Vor 37 Jahren soll ein Soldat der US-Armee am Stadtrand von Göppingen eine 29-jährige Frau lebensgefährlich verletzt abgelegt haben. Zuvor soll er sie vergewaltigt und schwer misshandelt haben. (Symbolbild) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Bodo Schackow)

Ehemaliger US-Soldat in U-Haft

Weitere Einzelheiten zum "Cold Case" von Göppingen bekannt

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Ein ehemaliger Soldat der US-Armee soll vor 37 Jahren eine Frau in Göppingen vergewaltigt und schwer misshandelt haben. Der Amerikaner sitzt mittlerweile in deutscher U-Haft, schweigt aber zu den Vorwürfen.

Der 64-Jährige macht bisher von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Ihm wird versuchter Mord an der Frau vorgeworfen. Das hat die Staatsanwaltschaft Ulm am Freitag dem SWR auf Anfrage bestätigt.

Im Oktober 1985 soll der Tatverdächtige die damals 29-Jährige auf dem Nachhauseweg von einem Nähkurs in der Nähe des Göppinger Hallenbades mit einem Messer bedroht, vergewaltigt und dann mit einem harten Gegenstand mehrfach heftig auf den Kopf geschlagen haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Ex-Soldat die Frau töten wollte, um die Vergewaltigung zu vertuschen.

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Opfer wurde vor 37 Jahren lebensgefährlich verletzt

Der Mann transportierte die schwer verletzte Frau nach Angaben der Staatsanwaltschaft anschließend einige Kilometer weiter zu einem Wäldchen am Stadtrand von Göppingen. Dort soll er sie in einen Straßengraben geworfen und mit Ästen und Laub bedeckt haben. Laut Zeitungsberichten von damals überlebte sie nur knapp.

Als sie gefunden wurde, wies die Frau unter anderem Rippenbrüche, ein gerissenes Trommelfell, eine Kopfwunde und Schürfungen am gesamten Körper auf. Ihren Schilderungen zufolge soll es sich bei dem Täter um einen schwarzen US-Amerikaner gehandelt haben. Ermittlungen der Kriminalpolizei Göppingen und der US-Militärpolizei konnten aber letztlich keinen Täter sicher überführen.

In einem Wald bei Göppingen wurde eine vergewaltigte und schwerverletzte Frau vor 37 Jahren gefunden. (Foto: SWR)
In diesem Waldstück am Ortsrand von Göppingen wurde die damals 29-Jährige gefunden. Der Täter hatte sie zuvor vergewaltigt und schwer verletzt, heißt es bei der Staatsanwaltschaft Ulm.

Aufklärung durch neue DNA-Analysen möglich

Der jetzt Ausgelieferte war in den 1980er Jahren in Göppingen bei der US-Armee stationiert und gehörte kurz nach der Tat schon zu den Verdächtigen. Das Opfer konnte den Mann aber nicht eindeutig identifizieren. Die deutschen Ermittler baten die USA um Amtshilfe und im Sommer 2013 zeigte ein DNA-Musterabgleich mit dortigen DNA-Dateien einen Treffer.

Die Ulmer Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren gegen den heute 64-Jährigen ein. Eine gerichtsverwertbare Identifizierung erfolgte aber erst im Sommer 2019 durch das Kriminaltechnische Institut beim LKA Baden-Württemberg. Im Mai 2020 wurde die Auslieferung des Ex-Soldaten beantragt. Im Februar 2022 wurde der Beschuldigte schließlich in Missisippi verhaftet und Ende April ausgeliefert.

Was ist im Oktober 1985 in Göppingen genau geschehen? Die Auslieferung eines ehemaligen Soldaten aus den USA könnte jetzt Licht in einen bislang nicht aufgeklärten, versuchten Mordfall bringen. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/SDMG | Woelfl)
Was ist im Oktober 1985 in Göppingen genau geschehen? Die Auslieferung eines ehemaligen Soldaten aus den USA könnte jetzt Licht in einen bislang nicht aufgeklärten, versuchten Mordfall bringen. picture alliance/dpa/SDMG | Woelfl

Tatverdächtiger mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestraft

Der mutmaßliche Täter ist nach SWR-Recherchen in den USA wegen Gewaltdelikten mehrfach vorbestraft. Auslieferungen aus den USA sind einem Sprecher des baden-württembergischen Justizministeriums zufolge sehr selten. Nach Angaben der Ulmer Staatsanwaltschaft hat der Mittsechziger der Auslieferung nicht widersprochen, möglicherweise um einer härteren Strafe in den USA zu entgehen.

Moderne Auswertungen von DNA-Spuren brachten Ermittler auch in einem anderen Fall auf die Spur des Täters. So kam die Polizei auf die Spur eines Mannes, der für einen Mord vor mehr als 25 Jahren in Sindelfingen verantwortlich ist und inzwischen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden ist.

Michael Bischofberger, Staatsanwalt in Ulm, In Göppingen steht ein Cold Case möglicherweise vor der Aufklärung. (Foto: SWR)
Michael Bischofberger, Staatsanwalt in Ulm: "Mord, auch der versuchte Mord, verjährt nicht, während die anderen Straftatbestände nicht mehr verfolgt werden dürfen, also beispielsweise die Vergewaltigung und auch ein versuchter Totschlag dürfte nicht mehr verfolgt werden."

Ist der Ex-Soldat auch für einen Frauenmord in Deggingen verantwortlich?

Die Polizei ermittelt derzeit, ob der ehemalige US-Soldat auch für weitere schwere Straftaten im Kreis Göppingen verantwortlich ist. Dies sei in solchen Fällen Routine, erklärte die Staatsanwaltschaft. Bis heute ungeklärt ist der Mord an einer 31 Jahre alten Frau, deren Leiche wenige Monate zuvor in einem Wald bei Deggingen, unweit von Göppingen, gefunden wurde.

Dieser Mord ist einer der wenigen ungeklärten Tötungsdelikte der letzten Jahrzehnte in Göppingen und schockierte die Menschen in der Region nachhaltig. Auch hier wurde ein Sexualdelikt vermutet. Als die unbekleidete, gefesselte Leiche von Spaziergängern gefunden wurde, war die Tat offenbar schon einige Wochen zuvor begangen worden.

"Es war eine gewisse Unruhe in der Bevölkerung, weil zuvor einige versuchte oder vollendete Vergewaltigungen in der Stadt stattgefunden haben."

Trotz Sonderkommission blieben Ermittlungen damals erfolglos

Einer Sonderkommission der Göppinger Kriminalpolizei gelang es dennoch, die Frau zu identifizieren. Laut den damaligen Berichten war sie Küchenhilfe und offenbar seit kurzem wohnungslos gewesen. Dann gerieten die Ermittlungen ins Stocken. Weitere Artikel zu dem Fall erschienen nicht mehr.

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