Flüchtlinge schauen auf ihre Smartphones, um mit Angehörigen und Freunden zu kommunizieren.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Sebastian Kahnert)

Kreis Esslingen will Kosten nicht tragen

Kein WLAN: Geflüchtete ohne Internet-Anbindung

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Werner Trefz
Werner Trefz (Foto: SWR, Alexander Kluge)

Als einziger Landkreis in der Region Stuttgart finanziert der Kreis Esslingen Geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften bislang kein frei zugängliches und flächendeckendes WLAN.

Fern der Heimat, fern von Familien und Freunden, gar Partnern und Kindern: Das ist das Schicksal jedes Geflüchteten - umso wichtiger ist der Kontakt in die Heimat. Doch telefonieren ist teuer. So ist für viele der Geflüchteten eine Online-Anbindung mit dem Smartphone elementar, um per Internet-Telefonie, Social Media und Chats in Kontakt zu bleiben. Und auch, um online an Sprachkursen oder sonstigem Fernunterricht teilzunehmen. Soweit, so unbestritten.

Ohne WLAN kaum stabiler Zugang zum Internet

Doch Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete liegen oft in Gewerbegebieten – wie in Köngen (Kreis Esslingen). Dort leben derzeit knapp 50 Männer aus Irak und Syrien, die zum Teil über die belarussisch-polnische Grenze nach Deutschland gekommen sind.

Flüchtlinge stehen vor der Gemeinschaftsunterkunft in Köngen. (Foto: SWR)
Die Gemeinschaftsunterkunft in Köngen (Kreis Esslingen) liegt nicht im Zentrum, sondern in einem Gewerbegebiet. Der Handyempfang ist - je nach Anbieter - nicht besonders gut, so Messungen von Freifunk.

Messungen der Freifunk Community Esslingen haben ergeben: Am Standort der Köngener Unterkunft können Smartphones bei manchen Telefonanbietern keine stabilen Datenverbindungen aufbauen. Deshalb sei WLAN für sie extrem wichtig, sagen die Geflüchteten.

"Wir wollen Internet, um unsere Familien anrufen zu können. Ohne Internet können wir die deutsche Sprache nicht lernen, können wir gar nichts lernen."

Ehrenamtliche fühlen sich ausgebremst

Die Freifunk Community Esslingen wäre bereit, in Köngen WLAN einzurichten. Viele Vereinsmitglieder kommen aus dem IT-Bereich und haben in der Region Stuttgart schon in einigen Gemeinschaftsunterkünften WLAN-Zugänge geschaffen. Die Hardware für Köngen wäre für unter 1.000 Euro zu bekommen, schätzt Thomas Rother von Freifunk. "Wir würden ja die Zeit investieren. Zwei Nachmittage, um ein bisschen zu basteln, das ist überhaupt keine Geschichte. Es scheitert schlicht und ergreifend am Unwillen der Bürokratie."

Thomas Rother (rechts) und Alexander Bourgett von der Freifunk Community Esslingen prüfen die Mobilfunk-Abdeckung vor der Gemeinschaftsunterkunft in Köngen (Kreis Esslingen). (Foto: SWR)
Thomas Rother (rechts) und Alexander Bourgett von der Freifunk Community Esslingen prüfen die Mobilfunk-Abdeckung vor der Gemeinschaftsunterkunft in Köngen.

Sein Mitstreiter Alexander Bourgett pflichtet ihm bei: "Uns fehlt wirklich nur der Zugang ins Internet über einen DSL-Anschluss." Der Anschluss würde etwa 50 Euro pro Monat kosten. Dass diese laufenden Kosten auch noch von Ehrenamtlichen übernommen werden sollen, weil der Landkreis nicht zahlen will, das sehen die beiden aber nicht ein. Der Verein hat deshalb nochmals an Entscheidungsträger im Kreis appelliert, hier etwas zu unternehmen.

Landkreis Esslingen verweist auf Lernzimmer mit Internet-Anschluss

Das Landratsamt Esslingen verweist darauf, dass das Land für die Internet-Kosten nicht aufkommt - bezahlen müsste das der Kreis aus der eigenen Kasse. Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften bekommen - wie auch Sozialhilfeempfänger - eine Grundleistung für Lebensmittel, Unterkunft, Heizung, Gesundheitspflege und andere Dinge, die man zum Leben braucht. Dazu kommen weitere Geld- oder Sachleistungen, bei denen auch ein Teilbetrag für Telefon und Internetnutzung vorgesehen ist. Ein zusätzlicher freier WLAN-Anschluss in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete wäre eine Bevorzugung etwa gegenüber Wohnsitzlosen, argumentiert der Landkreis.

Und man sei als Kreis durchaus tätig geworden.Zwar gebe es aus besagten Gründen kein frei zugängliches und flächendeckendes WLAN. Doch habe man im Zuge der Corona-Pandemie in den Unterkünften, in denen vorwiegend Familien untergebracht sind, so genannte Lernzimmer mit einem Internetanschluss für die Teilnahme am Online-Unterricht eingerichtet. "Leider sind diese Lernzimmer nicht in dem Maße in Anspruch genommen worden, wie es im Vorfeld erhofft wurde", erklärt das Landratsamt.

WLAN einer Gemeinschaftsunterkunft im Rems-Murr-Kreis.  (Foto: SWR)
Was sich viele Flüchtlinge im Kreis Esslingen wünschen, ist im Rems-Murr-Kreis bereits Realität: WLAN in einer Gemeinschaftsunterkunft.

Andere Kreise in der Region Stuttgart finanzieren WLAN-Anschlüsse

Die Landkreise Böblingen, Göppingen und Ludwigsburg, sowie der Rems-Murr-Kreis finanzieren allerdings teilweise schon jahrelang freies WLAN in ihren Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete, wenn das technisch möglich ist. Und das teilweise auch in Zusammenarbeit mit Freifunk.

60 Cent pro Monat und Person koste der WLAN-Anschluss den Rems-Murr-Kreis, sagt Landrat Richard Sigel. Das sei gut angelegtes Geld. WLAN und Internet seien die zentrale Schnittstelle gerade in Zeiten der Corona-Pandemie, denn da eröffneten sie Zugang zu Sprachkursen, Schulunterricht und dem Kontakt nach außen.

Richard Sigel, Landrat Rems-Murr-Kreis, steht vor einer Gemeinschaftsunterkunft. (Foto: SWR)
Richard Sigel, Landrat im Rems-Murr-Kreis, ist überzeugt: WLAN in Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge ist gut angelegtes Geld.

"Für uns ist es auch ein Stück weit ein Garant dafür, dass die Unterkünfte funktionieren, die Bewohner keine Probleme haben. Das macht es uns am Ende auch leichter, die Unterkünfte gut zu managen, gut zu betreuen."

Landkreistag wirbt beim Innenministerium um Kostenübernahme

In Stuttgart sind die Gemeinschaftsunterkünfte bislang unterschiedlich mit WLAN ausgestattet. Der Gemeinderat hat aber im Oktober einen flächendeckenden Ausbau beschlossen. Zunächst soll es für alle Gemeinschaftsunterkünfte eine WLAN-Grundversorgung geben. Später dann eine Erweiterung auf WLAN-Empfang in allen Zimmern.

Der baden-württembergische Landkreistag hat inzwischen beim Innenministerium erneut um eine Klärung einer möglichen Kostenübernahme durch das Land gebeten.

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