Vor der Stuttgarter Tafel in der Hauptstätter Straße warten mittags immer mehr Menschen auf Lebensmittel. (Foto: SWR, Foto: Sophia Volkhardt)

Steigende Verbraucherpreise

Tafeln in der Region Stuttgart: Lebensmittel sind meist knapper

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Sophia Volkhardt

Die aktuellen Preissteigerungen machen sich bei den Tafeln in der Region Stuttgart bemerkbar. Frisches wie Obst oder Gemüse wird dort immer knapper - mit einer Ausnahme.

Milch, Gemüse oder Fleisch sind in den letzten Monaten deutlich teurer geworden. Die Verbraucherpreise sind seit Anfang der 1990er Jahren nicht mehr so stark gestiegen wie im Moment. Nach Umfragen des Münchener Ifo-Instituts planen mehr als zwei Drittel der Lebensmittelhersteller in den nächsten Monaten die Preise weiter anzuheben - der große "Preisschock an der Supermarktkasse" steht also demnach noch bevor. Hintergrund seien unter anderem die stark steigenden Kosten für die Erzeuger. Treibstoff und Düngemittel werden zum Beispiel immer teurer. Darunter leiden besonders die Bedürftigen. Viele Tafel-Läden in der Region Stuttgart stellen fest, dass sie aktuell immer weniger frische Produkte wie Obst oder auch Molkereiprodukte verkaufen können.

Frisches Gemüse oder Obst wird mehr und mehr Mangelware (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Vanessa Reiber)
Eine Mitarbeiterin der Stuttgarter Tafel sortiert Salat. picture alliance/dpa | Vanessa Reiber

Immer mehr Menschen sind auf die Tafel angewiesen

In Stuttgart mit seinen vielen Tafel-Läden klagen die Betreiber über die Engpässe bei bestimmten Lebensmitteln und fürchten die anstehenden Preissteigerungen. Dieses Problem kennt auch Anne Schneider-Müller von der Ludwigsburger Tafel. Das ist aber nicht das einzige Problem, sagt sie.

"Immer mehr Menschen beantragen seit Beginn der Pandemie einen Tafel-Ausweis."

Immer mehr Menschen sind auf die Tafel angewiesen - aber die Lebensmittel werden nicht mehr, so Schneider-Müller. Somit bleibe automatisch weniger für alle übrig. Andererseits sei es grundsätzlich im Winter ein Problem, dass es weniger saisonale Produkte gebe.

Kunden erhalten Einlassnummern vor der Ludwigsburger Tafel (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / dpa | Deniz Calagan (Archivbild))
Die Tafeln versorgen teilweise täglich bedürftige Personen mit stark vergünstigten Lebensmitteln, die nicht mehr lange haltbar sind. Die Tafelkunden müssen sich ausweisen. picture alliance / dpa | Deniz Calagan (Archivbild)

Die Tafeln sind abhängig von Spenden der Supermärkte. So retten die Einrichtungen Lebensmittel vor der Tonne, die kurz vor dem Ablaufen des Haltbarkeitsdatums oder schon darüber liegen. Auch Spenden von Privatpersonen oder Institutionen seien wichtig, heißt es aus Ludwigsburg. Hier sei die Unterstützung von Organisationen wie Rotary- oder Lions Club ein wichtiger Ausgleich.

Scheuen Supermärkte den Aufwand für Lebensmittelspenden?

Die Tafel in Esslingen beklagt, dass in den letzten Jahren immer weniger Lebensmittelspenden von den Supermärkten gespendet würden. Barbara Zaremba-Meyer vermutet, dass die Märkte den organisatorischen Aufwand scheuen und es einfacher sei, die Lebensmittel wegzuschmeißen. Außerdem müsse auch der Handel wegen der steigenden Kosten knapper kalkulieren. Deshalb kämen auch weniger Lebensmittel bei den Tafeln an, was wieder dazu führe, dass stärker rationiert werden müsse.

"Da bekommt dann jede Familie nur eine Aubergine, wenn es an dem Tag kaum welche gibt."

Zaremba-Mayer beobachtet außerdem, dass die Lebensmittelknappheit auch von den Wochentagen abhängt. Anfang der Woche - also an den Montagen - seien die Spenden der Supermärkte noch deutlich reichhaltiger. Mitte der Woche dagegen seien gefragte Lebensmittel Mangelware.

Göppinger Tafel bekommt genügend Spenden

Bei der Göppinger Tafel zeigt man sich sehr zufrieden mit den Spenden der Supermärkte in der Umgebung. Auch wenn viele Lebensmittel im regulären Handel deutlich teurer geworden seien, könne die Tafel durch ihre Fahrten zu den Märkten und Bäckereien weiter den Tagesbedarf ihrer etwa 100 Kundinnen und Kunden abholen. Tafel-Mitarbeiterin Karin Konrad vermutet, dass die Preissteigerungen dafür verantwortlich sein könnten, dass auch die erstklassigen Produkte inzwischen bei der Tafel landen.

"Wir bekommen wirklich inzwischen wunderschöne Sachen - also die Qualität von dem Obst und Gemüse ist meist sehr gut."

Konrad nimmt an, dass erstklassige Produkte auch den Kundinnen und Kunden im Supermarkt zu teuer geworden seien - mit der Folge, dass die Waren bei der Tafel landen. Auch in Göppingen gab es allerdings zu Beginn der Corona-Pandemie deutlich mehr private Spenden als heute. Die Menschen hätten durch die Pandemie zum ersten Mal wieder ein breiteres Bewusstsein für die Nöte der Bedürftigen entwickelt, so Konrad. Inzwischen bekommen auch viele Normalverdiener die gestiegenen Preise zu spüren.

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Alle Tafeln in der Region eint die Sorge vor den Preisentwicklungen in den kommenden Monaten. Immer mehr Menschen könnten in die Bedürftigkeit rutschen und die Tafeln könnten einen Großansturm mit immer weiter zurückgehenden Spenden nicht bewältigen. Und das, obwohl so viele Lebensmittel verschwendet werden und im Müll landen.

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