Die Zeugenbegleitung des freien, gemeinnützigen Trägers Prävent Sozial in Stuttgart feiert ihr 20-jähriges Jubiläum - wegen Corona mit einem Jahr Verspätung. (Foto: Pressestelle, LKA Stuttgart / Tilmann Kübler)

Gegen Angst und Scham vor Gericht

20 Jahre Zeugenbegleitung: Hilfe für Zeugen und Opfer von Straftaten

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Seit rund zwei Jahrzehnten unterstützen im Großraum Stuttgart Zeugenbegleiter Menschen bei Gerichtsprozessen. Am Montag feierte das Zeugenbegleit-Programm sein 20-jähriges Jubiläum.

Eine Vorladung vor Gericht kann Zeuginnen und Zeugen von Straftaten stark belasten. Manche wissen nicht, was auf sie zukommt, andere befürchten, dass durch die Befragung und ihre Aussagen, das Erlebte wieder hochkommt. Es besteht die Gefahr, dass sie zum "zweiten Mal Opfer" werden.

"Es wird nur zu Boden geguckt. Vor lauter Angst und Scham wird nicht berichtet. Und das ist natürlich tragisch, weil daraufhin der Zeuge nicht richtig beurteilt werden kann."

Hauptamtliche und Ehrenamtliche klären die Menschen, die in Gerichtsprozessen aussagen müssen, zum Beispiel vor einer Verhandlung über Abläufe auf. Sie zeigen ihnen im Vorfeld den Gerichtssaal, aber auch die Bushaltestelle, die Toiletten und den Wartebereich vor dem Saal. Außerdem leisten sie emotionalen Beistand. Die baden-württembergische Justizministerin Marion Gentges (CDU) sprach in ihrem Grußwort zum Jubiläum davon, dass die Zeugenbegleitung nicht mehr wegzudenken sei und eine wichtige Stärkung der gesamten Justiz im Land darstelle.

Angefangen hatte es im Jahr 2000 mit einem Pilotprojekt. Speziell Kinder, die Opfer von sexueller Gewalt geworden waren, wurden von Ehrenamtlichen begleitet. Später wurde das Programm erweitert - auch hauptamtliche Stellen kamen dazu - auf andere, besonders unterstützungsbedürftige Personen. So war einer der großen Prozesse, die begleitet wurden, das Verfahren gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden (Rems-Murr-Kreis). Hier wurden Hinterbliebene von Getöteten im Gerichtsverfahren begleitet.

Rund 2.100 Personen wurden begleitet - nicht nur in Prozessen

Hinter der Zeugenbegleitung steht der der freie Träger Prävent Sozial. Seit dem Jahr 2000 engagierten sich mehr als 75 Ehrenamtliche in der Zeugenbegleitung. Insgesamt rund 2.100 Zeugen wurden begleitet. Einsatzgebiete sind neben dem Landgericht Stuttgart auch die Amtsgerichte Backnang, Böblingen, Esslingen, Kirchheim, Leonberg, Ludwigsburg, Nürtingen, Schorndorf, Stuttgart, Stuttgart-Bad Cannstatt und Waiblingen. Darüber hinaus werden Zeuginnen und Zeugen auch unter anderem bei Polizeibefragungen oder Gutachten begleitet.

Nicht nur für die Zeuginnen und Zeugen wie für die Opfer von Straftaten ist die Begleitung wichtig. Christoph Haiß, Vizepräsident des Landgerichts Stuttgart, verweist auch darauf, dass die professionelle Begleitung von Zeuginnen und Zeugen auch wichtig für einen reibungslosen Ablauf von Gerichtsverhandlungen sei.

Kein genereller Rechtsanspruch auf Begleitung vor Gericht

Seit 2017 haben Kinder und Jugendliche als Verletzte von schweren Gewalt- oder Sexualstraftaten sowie ihre Bezugspersonen einen Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung. Auch Erwachsene haben unter bestimmten Voraussetzungen einen Rechtsanspruch. Dazu zählen beispielsweise Verletzte schwerer Gewalt- oder Sexualdelikte, Menschen mit Handicap sowie Betroffene von Menschenhandel.

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