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"Wir bestimmen selbst, ob sich die Lage verschlimmert oder verbessert", sagte der Virologe Christian Drosten in seiner Rede zum Geburtstag Friedrich Schillers. Gerade Wissenschaftler müssten deshalb verlässlich kommunizieren.

Individuelle Freiheit und die Verantwortung für die Gemeinschaft lassen sich nach Ansicht des Berliner Virologen Christian Drosten in der Corona-Pandemie nicht voneinander trennen. "Je unbedachter und egoistischer ich handle, desto eher muss der Staat meine Freiheit beschränken, um das Gemeinwesen wie auch das Wohlergehen der anderen Menschen wirksam zu schützen", sagte Drosten vor dem Deutschen Literaturarchiv Marbach (Kreis Ludwigsburg). Der Virologe hielt per Videoübertragung die diesjährige Festrede zum Geburtstag des Dichters Friedrich Schiller.

Drosten: Forscher müssen Unsinn auch beim Namen nennen

In seiner Rede fragte Drosten, ob es angesichts der Infektionswelle einen "pandemischen Imperativ" brauche: "Handle in einer Pandemie stets so, als seist du selbst positiv getestet, und dein Gegenüber gehöre einer Risikogruppe an." Menschen seien lineare Entwicklungen gewohnt und deshalb teilweise überfordert, wenn Fallzahlen explosionsartig anstiegen.

Die Pandemie sei kein unabwendbares Schicksal: "Wir selbst bestimmen durch unser Verhalten, ob sich die Lage verschlimmert oder verbessert." Dafür brauche es verlässliche, wissenschaftsbasierte Informationen. In diesem Zusammenhang verteidigte Drosten auch den Wert unabhängiger Wissenschaft gegen teils harsche Kritik in sozialen Medien. In der Corona-Pandemie sei es "meine Aufgabe, die Methoden meines Fachgebietes zu erklären, die Grenzen wissenschaftlicher Studien aufzuzeigen, einzuordnen, was Fakt und was Fiktion ist", erklärte er. Forscher müssten ein realistisches Bild zeichnen und nicht das gewünschte. Daher fühle er sich auch verpflichtet, "korrigierend einzugreifen und ausgemachten Unsinn auch einmal beim Namen zu nennen".

Doch wenn man als Wissenschaftler so agiere, sei man heute sofort mittendrin im breiten öffentlichen Meinungskampf um die Corona-Pandemie. "Und das ist für jemanden, dem es um Fakten und gesicherte Erkenntnis geht, eine - sagen wir mal - interessante und lehrreiche Erfahrung", so der Virologe. Wissenschaftliche Beiträge würden nicht mehr sachlich und kühl diskutiert, sondern seien Teil einer ungemein hart geführten Debatte. "Das Ganze findet rund um die Uhr bei hohen Temperaturen im Schleuderwaschgang der sozialen Medien statt."

Virologe ist überzeugt: "Schiller würde Maske tragen"

Drosten räumte ein, dass wissenschaftliches Arbeiten für politische Entscheider eine regelrechte Zumutung sei. Während Politiker möglichst langfristige Rahmenbedingungen schaffen wollten, müssten Wissenschaftler bei ihrem Erkenntnisgewinn auch Irrungen und Rückschläge in Kauf nehmen. "Dass politische Entscheider die Maßnahmen aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse immer wieder nachbessern oder korrigieren mussten - denken Sie nur an den Mund-Nasen-Schutz -, fand nicht überall ein positives Echo", sagte er.

Als Virologe und Wissenschaftler sei er kein Politiker und habe wie Schiller "keinem Fürsten zu dienen", betonte Drosten. Gerade Wissenschaftler seien in der Pandemie aber verpflichtet, die gesamte Gesellschaft mitzunehmen und verantwortlich zu kommunizieren. Mit Friedrich Schiller verbinde ihn, dass auch dieser Medizin studiert habe, sagte Drosten. Sie hätten dann beide die praktizierende Medizin hinter sich gelassen. "Ihn zog es in die Literatur, mich in die medizinische Forschung", erläuterte der Virologe. Doch sei er sich recht sicher: "Auch Friedrich Schiller würde Maske tragen."

Drosten in illustrer Gesellschaft

Kommunikation und Medizin - beides waren Steckenpferde von Friedrich Schiller, der nach seinem Medizinstudium noch eine Weile als Militär-Arzt in der württembergischen Armee arbeitete, bevor sich der gebürtige Marbacher vollends der Lyrik und dem Drama zuwandte. Medizin und Kommunikation sind auch die Steckenpferde des Virologen Christian Drosten. Da scheint es fast naheliegend, dass der mehrfach für beides ausgezeichnete Leiter der Virologie der Berliner Charité in Zeiten der Corona-Pandemie die Schillerrede des Marbacher Literatur-Archivs hielt. Mit der Schillerrede erinnern die Marbacher an den Geburtstag des berühmten Dichters am 10. November 1759.

Auf seiner Webseite begründet das Literatur-Archiv Drostens Nominierung mit dessen herausragender Arbeit im Zuge der Corona-Pandemie. Sein Team an der Berliner Charité war nicht nur an der Entwicklung des weltweit ersten PCR-Tests für SARS-CoV-2 beteiligt. Er hat seine Forschungsergebnisse auch stets der Fachwelt und - vor allem über den ebenfalls ausgezeichneten NDR-Podcast "Coronavirus-Update" - einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Bisher hatten unter anderem der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir (Grüne), der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau und Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk eine Schillerrede gehalten.

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