STAND

Eine Stuttgarter Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Lüften besser vor Infektionen schützt als Luftreinigungsgeräte. Dazu eine Einschätzung von SWR-Wissenschaftsredakteurin Anja Braun im Interview:

SWR-Moderatorin Verena Neuhausen: Es gibt ja viele Studien über Wirksamkeit von Luftfiltern, die zu anderen Ergebnissen kommen. Was steht denn da drin?

SWR-Wissenschaftsredakteurin Anja Braun: Die Studien kommen alle zu dem Fazit, das qualitativ hochwertige, mobile Luftreiniger gerade für die kalte Jahreszeit in Schulen sehr sinnvoll sind. Denn da geht ja kein Dauerlüften mehr. Und die sagen, dass das Lüftungskonzept mit drei-, viermal Stoßlüften pro Stunde nicht ausreicht. Da gibt es zum Beispiel eine Studie der Bundeswehr-Uni in München. Die sagt, dass Dauerlüften stark überschätzt wird. Man brauche tatsächlich Raumluftreiniger für die Schulen. Die müssten aber auch wirklich gut sein. Das müssten Geräte sein, die die Luft mindestens sechsmal pro Stunde durchfiltern.

Die brauchen einen Hepa-Filter der Klasse 14. Und die müssen auch geräuscharm arbeiten, damit es den Schulbetrieb nicht stört. Auch andere Studien - zum Beispiel eine aus Frankfurt - haben das untersucht, und zwar auch mit Schulkindern, die in der Klasse saßen, das hat die Stuttgarter Studie ja nicht untersucht. Und die sind alle zu dem Schluss gekommen: Das ist sehr wirksam.

SWR-Wissenschaftsredakteurin Anja Braun (Foto: SWR)
SWR-Wissenschaftsredakteurin Anja Braun

Also haben wir wie auch schon bei den Virologen zwei Wissenschaftler, drei Meinungen. Wir sind ja selber keine Aerosol-Forscher. Wem kann man denn da mehr trauen?

Braun: Das Problem liegt ein bisschen in der Vergleichbarkeit. Die haben natürlich alle unterschiedliche Klassenräume, unterschiedliche Luftfilter und so weiter untersucht. Aber ganz sicher ist, man weiß, dass mobile Luftreinigungsgeräte grundsätzlich wirksam sind und bis zu 90 Prozent der Aerosole aus der Luft filtern. Daran gibt es gar keinen Zweifel. Und das hat auch die Stuttgarter Studie nicht widerlegt. Wichtig ist außerdem: Mobile Luftfilter reduzieren den Lüftungsbedarf in den Klassenräumen auf ein normales Maß. Alle Studien sprechen davon, dass zusätzlich auch noch gelüftet werden muss. Schon allein, um CO2 auszutauschen, um die Feuchtigkeit abzutransportieren und auch um die Raumluft auszutauschen. Da gibt es gar keinen Streit darüber.

Wo sind sich die Wissenschaftler außerdem einig? Es wird ja viel über Masken in der Schule diskutiert.

Braun: Das wird eben dringend angeraten - gerade von Virologen auch, dass in den Schulen weiter Masken getragen werden sollen. Nach Möglichkeit soll auch weiter Abstand gehalten werden. Und sie raten auch dringend dazu, im Herbst PCR-Pooltests, also Spuck- und Gurgel-Tests durchzuführen, weil die Schnelltests nicht so aussagekräftig sind. Und das alles raten sie zusätzlich zum Einsatz von Luftfiltergeräten und zum Lüften. Damit wir die maximale Sicherheit für die Schulen haben, damit die auch wirklich aufbleiben können.

Nun vertritt diese Stuttgarter Studie ja eine abweichende Meinung. Sie ist eine Auftragsstudie der Stadt Stuttgart, die ja auch die Ausrüstung von Schulen finanzieren muss. Ist es vielleicht nur eine "Ausrede-Studie", damit man nicht in teure Filter investieren muss?

Braun: Ein bisschen kommt es einem schon so vor. Man muss sich klarmachen: Die Geräte kosten richtig viel Geld. Zwischen 3.000 und 4.000 Euro muss man für eines dieser mobilen Geräte ausgeben. Es gibt etwa 67.000 Klassenzimmer im Südwesten, und die Studie widerspricht dem ja auch nicht, dass die Luftfiltergeräte durchaus wirksam sind. Sie sagt nur: Wenn man viele Fenster in den Klassenzimmern hat, dann kann man auch mit denen lüften. Und das wäre dann behaglicher, als wenn man ein Luftfiltergerät einschaltet. Eigentlich sagen die anderen Wissenschaftler, dass man beides machen muss, um wirklich sicher zu sein. Und ich finde es auch merkwürdig, dass diese mobilen Luftfiltergeräte schon seit letztem Jahr in vielen Ministerien, unter anderem auch in Stuttgart im Staatsministerium eingesetzt werden und dort ja auch als äußerst wirksamer Schutz vor Coronaviren betrachtet werden. Da wird halt eigentlich mit zweierlei Maß gemessen. Und das ist eigentlich im Sinne der Schulkinder nicht so schön.

Hintergrund:

Stuttgart

Studie über Schutzmaßnahmen veröffentlicht Uni Stuttgart: Stoßlüften schützt besser vor Corona-Infektionen als Luftfilter

Die Stadt Stuttgart hat am Freitag eine Studie zu Ansteckungsgefahren in der Schule veröffentlicht. Ergebnis: Regelmäßiges Lüften hilft besser als Luftreinigungsgeräte.  mehr...

STAND
AUTOR/IN