Eine Puppe mit dem Gesicht von Angela Merkel wird in Sträflingskleidung hochgehalten, während im Vordergrund ein Schild mit der Aufschrift "Pandemie der Lügen" zu sehen ist. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Schmidt (Archiv))

Rechte in der Region Stuttgart nutzen Pandemie

Waiblinger Journalist bekommt Todesdrohungen aus rechter Szene

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Alexander Roth kennt die rechte Szene. Der Journalist vom Zeitungsverlag Waiblingen berichtet im SWR-Interview, wie Menschen ihm drohen und sogar ins Gebäude seines Arbeitgebers gelangen wollten.

SWR: Herr Roth, wie hat sich die rechte Szene in der Region Stuttgart während der Corona-Pandemie verändert?

Alexander Roth: Ich weiß gar nicht, ob sie sich im Kern verändert hat. Sie hat aber auf jeden Fall einen Anlass gefunden, um Menschen zu mobilisieren und sich zu vernetzen. Dafür hat die Szene die Corona-Pandemie sehr gut genutzt. Ein Hauptpunkt, wo sich die Szene getroffen hat, waren gerade auch letztes Jahr die großen Demonstrationen in Stuttgart, beispielsweise auf dem Cannstatter Wasen.

Alexander Roth, Journalist beim Zeitungsverlag Waiblingen (Foto: Alexandra Palmizi)
Alexander Roth, Journalist beim Zeitungsverlag Waiblingen Alexandra Palmizi

Sie recherchieren viel in dem Bereich, beobachten die nun offensichtlich stärker vernetzte Szene und machen sich damit nicht unbedingt beliebt. Wie haben sich denn die Anfeindungen Ihnen gegenüber verändert?

Ich recherchiere seit April 2020 zum Thema. Es ging relativ früh los mit eher diffusen Drohungen wie "Der wird mal im Bergwerk arbeiten müssen, wenn hier alles vorbei ist". Da dachte ich noch, ich berichte hier über Leute, die nur die Maske ablehnen und vielleicht einfach wieder einkaufen wollen, ohne eine Maske tragen zu müssen.

Relativ schnell, so um die Jahreswende 2020/2021 herum, habe ich dann aber Todesdrohungen erhalten. Da sind Sätze gefallen wie "Die Szene braucht einen Einzeltäter, ohne Kugel in den Kopf wird nichts passieren". Seit diesem Zeitpunkt haben die Morddrohungen nicht mehr nachgelassen. Leute aus der Szene haben auch vor dem Verlag in Waiblingen Videos gedreht und versucht, unter einem Vorwand in das Gebäude zu gelangen. Und aktuell wird bei Veranstaltungen auch gegen mich mobilisiert, aus der Szene und der rechtsextremen Ecke heraus, bundesweit.

Wie gehen Sie denn persönlich mit diesen Anfeindungen um?

Zum einen versuche ich, ganz viel und auch offen darüber zu sprechen. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass es über die Öffentlichkeit zum einen manche Akteure einschüchtert und zum anderen die Solidarität groß ist. Man muss sich immer wieder bewusst machen: Wir haben es hier mit einer radikalen Minderheit zu tun. Die Mehrheit der Gesellschaft lehnt solche Methoden stattdessen ab. Zum anderen versuche ich natürlich, vorsichtiger zu sein. Ich habe meine Adresse beispielsweise im Melderegister sperren lassen. Außerdem versuche ich, im Privaten zurückhaltender mit Informationen umzugehen. Ich überlege darüber hinaus sehr genau, wann ich wo hingehe und bin da vorsichtig.

Wie sind denn Menschen, die wegen Corona irgendwie in die Szene reingerutscht sind, aus Ihrer Sicht noch zu erreichen?

Das ist sehr, sehr schwierig. Wir müssen uns vorstellen, dass viele dieser Leute da schon sehr lange dabei sind. Und das hat immer wieder zu Konflikten, auch mit ihrem privaten Umfeld geführt. In der Vergangenheit hätte ich wahrscheinlich gesagt, die Familie und die Leute, die diesen Menschen emotional nahe stehen, haben am ehesten noch eine Chance. Da ich jetzt aber vermehrt Berichte (über solche Menschen) lese und mir Angehörige sagen, sie wüssten nicht mehr weiter, ist das eine Frage, die ich auch nicht beantworten kann. Es gibt bereits Beratungsangebote, beispielsweise die Berliner Beratungsstelle Veritas, die Videokonferenzen und telefonische Beratung anbietet, und es werden sich sicherlich auch weitere Einrichtungen darauf spezialisieren. Aber ein Patentrezept gibt es nicht. Ich glaube, wenn man mit jemandem emotional verbunden ist, hat man eine gute Chance. Aber es ist sehr, sehr schwierig und wahrscheinlich auch ein langwieriger Prozess.

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