Ein Schwein steckt seine Nase durch Gitterstäbe im Stall. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sina Schuldt)

Nach Vorwürfen und Schließung

Umbau von Schlachthof Gärtringen wird vorbereitet: "Wohlbefinden der Tiere steht ganz oben"

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Der Schlachthof in Gärtringen (Landkreis Böblingen) war wegen Tierquälerei vor fast einem Jahr geschlossen worden. Nun soll er mit neuem Konzept zu einem Vorzeigeschlachthof werden.

Verlassen und abgeschlossen ist das weiße, 20 Jahre alte Gebäude des Schlachthofes an der A81 bei Gärtringen (Kreis Böblingen). Hier soll nun nach Umbau und der Sanierung ein Vorzeige-Schlachthof entstehen. "Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit einfach lernen. Regionalität ist wichtig aber Tierwohl genauso", sagt Kurt Matthes, Sprecher der Schlachthof-Genossenschaft. "Das sind sind wir den Verbrauchern schuldig, aber das Wohlbefinden der Tiere muss oberstes Gesetz bleiben." Künftig sollen rund 1.200 Tiere pro Woche nach neuestem Standard geschlachtet werden: 1.000 Schweine, 100 Rinder und 100 Lämmer.

Ein älterer Mann seht mit rotem Polohemd in einem Park. Neben ihm ist ein großer Baumstamm zu sehen. (Foto: SWR, Nicole Freyler)
Kurt Matthes war früher Metzger und ist der Sprecher der Gärtringer Schlachthofgenossenschaft. Er sagt: "Lange Wege sind für Tiere und Mensch nicht förderlich". Nicole Freyler

Die Vision: Kein Stress für Tiere im Gärtringer Schlachthof

"Die Rampe wird überdacht werden, der ganze Stallbereich soll neu gestaltet werden, auch Metall wird entfernt, damit der Lärm verringert wird. Wir wollen alles tun, damit die Tiere nicht schon gestresst in die Betäubungsanlage reinlaufen", betont der frühere Metzger Matthes, der auch Landesinnungsmeister der Fleischerinnung Baden-Württemberg war. Im Herbst war er dann zum Sprecher der Projektgruppe gewählt worden. Zum neuen Konzept gehört auch, weil die Rinder zum Beispiel lieber einen Bogen laufen als geradeaus, dass sie diesen Weg auch im Schlachthof zur Betäubungsanlage nehmen sollen.

So berichtete der SWR im August 2020 über den Skandal im Gärtringer Schlachthof:

Auch Weideschlachtungen sollen ermöglicht werden

Ein Schwein auf der Weide. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Melanie Duchene)
Bei Weideschlachtungen müssen die Tiere nicht erst zum Schlachthaus transportiert werden, sondern sterben im gewohnten Umfeld. picture alliance/dpa | Melanie Duchene

Auch eine Klimaanlage und Videoüberwachung sind vorgesehen. Außerdem soll der Schlachthof durch die Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau zertifiziert werden. Sogar sogenannte Weideschlachtungen sollen ermöglicht werden, bei denen würden die Tiere dann auf dem Hof direkt getötet und nur für die Weiterverarbeitung nach Gärtringen gebracht werden. Der frühere Metzger Matthes sagt, der neue Schlachthof sei für ihn eine Herzensangelegenheit und die Situation für die Landwirtet sei derzeit untragbar. "Jetzt ist die Situation die, dass die Bauern teilweise 200 Kilometer fahren müssen. Zum Beispiel nach Crailsheim oder Bühl zum nächsten Schlachthof".

Rund 6,6 Millionen Euro soll der Umbau nach Angaben des neuen Schlachthof-Vorstandes kosten. Und dort hofft man jetzt auf Geld aus dem entsprechenden Fördertopf des Landes. Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) fordert jetzt Tempo: "Man wird maximal 40 Prozent fördern können". Er sei jetzt gespannt, wie die endgültige Konzeption aussehe. "Doch jetzt müsse erstmal die Schlachthof-Betreibergesellschaft in die Puschen kommen und das Konzept vorlegen", so Hauck.

Minister Hauk: "Schlachthof muss jetzt in die Puschen kommen"

Der Rest, und mit über vier Millionen Euro der größte Teil, soll über ein Darlehen des Landkreises Böblingen finanziert werden. Eine Investition in die Zukunft der Landwirtschaft und Regionalität, die sich lohne, sagte Benjamin Lutsch, der Sprecher des Landratsamtes. Die Landwirte würden hochwertige Tiere produzieren. Doch auch der nahe gelegene Rottenburger Schlachthof plant beispielsweise einen Neubau und möchte Geld vom Land. Aber vieles spreche für Gärtringen, meint Lutsch: "Gärtringen hat eine perfekte Lage an der A81, außerdem ist die Bausubstanz gut".

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Wiedereröffnung frühestens im Herbst 2022

Am kommenden Montag will der Kreistag des Landkreises Böblingen über eine Machbarkeitsstudie entscheiden. Die Schlachthof-Betreiber wollen dann die Pläne ausarbeiten und den Umbau vorantreiben. Frühestens im Herbst 2022 sollen dann wieder Tiere im Schlachthof Gärtringen geschlachtet werden.

Justiz ermittelt zu Verstößen gegen das Tierschutzgesetz

Derweil führt die Staatsanwaltschaft immer noch ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz durch. Daneben liegen ihr unterschiedliche Strafanzeigen gegen konkret benannte Personen vor, zu deren Identität die Staatsanwaltschaft jedoch keine Auskunft erteilt und gegen die bislang kein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, so eine Sprecherin der Behörde.

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