung - ein neues Zuhause finden äthiopische Waisenkinder im Kinderzentrum Awassa Kinderprojekt Awassa, Britt Schilling

Wie ist es überhaupt vor 20 Jahren dazu gekommen, dass Freiburger genau da in Awassa helfen wollten?

Es gab eine Gruppe aus Freiburg, die nach Addis Abeba gefahren ist. Das wurde damals vom Jugendhilfswerk organisiert. Die Gruppe hat sich Straßenkinderprojekte in Addis Abeba angeschaut. Und eine Frau, eine Äthiopierin, die damals in Kirchzarten bei Freiburg gewohnt hat, die aus Awassa stammt, hat das mitgekriegt. Sie hat dann gesagt: Ihr müsst euch mal das Projekt von meiner Schwester anschauen, sie versorgt nämlich auch Straßenkinder in Awassa. Dann hat diese Gruppe gesagt: Okay, das machen wir. Wir gründen einen Förderverein, und wir helfen in Awassa. Es war ungefähr drei Jahre lang so, und dann hat diese Gruppe beschlossen, ein Waisenkinderheim aufzumachen. Das gibt es eben seit Ende 2002.

Gemeinsam essen im Kinderzentrum Awassa (Foto: Kinderprojekt Awassa, Britt Schilling)
Ein Dach über dem Kopf, ausreichend zu essen und eine verlässliche Beziehung bieten die Hausmütter, Sozialarbeiter und Pädagogen jeden Tag rund 100 Waisenkindern in Awassa Kinderprojekt Awassa, Britt Schilling

Wenn Sie jetzt zurückblicken, was war schwierig? Was hat sich unbedingt gelohnt? Was macht sie stolz?

Schwierig ist immer, die Finanzen zusammenzukriegen. Wir haben in Freiburg angefangen mit 3.000 Euro im Jahr. Jetzt sind es über 200.000 Euro pro Jahr, die wir da runterschicken müssen. Es gibt eine Inflation von über 30 Prozent in Äthiopien. Das ist immer schwierig.

"Wir sind einfach stolz darauf, wie sich diese Kinder entwickeln, wie viele an die Universität gekommen sind, aber auch, wie die Kinder untereinander miteinander umgehen. Da geht einem das Herz auf."

Alle Hörerinnen und Hörer sind natürlich ganz herzlich eingeladen, am Samstag ab 18 Uhr in der Wohnhalle in Freiburg zu unserem Fest zu kommen. Wir freuen uns natürlich auch über Spenden - und auch sehr, wenn Leute eine Patenschaft übernehmen.

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