Wenn Konflikte eskalieren

Region Stuttgart: Warum junge Menschen immer häufiger Messer dabei haben

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Die Messerstecherei in Stuttgart, bei der vor zehn Tagen ein 22-Jähriger getötet wurde, ist kein Einzelfall. Laut Polizei werden Messer immer öfter zur Tatwaffe. Warum ist das so?

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Am Wilhelm-Geiger-Platz in Stuttgart-Feuerbach erinnern Kerzen und ein Herz aus Blumen an den jungen Mann, der vor knapp zwei Wochen dort vermutlich im Streit erstochen wurde. Der Platz ist ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Sie sind schockiert. Ein örtlicher Friseur bestätigt dem SWR, dass viele junge Menschen ein Messer dabei hätten. "Es ist die traurige Wahrheit, dass alle Jungs heute mit dem Messer unterwegs sind, ja", sagt er.

Stuttgart: 17 Prozent mehr Messerdelikte

Die "traurige Wahrheit" lässt sich auch an der Kriminalstatistik ablesen. Im vergangenen Jahr gab es in Stuttgart laut Polizei 256 Fälle von Gewaltkriminalität auf Straßen oder öffentlichen Plätzen, bei denen ein Messer gezückt wurde. Das sind knapp 17 Prozent mehr als noch 2018. Swen Eckloff, der stellvertretende Leiter der Kripo Stuttgart, hat bei Kontrollen den Eindruck gewonnen, dass die Menschen generell mehr Waffen mit sich führen. Neben Schraubenziehern und Pfefferspray eben auch Messer.

Nicht immer enden die Messerstechereien tödlich. In Stuttgart machten in der letzten Zeit mehrere Fälle Schlagzeilen, die mit einem Messer in Verbindung stehen. Am 5. Mai etwa wurde in der Innenstadt ein 16-Jähriger mit lebensgefährlichen Stichverletzungen gefunden. Einen Monat später wurden zwei junge Männer bei einem Streit im Schlossgarten schwer mit Messern verletzt. Und auch in Ludwigsburg gab es mehrere Vorfälle. Dort wurde am 3. April zum Beispiel einem 14-Jährigen im Streit in den Rücken gestochen.

"Der eine bringt Kumpels mit, der andere bringt Kumpels mit und dann findet so eine Art Wettrüsten statt."

Auch Peter Widenhorn, der Sprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, berichtet dem SWR von einer Häufung von Straftaten, bei denen Messer zum Einsatz kamen. 2020 sei die Zahl um mehr als 16 Prozent gestiegen. Allerdings seien Messer meist als Drohmittel eingesetzt worden und weniger, um andere zu verletzen. Widenhorn weiß auch, wie es dazu kommt, dass die Messer gezückt werden. "Die verabreden sich, um eine Differenz zu klären", schildert der Polizeisprecher. "Der eine bringt Kumpels mit, der andere bringt Kumpels mit und dann findet so eine Art Wettrüsten statt."

"Kein Grund zur Sorge"

Erstmal keinen Grund zur Sorge sieht Daniela Kundt vom Jugendamt Stuttgart. Sie arbeitet mit jungen Straffälligen und begleitet sie. Kundt kann zwar bestätigen, dass es ein Wettrüsten unter Jugendlichen gibt, wenn es um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen geht. Aber im SWR sagt sie auch: "Das gab es schon immer bei Auseinandersetzungen, die geplant oder abgesprochen sind, dass man ein Messer hat." Und die Expertin für Jugendkriminalität beruhigt: "Die Gewaltkriminalität bei Jugendlichen sinkt seit 2010 stetig."

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"Ich kenne es von einigen Patienten, dass dieses Messer in der Tasche etwas sehr Beruhigendes hat."

Einige Jugendliche fühlen sich offenbar sicherer, wenn sie ein Messer in der Tasche haben. "Man versucht, sich dann zu bewaffnen, um einfach bei dieser Auseinandersetzung nicht im Nachteil zu sein", sagt Peter Widenhorn. Diese Unsicherheit kommt nach Ansicht des Tübinger Kinder- und Jugendpsychiaters Gottfried Maria Barth auch daher, dass viele Jugendliche kein stabiles Selbstwertgefühl hätten. Eine Verunsicherung, die durch die Pandemie noch einmal verstärkt worden sei. "Ich kenne es von einigen Patienten, dass dieses Messer in der Tasche was sehr Beruhigendes hat. 'Da fühle ich mich stark'", erklärt Barth. Und er sieht einen direkten Zusammenhang mit dem Unsicherheitsgefühl in der Pandemie.

Teufelskreis aus Angst und Bewaffnung

Durch die Bewaffnung entsteht nach Ansicht von Gottfried Maria Barth eine Art Teufelskreis aus Unsicherheit, Bewaffnung, Angst und noch mehr Bewaffnung - ähnlich der Situation mit Schusswaffen in den USA. "Was wir klar wissen: Wenn mehr Waffen im Umlauf sind, dann gibt es auch mehr Verletzungen und Todesfälle durch diese Waffen," sagt Barth. Auch der Ludwigsburger Polizeisprecher Peter Widenhorn warnt: "Das ist eine sehr trügerische Sicherheit. Weil wo ein Messer ist, ist oft auch ein zweites und ein Messer ist ein tödliches Werkzeug und zur Selbstverteidigung nicht geeignet." Das den Jugendlichen begreiflich zu machen, gelinge allerdings kaum.

Die Jugendlichen auf dem Wilhelm-Geiger-Platz in Stuttgart-Feuerbach wollen zwar zum Tod des Jugendlichen offiziell nichts sagen. Aber hinter vorgehaltener Hand erklären sie: "Hätte das Opfer auch ein Messer dabei gehabt, würde es vielleicht noch leben."

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SWR