Wasser muss nicht mehr abgekocht werden

Entwarnung in Sindelfingen und Magstadt: Trinkwasser nicht mehr verunreinigt

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Die Menschen in Sindelfingen-Maichingen und in Magstadt (Kreis Böblingen) müssen ihr Leitungswasser nicht mehr abkochen. Es ist nicht mehr verunreinigt. Sämtliche Proben seien ohne Befund, heißt es in einer Mitteilung.

Zuvor waren Verunreinigungen festgestellt worden. Warum die Ursachensuche häufig schwierig ist, erklärt Stadtwerke-Geschäftsführer Karl Peter Hoffmann im SWR-Interview.

SWR: Im Trinkwasser in den Bereichen von Sindelfingen-Maichingen und Magstadt sind Verunreinigungen festgestellt worden. Was macht die Ursachensuche so komplex? Sie nehmen ja vermutlich jeden Tag Wasserproben, oder?

Karl Peter Hoffmann: Ja, wir nehmen täglich an vielen Stellen unseres Wassernetzes entsprechende Proben nach Enterokokken. Das Problem ist zunächst: Eine Analyse dauert 48 Stunden, das heißt, sie haben natürlich nicht sofort ein Ergebnis, sondern müssen immer zwei Tage darauf warten. Der Befall ist ja auch nicht groß. Also bei Enterokokken gibt es praktisch keinen besonderen Grenzwert, der Grenzwert ist  null. Das heißt, wenn ich in einer 100-Milliliter-Probe eine Enterokokke entdecke, ist das ein Befall. Und es ist immer relativ schwierig, eine Ursache zu finden, weil es verschiedene Ursachen haben kann.

Wo könnte diese eine Enterokokke im Wasser denn herkommen?

Enterkokken sind Milchsäurebakterien, die zum Beispiel jeder Mensch auch in seiner Darmflora hat. Die finden Sie aber auch sogar bei gewissen Lebensmitteln. Die sind nicht besonders gefährlich für Menschen. Sie können natürlich Magen-Darm-Probleme verursachen. Aber das ist jetzt kein hochtoxischer Stoff. Enterokokken sind in der Regel ein Parameter, dass es irgendwo einen Eintrag ins Trinkwasser gegeben hat, den es nicht geben soll. Und den müssen sie suchen. Da könnten ja irgendwie auch gravierendere Dinge mit eingetragen worden sein. Im vorliegenden Fall ist es relativ klar, dass es nicht aus der Wasseraufbereitung kommen kann. Die beiden Behälter, die betroffen waren, werden von unserem Vorlieferanten beliefert, vom Bodensee. Und dass sich von der Aufbereitung des Bodensees bis hier hoch so etwas eingeträgt, kann man nach menschlichem Ermessen sicherlich ausschließen. Es wäre möglich, dass bei Arbeiten an Leitungen sowas eingetragen wird. Es wäre möglich, dass was am oder im Behälter passiert ist. Es könnten jetzt gerade im Herbst zum Beispiel irgendwo Insekten eingedrungen sein, nach denen man sucht: Wenn das eine nennenswerte Zahl ist, könnte das so ein Befund hervorrufen. Es könnte auch sein, dass durch irgendeinen Haarriss, den wir noch nicht gesehen haben, Regenwasser eingedrungen ist und hat zum Beispiel Reste wie Laub oder andere organische Stoffe, eingetragen wurden. Das könnte auch so einen Befund hervorrufen.

Sie sagen, schon bei einer einzigen Enterokokke im Wasser müssen sie diese Maßnahmen ergreifen. Dabei klingt Laub ja erst mal nicht gesundheitsgefährdend. Ärgern Sie solche strengen Vorgaben?

Die Trinkwasserverordnung lässt keinen Spielraum. Wenn eine Enterokokke gefunden wird, laufen dieses Maßnahmen in dieser Form einfach ab. Das ist so. Da muss man das Ganze vielleicht ein bisschen aus der Geschichte der Wasserversorgung sehen. Große Seuchen sind oft über Wasser übertragen worden: Typhus, Cholera und ähnliches. Und der Grund waren fäkale Einträge ins Trinkwasser. Und daher ist man auch heute noch sehr vorsichtig, wenn es irgendeinen Eintrag ins Trinkwasser gab, muss die Ursache gefunden werden. Wir vermuten, dass es er hier eine Ursache sein wird, die nicht besonders gravierend ist. Vielleicht finden wir sie auch gar nicht. Aber die Trinkwasserverordnung lässt dort ganz bewusst keinen Spielraum.

Viele sagen ja auch, das am besten geprüfte Lebensmittel in Deutschland ist das Leitungswasser. Würden Sie dennoch sagen, dass man das anders regulieren muss?

Nach meinen Informationen diskutiert man durchaus auf EU-Ebene, dass es dort etwas mehr Spielraum geben könnte, dass man dort in bestimmten Fällen auch mal anders entscheiden könnte. Aber das, glaube ich, das sollten dann entsprechende Ärzte und Virologen entscheiden.

Jetzt müssen viele Menschen in Sindelfingen und Magstadt trotzdem das Wasser fürs Essen und Trinken weiter abkochen. Wie machen Sie das denn selber jetzt Zuhause?

Ich bin nicht betroffen. Ich wohne in der Gemeinde Grafenau. Ich kann mir schon vorstellen, dass es anstrengend ist. Aber es geht ja wirklich nur um das reine Trinkwasser. Also sie können mit dem Wasser ja ganz normal kochen und alle anderen Dinge auch tun. Man muss vielleicht überlegen, wenn sie auf einem Volksfest aus einem schlecht gespülten Glas trinken, haben Sie sicherlich eine höhere Belastung. Das würde ich als gesunder Mensch nicht so eng sehen. Das jetzt aber wirklich nur meine ganz persönliche Meinung, nicht unbedingt medizinischer Rat.

Und was denken Sie, wie lange es noch dauern wird, bis die Ursache gefunden ist und alles wieder ganz normal ist?

Im Innenstadtbereich Goldberg wurde das Abkochgebot ja schon aufgehoben. Dort werden wir außerdem noch eine Schutzchlorung machen. Ich gehe davon aus, dass in den Bereichen Maichingen und Magstadt am Montagmittag Entwarnung gegeben werden kann. Und dann werden wir natürlich ganz konsequent auch die betroffenen Behälter intensiv untersuchen. Wir haben schon im ersten Behälter die erste Kammer abgelassen. Die werden wir jetzt gemeinsam mit dem Gesundheitsamt begehen. Wir werden die Belüftung mit Kameras befahren, ob es dort irgendwie Löcher gibt, wo vielleicht Insekten eindringen können. Bis wir alle Behälter entsprechend untersucht haben, kann das drei bis vier Wochen dauern. Klar ist so eine Maßnahme ist durchaus drastisch für die Bevölkerung. Aber sie können dann wirklich sicher sein, dass alles getan wird, dass keine Krankheitserreger über das Trinkwasser übertragen werden.

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