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Die meisten großen Fußballvereine in Baden-Württemberg bieten auch Frauen- und Mädchenmannschaften an. Beim VfB Stuttgart ist Fußball weiterhin Männersache. Zwei Mädchen wollen das ändern - mit einer Petition.

Frauen und Mädchen, die im Verein Fußball spielen: Der Karlsruher SC hat sie, der SC Freiburg ebenso, auch bei der TSG Hoffenheim gehören Frauen- und Mädchenmannschaften zum festen Stamm. Was früher ungewöhnlich war, bisweilen belächelt wurde, ist heute völlig normal geworden. Bei den Profimannschaften in Baden-Württemberg ist die Nachwuchsförderung für Mädchen weitgehend etabliert - selbst im afrikanischen Gambia wird gekickt.

Frauenfußball in Stuttgart ohne VfB

In Stuttgart sind nach Angaben der Stadt elf Vereine mit 15 Frauen-Mannschaften und 12 Vereine mit insgesamt 39 Mädchen-Mannschaften registriert. Nur der Hauptstadtverein, der VfB Stuttgart hebt sich hier ab, Frauen- oder Mädchenfußball sucht man hier vergebens.

Das gibt man beim VfB auch offen zu und will es mittlerweile ändern: Im Dezember wurde bekannt, dass eine Projektgruppe gerade Perspektiven erarbeitet. Man gab sich durchaus selbstkritisch, wie es von VfB-Präsident Claus Vogt hieß: "Wir werden potenzielle Kooperationspartner im Großraum Stuttgart und den angrenzenden Regionen anschreiben und interessierte Vereine zu einem Gespräch einladen, in dem wir ergebnisoffen über gemeinsame Ziele und mögliche Perspektiven sprechen wollen. Wir freuen uns über einen regen und offenen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen der Vereine, die uns in Sachen Mädchen- und Frauenfußball einige Schritte voraus sind." Auf eine aktuelle Anfrage des SWR will sich der Verein allerdings nicht mehr öffentlich äußern und verweist auf die Pressemitteilung.

Claus Vogt ist seit Dezember 2019 Präsident des VfB Stuttgart. Er gab beim Weindorf-Treff die Losung für die nächsten Jahre aus: In der ersten Fussball-Bundesliga bleiben und jedes Jahr einen besseren Platz in der Tabelle belegen als im Jahr zuvor. (Foto: Lichtgut/Leif Piechowski)
Claus Vogt ist seit Dezember 2019 Präsident des VfB Stuttgart. Er gibt zu, dass andere Vereine dem VfB in Sachen Mädchen- und Frauenfußball voraus sind. (Archivbild) Lichtgut/Leif Piechowski

Zwei Mädchen wollen für den VfB kicken

Etwas anstoßen wollen Marie Lesch und Martha Beckmann. Die zwei elfjährigen Mädchen spielen beim Stuttgarter Verein SG West. Dass sich der VfB Stuttgart bislang nicht entschlossen hat, auch bei Mädchen auf Nachwuchssuche zu gehen, fanden sie schade. "Wir haben zuerst einen Brief an den Vorstand geschrieben", erzählt Marie. Da dies aber nicht so den Effekt auf die Öffentlichkeit hat, entschlossen sie sich zusätzlich eine Petition ins Leben zu rufen. Die fordert selbstbewusst "Frauenfußball beim VfB - jetzt wird es Zeit!!!" und hat derzeit schon 1.302 Unterstützer gefunden. 5.000 sollen es werden, dafür trommeln die beiden fleißig im Freundes- und Bekanntenkreis und online. Sie wussten zwar, dass der VfB das Thema schon auf der Agenda hat, aber etwas Rückenwind für die Unterstützer innerhalb des Vereins kann nicht schaden. "Ihr seid damit auf dem richtigen Weg, wollen wir ihnen damit sagen", so Marie.

Junge Fußballerin Marie (Foto: Thomas Beckmann)
Marie spielt derzeit für die SG West. Thomas Beckmann

"Die Frauenbundesliga-Teams haben in anderen Regionen eine große Vorbildfunktion für alle Mädchen und Frauen und fördern so den Nachwuchs", heißt es im Erläuterungstext weiter. Eine Aussage, die sich auch in der Praxis bestätigen lässt. Zwar sei die Anzahl der Frauenfußballmannschaften im württembergischen Spielbetrieb zuletzt wieder leicht rückläufig, sagt Heiner Baumeister vom Württembergischen Fußballverband. Aber: "Wir stellen eine Konzentration in regionalen Mädchen- und Frauenfußball-Hochburgen fest, die im Juniorinnen-Bereich Spitzenfußball bieten." Erfolgreiche Spitzenfußballerinnen locken somit auch Nachwuchsfußball an.

Scheitert es am Platz?

Aber woran scheitert es beim VfB bislang? Eine Rolle könnten mangelnde Platzkapazitäten spielen, vermutet Baumeister. "Durch intensive Ausbaumaßnahmen im Trainingszentrum wird möglicherweise hier der Spielraum erweitert", sagt Baumeister. Auch das will der Verein nicht kommentieren. Der Verein durchlebt derzeit eine schwierige Phase, ist von Führungskämpfen geprägt.

Mangelnde Kapazitäten auf dem Rasen spielten zum Beispiel schon beim Regionalligisten SSV Ulm 1846 eine Rolle. Dort ging man im vergangenen Jahr sogar einen Schritt zurück und nahm die vier Damenmannschaften vom Platz, um dem Herrenfußball intensivere Trainingsmöglichkeiten zu ermöglichen. Ziel: der Aufstieg in die höhere Liga. Die Betroffenen erfuhren ihre Abmeldung vom Spielbetrieb eher zufällig.

Realistischer Start frühestens 2022/23

Wann eine Damen- und Mädchenmannschaft an den Start gehen könnte, bleibt derzeit unklar. Fußballverbandssprecher Baumeister sieht einen Start in die kommende Saison 2021/22 als "ambitioniert, aber nicht unmöglich" an. Mehr Hoffnung könnte man sich für das Jahr darauf machen: "Absolut realistisch und mit ausreichend Vorbereitungszeit versehen wäre ein Start in der Spielzeit 2022/23."

Junge Fußballerin Martha (Foto: Thomas Beckmann)
Eine VfB-Mädchenmannschaft wäre für Martha ein Traum-Treffer. Thomas Beckmann

Ein Hoffnungsschimmer für Marie und Martha also. Die beiden wollen sich auch weiterhin ins Zeug legen, damit ihr Traum vielleicht wahr wird und auch sie für eine VfB-Mannschaft spielen können.

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