Am Schorndorfer Lindenweg hat die Stadt Schorndorf fünf Flächen für Tiny-Häuser bereitgestellt.  (Foto: SWR)

Minimalistisch Wohnen

In Schorndorf entstehen erstmals Tiny Houses auf städtischen Grünflächen

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Nach zwei Jahren Planung stehen in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) die ersten zwei von fünf Tiny Houses. Es sind landesweit die ersten Gebäude dieser Art auf kommunalem Grund.

Die Klingel ist noch defekt - wenn man sie anschalten würde, liefe dauerhaft Weihnachtsgedudel. Also muss man an der Türe von Joey Kelch noch klopfen. Die Schuhe bleiben draußen auf der Euro-Palette stehen, sockig geht es rein ins kleine Reich der 21-jährigen Psychologie-Studentin: Ins erste bereits bezogene "Tiny House" - oder neudeutsch "Tiny-Haus" am Schorndorfer Lindenweg. Dielenboden, weiß verblendete Schränke, hohe Decke: Es ist licht und aufgeräumt und tatsächlich auch irgendwie geräumig auf den 25 Quadratmetern.  

Wohnen auf kleinem Raum am Bach und unter Bäumen

Also: Platz nehmen auf dem Sofa, Füße ausstrecken - und ein wenig plauschen. "Was ich einfach super finde ist, dass alles hier so funktional ist", erklärt Joey Kelch. Viel Inventar und sonstiges Zeug hat sie nicht, dafür ist auch nicht der Platz - aber es reicht. In der Küche gibt's sogar noch ungenutzten Stauraum. Und wenn sie Dinge nicht braucht, dann mistet sie eben wieder aus.

Wohnen auf minimalistische Art

Das Haus hat alles, was man braucht: eine erstaunlich große Küche, eine Wohnecke samt Tisch für vier Personen, ein Badezimmer mit Dusche und einem Waschmaschinen-Trockner-Kombigerät, viele Schränke und im Obergeschoss ein Bett. Dort kann man zwar nicht aufrecht stehen, aber sitzen - und im Liegen durch das Dachfenster die Sterne sehen. Das ist Minimalismus, wie Joey Kelch es mag - verbunden mit nachhaltigen Baustoffen und im Grunde null Flächenverbrauch. Denn es braucht nur einen Autokran und einen Tieflader, um umzuziehen.

Seit dem 12. November steht das Haus der jungen Schorndorferin nun auf dem Flecken Wiese zwischen Fußweg und Bach - es ist das erste Tiny House überhaupt in Baden-Württemberg, das auf kommunalem Grund steht. Das ganze Projekt am Rande der Schorndorfer Kernstadt liegt nur eine Gehminute von den ersten Schurwald-Hängen entfernt.

Stadt bietet fünf Bauplätze für Tiny Houses an

Das Projekt geht zurück auf eine Initiative des Gemeinderats im Jahr 2019. Die Schorndorfer Stadtverwaltung hatte zunächst vier Flächen für solche Kleinst-Häuser ausgemacht. Am Ende ist es dieses Areal geworden, eine städtische Grünfläche zwischen Bach und Spazierweg, die bislang nicht viel mehr war als ein Hundeklo. Nun sollen hier fünf Tiny Houses aufgestellt werden – das eine von Joey Kelch ist schon bezogen, ein zweites steht bereits seit Mitte Dezember.

Auch Nürtingen plant eine kommunale Tiny-House-Siedlung

Geplant für die Stadt Schorndorf hat das Projekt Svenja Beigl. Die 24-jährige Mitarbeiterin des Fachbereichs Wirtschaftsförderung und Grundstücksverkehr ist der Kopf hinter dem Wohn-Experiment und schon eine gefragte Expertin für andere Kommunen, etwa für Nürtingen (Kreis Esslingen), wo ein ähnliches kommunales Projekt mittlerweile angelaufen ist.

"Wir wollten nicht Neubaugebiets-Flächen für Tiny Houses ausweisen, sondern Flächen, die es bereits gibt und die dem konventionellen Wohnungsbau nicht zur Verfügung stehen für Tiny Houses temporär zu Verfügung stellen", erklärt Svenja Beigl. Es geht um Nachverdichtung, um das nachhaltige Nutzen von Restflächen, um neue Wohnformen.

400 Interessenten gab es beim Schorndorfer Projekt, 40 tatsächliche Bewerbungen waren letztlich dann für die fünf Parzellen eingegangen. Für das Auswahlverfahren hatte die Stadt eigens Kriterien definieren müssen - denn ein Bonus für Familien ist beispielsweise bei Häusern für eine oder zwei Personen wenig sinnvoll. Wert gelegt wurde auf lokale Anbindung und Verwurzelung der Bewerber und auf eine nachhaltige Bauweise, erklärt Svenja Beigl.

Tiny Houses mit einer Pachtzeit von 10 Jahren

Die fünf Bauherren, die nun den Zuschlag erhalten haben, pachten das Areal für zehn Jahre für eine Preis von monatlich 200 bis 240 Euro. Nach Ablauf der Pachtzeit werden Strom- und Wasseranschluss wieder rückgebaut und die Häuser brauchen einen neuen Stellplatz. Der Grund: Es braucht eine zeitliche Befristung, sonst hätte die Stadt den Bebauungsplan ändern müssen. Außerdem hat das Projekt ja ganz explizit den Status eines Experiments.

Für Joey Kelch ist das alles okay - zehn Jahre sind für eine junge Frau ohnehin schon eine ganz schön lange Perspektive. Sie hat erst kürzlich in Göttingen ihren Psychologie-Bachelor gemacht, jobbt nun in ihrer Geburtsstadt, und will sich auf einen Masterstudienplatz in Tübingen bewerben. Die Idee, ein Tiny House zu bewohnen, war der Halb-Australierin in der ausbrechenden Corona-Pandemie gekommen, als sie gerade mal wieder mit einem Camper Down Under reiste und wachsende Lust am minimalistischen Leben entwickelte.

Via Youtube-Community zum Tiny House

Über Youtube hatte sie sich ins Thema Tiny Houses eingefuchst – und tatsächlich hatte sie bei einem Hersteller in Nagold bereits ein solches Haus bestellt, bevor das Projekt in Schorndorf überhaupt gestartet war. "Das war rückblickend gesehen ein Risiko - und ich bin froh, dass es geklappt hat." Nun fehlt nur noch ein hübsches Drumherum zum Glück - im Frühjahr will sie den Matsch und die Paletten ringsum durch Wege und Grün ersetzen. "Dann ist es perfekt."

Transportierbar durch modularen Aufbau

Neben dem Haus von Joey Kelch, getrennt durch einen kleinen Graben, wird derweil schon am zweiten Tiny House gearbeitet. Tim Hepperle aus Neidlingen (Kreis Esslingen) hat im elterlichen Zimmereibetrieb dieses quadratische Haus gebaut - bestehend aus zwei Modulen, die per Schwertransporter angeliefert wurden. Für den jungen Mann, der aktuell in Biberach Holzbau-Projektmanagement studiert, ist es bereits das fünfte Tiny House, dass er baut. Sein Erstlingsgebäude bewohnt er selbst.

"Grundsätzlich ist so ein Haus wie ein normales Haus zu handhaben", erklärt Tim Hepperle - es braucht wie konventionelle Häuser alles an Anschlüssen, Einrichtungen, Dämmung und Heizung - nur eben kleiner dimensioniert und so leicht konstruiert, dass man das Ganze anheben und abtransportieren kann. Da bietet sich Holz als Werkstoff an. "Da lässt sich der Nachhaltigkeitsaspekt natürlich sehr gut verwirklichen." Das von Tim Hepperle gebaute Haus wird im Januar bezogen. Und er selber will sich weiter auf Tiny Houses fokussieren - und das nicht ohne Grund, denn das Interesse am Wohn-Minimalismus wächst.

Tiny House Verband begrüßt Schorndorfer Projekt

Das bestätigt auch Regina Schleyer: "Es tut sich was." Sie ist die Vorsitzende des Ende 2019 gegründeten Tiny House Verbandes mit Sitz in Karlsruhe. Regina Schleyer zählt noch eine ganze Reihe weiterer Orte in Baden-Württemberg auf, wo es Überlegungen für Tiny-Houses-Siedlungen gibt - sei es auf kommunale oder private Initiative hin. Das Problem ist oft der Baugrund. Denn auf konventionellen Neubauflächen wäre der Stellplatz für Tiny Houses sehr teuer, zudem kann die Fläche dort mit klassischen Häusern effektiver genutzt werden. "Insofern ist es also ideal, wenn Kommunen selber Standorte anbieten", sagt sie mit Blick auf das Schorndorfer Modell.

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