Akten aus Stuttgart dokumentieren, wie tausende jüdische Menschen in Baden-Württemberg ihre Wertgegenstände dem damaligen NS-Staat übergeben mussten.  (Foto: Pressestelle, Foto: LBBW / Franziska Kraufmann)

Forscherin: "Der Fund betrifft ganz Württemberg"

Silber und Schmuck: Unterlagen dokumentieren Zwangsabgaben jüdischer Menschen in BW

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Für Experten einmalig: Komplette Akten zeigen, wie baden-württembergische Juden in der NS-Zeit Wertvolles abgeben mussten. Eine zentrale Rolle spielt das Stuttgarter Pfandleihhaus.

In den Unterlagen, die im Stuttgarter Pfandleihhaus aufgetaucht sind, sind Angaben zu mehreren tausend jüdischen Menschen aufgelistet. In der NS-Zeit erfassten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stuttgarter Pfandleihanstalt ihren Wohnort sowie die abgegebenen Gegenstände. Darunter befanden sich nach Angaben von Experten beispielsweise Silbergeschirr, Schmuck, Uhren bis hin zu Manschetten- oder Hemdknöpfen.

Akten aus Stuttgart dokumentieren, wie tausende jüdische Menschen in Baden-Württemberg ihre Wertgegenstände dem damaligen NS-Staat übergeben mussten.  (Foto: Pressestelle, Foto: LBBW / Franziska Kraufmann)
In den Akten wurde festgehalten, welche Wertgegenstände beispielsweise Ernst Israel Engländer aus Stuttgart im Pfandleihhaus übergab. Pressestelle Foto: LBBW / Franziska Kraufmann

"Silberabgabe": Noch heute sichtbar, wer damals was abgegeben hat

Hintergrund ist, dass jüdische Menschen ab 1939 per Gesetz dazu gezwungen wurden, diese an staatliche Stellen auszuhändigen. Diese sogenannte "Silberabgabe" wurde über die städtischen Pfandleihen abgewickelt - denn das Personal der örtlichen Ämter habe sich fachlich einfach nicht genug mit Wertgegenständen ausgekannt, sagt Britta Leise, die Direktorin des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg, dem SWR.

Britta Leise, Direktorin des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg. Akten aus Stuttgart dokumentieren, wie tausende jüdische Menschen in Baden-Württemberg ihre Wertgegenstände dem damaligen NS-Staat übergeben mussten.  (Foto: Pressestelle, Foto: LBBW / Franziska Kraufmann)
Britta Leise, Direktorin des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg. Pressestelle Foto: LBBW / Franziska Kraufmann



"Den jüdischen Mitbürgern wurde mit dem Silber auch ein Teil ihrer Familiengeschichte genommen. Und natürlich, wenn es sich um zum Beispiel um siebenarmige Leuchter handelte, auch ein Teil ihrer religiösen Identität.“

Alles besonders Wertvolle kam nach Berlin

Bis zu einem Wert von 300 Reichsmark durften die Wertsachen demnach in Stuttgart weiterverwertet werden, indem diese beispielsweise versteigert oder ihr Material in Scheideanstalten verwertet wurde. Alle wertvollere Dinge seien dagegen nach Berlin geschickt worden - eingeteilt in Schmelz, Silber, Gebrauchssilber und Kunstgegenstände.

Juden bekamen nur zwei Wochen Zeit

Die Dokumente wurden in Räumen der Pfandleihe in der Stuttgarter Gerberstraße entdeckt. In der Stadt befand sich den Angaben zufolge die größte Pfandleihanstalt. Dorthin mussten auch jüdische Mitbürger aus der Umgebung fahren, um dort ihre Dinge abzugeben. Weil sie dafür vom NS-Staat nur 14 Tage Zeit bekommen hätten, hätten sich die Betroffenen vor der Stuttgarter Pfandleihanstalt drängeln müssen, berichtet die Forscherin.

SWR-Reporterin Silke Arning über den Fund in Stuttgart

"Der Fund betrifft ganz Württemberg."

"Dieser Bestand ist deshalb so wichtig, weil er absolut komplett ist. Man findet natürlich Überlieferungen der Pfandleihanstalten, auch in anderen Archiven. Aber uns ist nach unseren Recherchen kein Bestand bekannt, der derart komplett ist wie der in Stuttgart", erklärt Forscherin Leise.

Akten aus Stuttgart dokumentieren, wie tausende jüdische Menschen in Baden-Württemberg ihre Wertgegenstände dem damaligen NS-Staat übergeben mussten.  (Foto: Pressestelle, Foto: LBBW / Franziska Kraufmann)
Fünf Meter Akten, 70 Ordner und rund 3.000 Namen umfasst die vollständig erhaltende Dokumentation. Pressestelle Foto: LBBW / Franziska Kraufmann

Dieser Aktenbestand der Städtischen Pfandleihe wird am Donnerstag zur weiteren wissenschaftlichen Auswertung an das Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg übergeben. In Zukunft sollen die Stuttgarter Akten weiter erforscht werden.

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